Versorgungswerk der Zahnärzte: Wie über eine Milliarde Euro verloren ging

In der Reihe Handelsblatt Crime, moderiert von Solveig Gode, rekonstruieren die Investigativ-Reporter René Bender und Lars-Marten Nagel einen Fall von historischem Ausmaß: Beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB), der Rentenkasse von rund 11.000 Zahnärzten aus Berlin, Brandenburg und Bremen, fehlt mehr als eine Milliarde Euro. Es geht um riskante Direktinvestments von einer Recyclingfirma in Kalifornien über eine Garnelenzucht in Schleswig-Holstein bis zu einem Luxusresort auf Ibiza, um mutmaßliche Interessenkonflikte, eine Motorjacht des Typs Pershing 5X und um Kontrollinstanzen, die über Jahre nichts bemerkt haben sollen. Die Folge gibt Einblicke, wie es zu der Schieflage kommen konnte und wer dafür nun zur Verantwortung gezogen werden soll.

Aus der sicheren Anlage wurde ein Milliardenrisiko

Versorgungswerke sollen die Pflichtbeiträge ihrer Mitglieder möglichst sicher anlegen, etwa in festverzinsliche Wertpapiere. Beim VZB lief es anders: Mehr als 70 Prozent des Vermögens flossen offenbar in Risikoinvestments wie unbesicherte Darlehen, Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen, Startups und Immobilien. Mehr als die Hälfte des Vermögens soll verloren sein, die Lücke beträgt nach derzeitigem Stand 1,15 bis 1,2 Milliarden Euro.

Den Strategiewechsel begründete man mit der Niedrigzinsphase nach der Finanzkrise 2008. Der spätere Vorsitzende des Verwaltungsausschusses warb in einem Geschäftsbericht für neue Wege und sah eine besondere Chance in Direktinvestments. Das VZB könne anders agieren als große Investoren, hieß es zur Devise: „Man könne schnell zuschlagen, denn man sei klein genug, um kurze Wege beizubehalten und groß genug, um als Marktplayer ernst genommen zu werden.“

Zwei Männer prägen die Geschäfte

Im Zentrum stehen zwei Personen. Ralf Woltmann wird im Januar 2000 Geschäftsführer und lässt sich kurz nach Amtsantritt zum Direktor umbenennen, obwohl der Job derselbe bleibt. Der zweite Mann ist Ingo Rellemeier, Zahnarzt in Berlin-Kreuzberg, der 2004 in den Verwaltungsausschuss einzieht und ab 2013 dessen Vorsitz übernimmt. In dieselbe Zeit fällt der Wechsel der Investmentstrategie.

Der sechsköpfige Verwaltungsausschuss aus ehrenamtlichen Zahnärzten musste die Investments absegnen. Waren sich Direktor und Vorsitzender einig, fiel ein Widerspruch der übrigen Mitglieder offenbar schwer, auch wegen der Gruppendynamik in einem geschlossenen Gremium.

Üppige Vergütung und mutmaßliche Interessenkonflikte

Woltmann führte neben seinem Direktorenposten rund 15 weitere Mandate als Geschäftsführer, Aufsichtsrat oder Beirat in Beteiligungsfirmen des VZB. Laut einer separaten Klage soll er aus diesen Mandaten mehr verdient haben als aus seiner Haupttätigkeit, ohne dass eine Ablieferungspflicht angeordnet wurde. Warum es diese nicht gab, ließ sich bis heute nicht aufklären. Sein Verdienst stieg von 115.000 Euro im Jahr 2012, Boni eingerechnet, bis 2019 auf 640.000 Euro und pendelte sich danach bei 400.000 Euro ein, hinzu kamen die Mandatsvergütungen. Der Direktor des Versorgungswerks war, wie es im Podcast heißt, im Wortsinne prächtig versorgt.

Besonders aufschlussreich ist eine E-Mail, die Rellemeier am 5. Februar 2024 an Woltmann geschickt haben soll, rund ein Jahr vor dem Auffliegen. Darin heißt es unter anderem: „Die üppigen Boni der Jahre 16, 17, 18 habe ich nicht nur geduldet, sondern argumentiert im Verwaltungsausschuss. Ich dulde die Beschäftigung deiner Frau im VZB. Deine Tochter wird üppig entlohnt in der Holding angestellt. Das alles sind Interessenkonflikte, die ich dir zuliebe akzeptiere.“ Die Mail benennt die Probleme also selbst und ist zugleich Vorwurf und Eingeständnis. Die Anwälte beider Seiten äußerten sich dazu nicht.

