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dvb-aktuell vom 23.05.2016

Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten - Brain Analyse zur Versicherungswirtschaft

Zielstrebig treibt die Versicherungswirtschaft ihre Digitalisierung voran. Die Unternehmen legen digitale Kundenbindungsprogramme auf, bringen neue Tarife unter Nutzung digitaler Technologien auf den Markt und setzen intern zunehmend auf digitale Prozesse.

Die internationale Managementberatung Bain & Company hat eine Analyse erstellt. Demnach erlebt erlebt die Versicherungsbranche derzeit spürbare Veränderungen in fünf Bereichen: digitale Plattformen, Omnikanal, Big-Data-Nutzung, Dunkelverarbeitung und Aufbau agiler Organisationen. "Für die meisten Versicherer ist die Digitalisierung eine der höchsten Prioritäten, wenn nicht die höchste", erklärt Dr. Christian Kinder, Bain-Partner und Leiter der Praxisgruppe Versicherungen im deutschsprachigen Raum. "In diesen Bereich investieren viele Anbieter mittlerweile dreistellige Millionenbeträge."

Noch am Anfang steht die Versicherungswirtschaft bei digitalen Plattformen, die herkömmliche Internetportale ersetzen sollen. Hier ist die Versicherungswirtschaft nicht gut aufgestellt. Diese Plattformen sollen den Kunden eine zentrale Anlaufstelle für alle Themen bieten, wie zum Beispiel Gesundheit oder Kfz. Solche Angebote verbessern das Kundenerlebnis und stärken zusammen mit neuartigen Bonusprogrammen die Kundenbindung. So begegnen etablierte Häuser auch der Gefahr, dass sich Intermediäre zwischen sie und ihre Kunden drängen, wie in anderen Ländern geschehen.

Dem gleichen Ziel dient der Wandel vom Multi- zum Omnikanal. Mit der Vernetzung ihrer zumeist siloartigen Vertriebsstrukturen schaffen die Versicherer eine grenzenlose Kundenreise. Die Kundendaten stehen so zu jeder Zeit auf allen Vertriebskanälen zur Verfügung.

Auch die Nutzung von Big Data und dem Einsatz von Advanced Analytics ist im Fokus der Branche. „Bis 2020 planen die Lebensversicherer, ihre Ausgaben für Big-Data-Analysetechnologien pro Jahr um 24 Prozent zu steigern, die Sachversicherer sogar um 27 Prozent“, teilt Brain mit. Vorreiter ist die Kfz-Versicherung, bei der erste Telematik-Tarife Boxen oder Apps nutzen, um das Fahrverhalten zu messen und individuelle Beiträge zu kalkulieren. "Jüngere Autofahrer können bei einigen Telematik-Tarifen bis zu 40 Prozent der Prämie sparen", betont Bain-Partner und Versicherungsexperte Dr. Florian Mueller. "In den nächsten Jahren dürften diese Tarife deshalb deutliche Marktanteile erobern."

Mit Blick auf innovative Tarifgestaltung ist Mueller überzeugt: "Die Nutzung großer Datenmengen ist eine Kernkompetenz und das Herzstück von Versicherungsunternehmen. Und dies wird sich im 21. Jahrhundert durch Big Data und Advanced Analytics noch deutlich weiterentwickeln."

Dazu müssen laut Brain allerdings die Unternehmen bestehende Denkmuster aufbrechen und interne wie externe Daten konsequenter nutzen. An dieser Stelle kommen dann selbstlernende IT-Systeme ins Spiel. Eine intelligente Dunkelverarbeitung hält laut Bain-Analyse bereits Einzug in zentrale Prozesse wie Underwriting und Schadenmanagement.

Entscheidenden Einfluss auf den Erfolg im digitalen Zeitalter werden Geschwindigkeit, Agilität und Fehlertoleranz haben - Faktoren, die für das Versicherungsgewerbe bisher eher untypisch waren. Dieses ist die wohl größte Herausforderung für die Organisationen.

Laut Brain experimentieren Unternehmen bereits mit Hackathons und Digital Days, andere etablieren hauseigene Labs zur Förderung von Innovationen. Vier Grundregeln seien zu beachten:

1. Konsequentes Denken aus Kundensicht. Knapp 80 Prozent der Kunden wollen in den nächsten fünf Jahren über digitale Kanäle mit ihrem Versicherer interagieren. Je besser die Anbieter auf diese Bedürfnisse eingehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ihre Kunden langfristig zu binden.

2. Entschlossenes Handeln ist das Gebot der Stunde. Die Hoffnung trügt, das Risiko von Fehlentscheidungen und -investitionen durch eine Bündelung von Maßnahmen in einem großen Projekt minimieren zu können. Sehr reell ist dagegen die Gefahr, den Anschluss an den Markt zu verlieren.

3. Aufbruchsstimmung in allen Abteilungen. Die Digitalisierung ist kein Vorstands- oder Abteilungsprojekt, sondern muss das gesamte Unternehmen erfassen sowie von allen Führungskräften verstanden und gelebt werden.

4. Wandel wird Alltag. Versicherungen denken langfristig und aus Risikoperspektive. Das ist in der Tarifkalkulation und im Underwriting auch weiterhin notwendig. Gleichzeitig brauchen sie jedoch auch einen größeren Risikoappetit gepaart mit einer "Fast-Failure-Kultur", um im Versicherungsmarkt von morgen zu bestehen.

 

Quelle: Bain & Company


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