Im Podcast Make Economy Great Again sprechen Ulf Poschardt und Ökonom Daniel Stelter über eine Republik, die sich das Sommerloch abgewöhnt hat. Zur Sprache kommen der Absturz der einst reichsten Autostadt Deutschlands und die Rechenkünste der EU-Kommission beim Thema KI.
Stuttgart: Von der Rekordkommune zur Notlage in zwei Jahren
Das Lehrstück der Folge heißt Stuttgart. Heimat von Mercedes, Porsche und Bosch. Jahrzehntelang Synonym für Wohlstand, nun tief in den roten Zahlen. Ein Minus von rund 711 Millionen Euro im Jahr 2025.
Stelter hält das nur für den Anfang. Die Gewerbesteuer sei bislang kaum eingebrochen, was viele in falscher Sicherheit wiege: "Es ist vor allem ein Blick in den Rückspiegel, was wir hier erleben." Die eigentliche Erosion stehe bevor, wenn Verlagerungen ins Ausland und Stellenabbau bei BMW, Porsche, Daimler und Bosch in den Statistiken ankommen. München nennt er als zweites Beispiel, dort habe sich die Stadtverschuldung binnen weniger Jahre verzehnfacht.
Besonders unangenehm werde es beim Immobilienmarkt. In den Autostädten kämen die Preise bereits unter Druck. Wer dort seinen Arbeitsplatz verliere, erlebe einen doppelten Schlag: Kein neuer Job und zugleich eine Immobilie, die nicht mehr das wert ist, was sie einmal wert war.
Die politische Pointe: Das Wahlverhalten ändert sich trotzdem nicht. Viele Bürger seien so weit von der wirtschaftlichen Realität entfernt, dass sie nach Wunschbildern wählten, weil ihr eigenes Einkommen ohnehin vom Staat komme. Sein Schlusssatz zum Thema: "Wohlstand muss man sich ständig neu verdienen." Ein einmal geschaffener Wohlstand sei ziemlich schnell wieder weg, gerade in einem Land ohne natürliche Ressourcen.
Das Problem ist der Standort, nicht das Verbrennerverbot
Der Markt hat sich strukturell verändert. In China und teilweise in den USA sei über Jahrzehnte das Geld verdient worden, Europa sei schwierig gewesen. Nun falle der chinesische Markt weitgehend weg, weil dortige Hersteller früh auf Batterieforschung gesetzt und einen brutalen Wettbewerb entfacht hätten.
Beim Verbrenner sei Überlegenheit spürbar, in der Elektromobilität verschwimme sie: "Alle Elektroautos lassen erstmal den Porsche stehen. Das heißt, wie definierst du da Premium?"
Laut einer Fraunhofer-Studie gehen im Antriebsstrang in Europa bis 2040 rund 45 Prozent der Arbeitsplätze verloren, über 700.000 Stellen. Die Unternehmen handelten zu zögerlich. Für die Firmen selbst sei er nicht einmal pessimistisch, sie produzierten dann eben anderswo. Skeptisch sei er für den Standort Deutschland.
Poschardt hält dagegen und verweist auf Ferrari als Vorbild für konsequente Wertschöpfung statt Volumen. Stelter rechnet nach: Ferrari erziele Durchschnittspreise zwischen 300.000 und 400.000 Euro bei rund 15.000 Fahrzeugen, Porsche liege bei 100.000 bis 120.000 Euro und produziere etwa 300.000 Autos. Ein Umbau in diese Richtung würde viele Arbeitsplätze kosten. Interessant auch das Detail zur Risikostreuung: Ferrari könne in China deutlich mehr verkaufen, begrenze sich aber bewusst auf einen einstelligen bis knapp zweistelligen Anteil.
Zehn Milliarden für den KI-Kontinent, 2.500 neue Beamte
Die Ankündigung der Kommissionspräsidentin, Europa werde mit zehn Milliarden Euro zum führenden KI Kontinent, sorgt bei beiden für Erheiterung, zumal parallel 2.500 zusätzliche Stellen in Brüssel geplant sind. Der Haushaltsrahmen solle massiv ausgeweitet werden, südliche Staaten drängten darauf, die Corona-Schulden nicht regulär zu tilgen. Sein Urteil: "Das ist im Prinzip Länderfinanzausgleich auf EU-Ebene."
Die EU solle den Binnenmarkt endlich vollenden. Interne Handelshemmnisse entsprächen je nach Bereich Zöllen zwischen 40 und 100 Prozent. Stattdessen fließe Geld in Agrarsubventionen und Bürokratie. Und die deutsche Klage über Brüssel hält er für unaufrichtig, schließlich sitze man mit am Tisch und nicke ab.
Dänemark als Gegenbeweis
Eine sozialdemokratische Regierungschefin habe in Dänemark ein höheres Renteneintrittsalter durchgesetzt und zugleich die Migrationspolitik neu ausgerichtet. Poschardts These: Wer an einem Punkt mit der ökonomischen Realität ernst mache, werde auch an anderer Stelle realistisch. Reformfähigkeit sei also keine Frage des Parteibuchs.



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