Ibiza, eine Cliff-Suite und eine Motorjacht

Ein Zwischenbericht der vom VZB beauftragten Anwälte aus dem Juni 2025 nährt Zweifel am Verhalten Rellemeiers. Im Mittelpunkt steht das Luxusresort Seven Pines auf Ibiza der 12.18 Unternehmensgruppe. Das VZB lehnte 2014 ein Investment zunächst ab. Während das Versorgungswerk absagte, erwarb Rellemeier privat zwei Wohneinheiten, finanziert unter anderem mit einem Darlehen von 423.000 Euro jener 12.18-Gruppe. Ein Jahr später beteiligte sich auch das VZB, am Ende flossen Darlehen von rund 40 Millionen Euro plus direkte Beteiligungen. Das Resort schreibt bis heute Verluste.

Für Rellemeier lief es laut den Prüfern besser: 2017 tauschte er seine Einheiten gegen eine attraktivere Cliff-Suite mit Meerblick, angeblich zu einem vergünstigten Preis, dazu sollen ihm fast 100.000 Euro Renovierungskosten erlassen worden sein. Die Suite verpachtete er für mindestens 50.000 Euro jährlich an die Betreiber. Bemerkenswert ist zudem ein Chartervertrag über eine Motorjacht Pershing 5X: Obwohl das Resort über keinen eigenen Bootsanleger verfügte, garantierte der im Sommer 2020 mitten in der Corona-Pandemie geschlossene Vertrag einer privaten Gesellschaft monatliche Einnahmen von mindestens 8.000 Euro, unabhängig von der Nutzung. 2024 verlangte Rellemeier für die vorzeitige Auflösung seiner Pachtverträge eine Vergütung von 900.000 Euro. Sein Anwalt erklärte, die Vorwürfe zeichneten ein einseitiges und unvollständiges Bild.

Die Kontrollinstanzen, die offenbar nichts bemerkten

Die Reihe der Stellen, die hätten warnen können, ist lang. Das Limit für eine Einzelbeteiligung liegt bei einem Prozent des Sicherungsvermögens. Dazu sagt der heutige Aufklärer Thomas Schieritz: „Bei uns wurden die Quoten regelmäßig extrem gerissen.“ Das fiel dem Aufsichtsausschuss als internen Kontrollgremium nicht auf, obwohl das VZB schon Anfang der 2000er-Jahre durch riskante Immobiliengeschäfte Probleme hatte und der damalige Geschäftsführer verurteilt wurde. In den Gremien saßen nur Zahnärzte, keine Finanzexperten.

Auch die externen Profis griffen nicht ein. Die Risikoberichte der Apo Bank übernahmen Bewertungen des VZB laut Klage weitgehend unüberprüft, ein eigentlich extern vorgeschriebenes Rating wurde offenbar intern von einer Mitarbeiterin geschätzt. Die Wirtschaftsprüfer prüften die Jahresabschlüsse von 2014 bis 2022, ohne den Skandal aufzudecken, eine Parallele zum Fall Wirecard, die im Podcast mehrfach gezogen wird. Und auch die Versicherungsaufsicht des Landes Berlin bemerkte nach Darstellung des VZB nichts. Apo Bank, Wirtschaftsprüfer und Land Berlin weisen die Ansprüche zurück oder verweisen auf das laufende Verfahren.

Ein einzelner Zahnarzt bringt alles ins Rollen

Aufgedeckt hat den Fall keine der Kontrollinstanzen, sondern der Oralchirurg Alexander Klutke, Mitglied der Vertreterversammlung. Mit einem befreundeten Wirtschaftsprüfer wertete er öffentlich verfügbare Jahresabschlüsse aus und stellte Widersprüche fest. Zwischen dem 14. Januar und dem 21. Februar 2025 richtete er 14 Briefe an den Vorsitzenden des Aufsichtsausschusses. Er stellte fest, dass das VZB 2023 rund 84 Millionen Euro aus der Rückstellung für die Überschussbeteiligung entnehmen musste und kritisierte, dass Verluste und Abschreibungen erst sichtbar geworden seien, als die Schäden bereits eingetreten waren.

