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04.07.2012 - dvb-aktuell

EU-Kommission: Provisionen sollen offengelegt werden

Versicherungsvertreter sollen ihren Kunden offen legen, für wen sie arbeiten und welches Honorar sie erhalten. Dies hat der zuständige EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier vor dem EU-Parlament vorgeschlagen und den Entwurf der Richtlinie IMD-2 (Insurance Mediation Directive) vorgelegt.

Die Versicherungsvermittler-Richtlinie (IMD-1) war 2002 eingeführt worden und wird nun neu gefasst. Danach sollen Versicherungsvertreter ihren Kunden ab 2014 automatisch mitteilen müssen, für wen genau sie arbeiten und was für ein Honorar oder für eine Provision sie für den Vertragsabschluss erhalten. Unabhängig davon, ob es sich um eine Maklercourtage oder eine Gebühr handelt, soll der Vermittler den präzisen Betrag nennen. Falls das nicht möglich ist, muss er zumindest die Kalkulationsbasis offenlegen. Allerdings soll es für Nicht-Lebensversicherungen eine Übergangsperiode von bis zu fünf Jahren geben.

Makler sollen benachteiligt werden

Unabhängige Vermittler müssten zudem eine ausreichend große Zahl von am Markt verfügbaren Versicherungsprodukten bewertet haben. Einen ähnlichen Ansatz enthält schon der Entwurf der Kommission zur Überarbeitung der EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (Mifid).

Falls beide Vorschläge umgesetzt werden, würde es vor allem die Makler treffen. Zwar wird die Provision generell noch nicht ganz offenlegt, aber die vom Kunden zu zahlenden Vertriebs- und Verwaltungskosten müssen in Deutschland bei Lebens- und Krankenversicherungen schon jetzt in den Produkt-Informationsblättern ausgewiesen werden. „In punkto Kostentransparenz sind wir in Deutschland also de facto weiter, als der Vorschlag aus Brüssel es vorsieht“, erklärte der GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth.

Weitere parlamentarische Schritte folgen

Der Entwurf von IMD-2 liegt bislang nur in englischer Sprache vor. Die Regelungen sollen für alle Absatzformen gelten. Sie betrifft dann auch Banken, Versicherer mit Direktvertrieb sowie andere Unternehmen, die im Zusammenhang mit ihrer Geschäftstätigkeit Versicherungen vermitteln, etwa Autovermieter. Wie die Novelle endgültig aussehen wird, bleibt abzuwarten. Damit die Vorschläge Gesetz werden, müssen Europaparlament und Ministerrat noch zustimmen.

Für Unruhe sorgt der Vorstoß aber schon jetzt. Denn damit würde einseitig die Honorarberatung als unabhängige Beratungsform protegiert. Für Honorarberatung gibt es in Deutschland derzeit noch nicht mal eine gesetzliche Definition. Sie ist für die meisten Privatanleger nach wie vor kein Thema (siehe früherer Artikel). Nur 19 Prozent sind bereit, für eine neutrale Anlageberatung zu zahlen, fand kürzlich eine TNS-Infratest-Studie heraus. Danach fühlen sich sogar 84 Prozent auf Provisionsbasis objektiv beraten (siehe früherer Artikel).

Deutsche lehnen Honorarberatung ab

Laut Infratest-Umfrage sind 68 Prozent der Honorar-Befürworter nicht bereit sind, bis zu 150 Euro pro Stunde für die Beratung zu zahlen. Die notorische Unlust, für finanzielle Bildung entsprechende Preise zu bezahlen, hat zu den drei aktuellen Vertriebsformen geführt (siehe früherer Artikel).

Das Dilemma: Anleger und Versicherungskunden suchen neutralen Rat. Die Berater müssen Produkte verkaufen, solange die Investoren weder Beratung noch Geschäftsbesorgung offen bezahlen. Wer vorne nicht viel verlangen darf, wird hinten kräftig zupacken. Bislang dominiert die Provisionsberatung mit 95 Prozent aller Fälle. 

Kommentare

Joachim Berndt - am 04.07.2012

Hat sich eigentlich schon mal jemand überlegt, ob Deutschland nicht ernsthaft aus der EU raus kann? Die wollen unser Geld, aber gleichzeitig nehmen sie uns die Grundlage, es zu verdienen.

Michael Wöll - am 04.07.2012

Das ist wieder ein Paradebeispiel , wie wenig Ahnung EU-Bürokraten von der Praxis haben. Geht der Herr aus Brüssel auch umsonst arbeiten? Der unabhängige Berater soll schon wieder der Sündenbock der EU-Regulierung sein.

Erika Fait - am 04.07.2012

Das EU-Parlament sollte sich zunächst einmal darauf konzentrieren, dass die Versicherungsvermittler-Richtlinie 2002 tatsächlich befolgt. Es gibt immer noch sehr viele "schwarze Schafe" am Markt. Makler sind ausreichend damit beschäftigt, das bei Kunden stetig wachsende negative Image der Branche zu beseitigen. Wenn Vermittler / Makler als Dienstleister die Einnahmen = Einkaufspreise offenlegen sollen, möchte ich als Verbraucher auch die Einkaufspreise über alle Branchen wie z. B. insbesondere Handel, Textil, Auto usw. beim Einkauf erfahren, damit ich meinen Einkauf optimieren kann. Ich empfehle eine G l e i c h b e h a n d l u n g aller Branchen und kein "Rosinenpicken", wodurch noch mehr Unruhe in den Markt gelangt.