Die Briefe kursierten rasch, Medien berichteten, und intern setzte sich vieles in Bewegung: Mitte Januar 2025 musste Direktor Woltmann gehen, im April folgte die Abberufung Rellemeiers, danach übernahm Schieritz. Nicht alle stützten die Aufklärung. Ein damaliges Verwaltungsausschuss-Mitglied warf Klutke auf Facebook eine Agitation vor, behauptete, die Renten seien nicht in Gefahr und sprach von dem Ziel, das Versorgungswerk zu zerstören. Nur knapp drei Monate später ging das Schreiben über die drohenden Kürzungen an die Mitglieder.

Klage über 2.000 Seiten und Ermittlungen gegen mehr als 20 Verdächtige

Die Schadensersatzklage umfasst rund 2.000 Seiten und richtet sich gegen die früheren Gremienmitglieder, die Apo Bank, die Wirtschaftsprüfer und vor allem gegen das Land Berlin, bei dem am ehesten Geld zu holen wäre. Festgestellt werden soll zunächst die Schadensersatzpflicht, die genaue Summe folgt später. Parallel ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gegen mehr als 20 Verdächtige, unter anderem wegen Korruption, Betrugs und Untreue in einem besonders schweren Fall. Schieritz sieht wirtschaftliche Fehlinvestitionen und korruptives Verhalten als verbunden: „Wir sind überzeugt, dass die wirtschaftlichen Fehlinvestitionen, die da getätigt wurden, aufgrund des korruptiven Verhaltens wahrscheinlich passiert sind.“

Der beauftragte Professor Holger Wassermann bezifferte den Schaden Ende 2025 auf mehr als eine Milliarde Euro und berichtete, seine Prüfer hätten oft bei Null beginnen müssen, weil Unterlagen zur Bewertung der Kapitalanlagen fehlten. Fast 700 Millionen Euro seien spekulativ verliehen worden, nur 40 Millionen auf Investmentgrade entfallen. Die kalifornische Recyclingfabrik steht für rund die Hälfte der zusammengerechneten Insolvenzschäden von 275 Millionen Euro, die Garnelenzucht ging ebenfalls insolvent.

Folgen für die Mitglieder

Für die Zahnärzte wird es bitter. Bestandsrenten sollen um etwa 10 bis 15 Prozent gekürzt werden, Witwen- und Waisenrenten möglichst nicht angetastet werden, am härtesten trifft es die heutigen Einzahler, in Einzelfällen drohen Kürzungen von bis zu 70 Prozent. Eine 57-jährige Zahnärztin aus dem Wedding, seit 1993 Mitglied, rechnete ursprünglich mit rund 2.400 Euro Rente und könnte bei einer Halbierung bei etwa 1.200 Euro landen. Sie erfuhr von der Schieflage über eine Mitteilung im Mitgliederportal: „Ich war geschockt im ersten Moment, habe mir das noch in der Praxis ausgedruckt und bin dann erst mal nach Hause.“ Auf die Aussichten der Klage angesprochen, sagte sie: „Hoffnung habe ich wenig. Hoffnung ist wirklich nur, dass die Leute, die verantwortlich waren, zur Rechenschaft gezogen werden.“

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

Kommentare

Peter Schramm am 01.06.2026 um 14:31:44

Ein Versorgungswerk muss bei einem Verlust des Kapitals die Renten nicht kürzen. Versorgungswerke sind auf angesammeltes Kapital nicht angewiesen, weil es keine Vorschrift gibt, die ihnen verbietet, genau wie die gesetzliche Rentenversicherung im Umlageverfahren zu arbeiten. Der Nachwuchs ist ihnen sicher, weil die Mitglieder pflichtversichert werden. So kann also ein auf einem Generationenvertrag aufsetzendes Umlageverfahren, gerne auch mit einer anteiligen zusätzlichen Kapitaldeckung, betrieben werden. Genug Zahnärztenachwuchs wird es wohl - im Gegensatz zu dem von Adenauer noch als genug unterstellten Kindernachwuchs - immer geben. Wie Renten beim Übergang vom Kapitaldeckungs- zum Umlageverfahren gesteigert werden können, hat Adenauer mit seiner Rentenreform gezeigt.