Norman Argubi - am 04.07.2012

Es ist im Grunde genommen eine Frechheit, wie sehr die Politik in Brüssel gegen die Interessen einer ganzen Branche und gegen die Interessen der Bürger agiert. Wenn niemand der Betroffenen eine solche Regelung wünscht, aus welchem Grund werden dann diese Arbeiten weiter vorangetrieben?

Es kann doch im Sinne echten Verbraucherschutzes nur darum gehen, echt unabhängige Beratung zu fördern und nicht zu begrenzen. Hier werden hoch bezahlte EU-Beamte beschäftigt für Dinge, die niemand braucht, keinem helfen und von niemandem gewollt sind.

Horst Dreibach - am 04.07.2012

Herr Barnier sollte seine Kollegen der EU-Kommission dazu auffordern, mit gutem Beispiel voranzugehen und automatisch mitzuteilen, für wen genau sie arbeiten und was für ein Honorar oder für eine Provision sie für ihre Tätigkeiten erhalten. Unabhängig davon, um was für eine Tätigkeit es sich handelt, sollten auch EU-Parlamentarier den präzisen Betrag nennen.

Im Zuge der Gleichstellung und des Antidiskriminierungsgesetzes müssten doch gleichzeitig alle Berufe reguliert werden. Diese Damen und Herren sind wohl so weit weg von der Realität, dass sie nicht merken, dass die Versicherungslobby lediglich ihren Ausschließlichkeitsvertrieb stärken will. Wo bleibt der Verbraucherschutz durch unabhängige Beratung?

Philipp Clemens - am 04.07.2012

Geehrter Finanz- und Versicherungsmakler,

Warum sollen nicht weiterhin Banken und Versicherer die Arbeit von uns Vermittlern bezahlen, sondern der Kunde? Wird dadurch die Produktqualität besser? Wird dadurch die Gesamtkostensituation für den Kunden wirklich besser? Nein.

Lassen Sie uns doch alle eine E-Mail an den EU-Kommissar schreiben. Er weiß wahrscheinlich nichts von unserer Situation in Deutschland. Vielen Dank. Alle müssen jetzt aufklären:

To contact the Commissioner by post, please send your queries to the following address:

Michel Barnier
European Commissioner for Internal Market and Services
European Commission
BERL 10/034
B - 1049 Brussels
(Belgium)
by phone +32 (0)2 298.17.51,
by fax +32 (0)2 292.13.47
or send an e-mail to: Michel.Barnier@ec.europa.eu

Ingeborg Behrendt - am 04.07.2012

Jetzt reicht es wirklich.Wann endlich lernen Versicherungsmakler, dass sie sich nur gemeinsam wehren können? Kein Mensch regt sich über hohe Provisionen von Immobilienmaklern mit zum Teil mehr als 7 Prozent - ohne Stornohaftung - auf.
Falls diese Richtlinie durchkommt, verlangen wir, dass im Rahmen der Gleichbehandlung a l l e ihre Einkommen, gleich welcher Art, offenlegen - vor allen Dingen diejenigen, die solche völlig unnötigen und unsinnigen Vorschläge einbringen und sogar durchsetzen.

Dr. Dariusch Schadlu - am 05.07.2012

Die Finanzwelt sucht nun offenbar Bauenopfer für die Krise. Welch ein schöner Anlass, gleichzeitig die unabhängigen Makler mit wegzufegen. Eine Zunft, welche im Wettbewerb zum Wohle der Kunden arbeitet und auch mal gegen die Maßgaben der Poltik berät.
Dann wird es im Kern wohl nur noch Online- Abwicklungsplattformen ohne Beratung geben. Was das Resultat sein wird, ist völlig klar: noch mehr Fehler bei der Auswahl der Produkte. Keine konzeptbezogene bedarfgerechte Auswahl der Produkte.
Da die Versicherungs- und Finanzbranche es geschafft haben, die reale Kostenquote völlig auszublenden, werden bereits jetzt im Produktinformationsblatt lediglich die Abschlusskosten in den Fokus gerückt. Jetzt soll den "hohen" Abschlusskosten dem Produktinformationsblatt ein Gesicht gegegeben werden - nämlich das des bösen Maklers.
Hier hilft nur die Politik der Nadelstiche und Aufklärung in Maklerkreisen, Petitionen, Schreiben an Politiker.

Peter Schäffer - am 19.07.2012

Ich finde den Vorschlag der EU Kommission völlig in Ordnung. Ich erhebe allerdings Anspruch auf Gleichbehandlung: Alle Einkommen, gleich welcher Art, sollten offengelegt werden. Unsere Abgeordneten müssten ihre Nebeneinkünfte nach einem Dreistufensystem veröffentlichen. Stufe eins: Einkünfte von 1.000 bis 3.500 Euro, Stufe zwei: Einkünfte zwischen 3.500 bis 7.000 Euro, Stufe drei Einkünfte über 7.000 Euro. Da sich der Wähler mit diesen Auskünften zufrieden zu geben hat, denke ich, dass auch der Verbraucher mit diesen Angaben leben könnte. Provisionen unter 1000 Euro bräuchten wegen Geringfügigkeit gar nicht angegeben zu werden.

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