„Wir haben die Grundlagen unserer Wirtschaft systematisch zerstört.“

Im Cicero Podcast spricht der Ökonom Dr. Daniel Stelter über die globale Schuldenkrise und ihre Folgen. Eine unheilvolle Entwicklung: Warum Staatsschulden niemals wirklich zurückgezahlt werden, weshalb Frankreich gefährlicher ist als Italien, und warum der deutsche Bundeshaushalt bereits 2030 vollständig blockiert sein wird. Seine Prognose: Eine Dekade der Vermögensvernichtung steht bevor, in der Sparer über Inflation systematisch enteignet werden.

Der Staat als problematischer Schuldner

Während private Schulden produktiv sein können und zu Wachstum führen, funktioniert das bei Staaten anders. "Der Staat ist ein Schuldner, der keinen Druck verspürt", erklärt Stelter. Die entscheidende Erkenntnis: "Die Staaten zahlen die Schulden eigentlich nie richtig zurück, sondern meistens schulden sie einfach um."

Das eigentliche Problem wird durch die offiziellen Zahlen verschleiert. Deutschland weist zwar nur 70 Prozent Schuldenquote aus, doch die Wahrheit sieht düsterer aus: "Die wirkliche Staatsverschuldung liegt bei einem Vielfachen, bei weit über 300 Prozent des Bruttoinlandsproduktes", so Stelter unter Verweis auf Studien von Professor Raffelhüchen. Diese versteckten Schulden entstehen durch Versprechungen für Renten, Pensionen, Pflege und Krankenversicherung.

2030: Der Haushalt ist blockiert

Die Situation verschärft sich weiter. Stelter warnt: "2029, 2030 spätestens werden alle Ausgaben, also alle Einnahmen des Bundes draufgehen für Soziales, für Verteidigung und für Zinsen. Das heißt, wir bräuchten eigentlich gar nicht mehr zu wählen, weil die Politiker gar keinen Verhandlungsspielraum mehr haben."

Auch die Bundesbank und die Wirtschaftsweisen teilen diese Einschätzung. Die Konsequenzen: Der Staat kann seine Kernaufgaben nicht mehr wahrnehmen, Investitionen fallen aus, und am Ende werden Versprechen kassiert.

Frankreich: Das größere Risiko in der EU

Stelters Einschätzung zur Eurozone: Nicht Italien, sondern Frankreich bereitet ihm die größten Sorgen. "Frankreich hat von allen EU-Staaten, wenn Sie die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten zusammen nehmen, die höchste Verschuldung."

Italien könnte seine Probleme theoretisch selbst lösen, da italienische Privathaushalte vermögend und gering verschuldet sind. Frankreich hingegen ist auf allen Ebenen hoch verschuldet und politisch praktisch unregierbar, da Rechte und Linke jeden Sanierungskurs blockieren. "Frankreich ist das größere Problem und weil Frankreich so wichtig ist, gehe ich davon aus, dass die EZB am Ende in die Rolle gezwungen sein wird, die Finanzierung der Staaten zu sichern."

Finanzielle Repression: Die schleichende Enteignung

Der wahrscheinlichste Weg aus der Schuldenkrise ist die finanzielle Repression. "Inflation ist das beste Szenario, das wir haben können, um aus dieser Situation rauszukommen", prognostiziert Stelter. Das Prinzip: Höhere Inflationsraten bei künstlich niedrig gehaltenen Zinsen enteignen die Sparer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg funktionierte dieses Modell. "Ungefähr 80 Prozent der Entschuldung, die nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hat, erfolgte durch Inflation." Heute ist das schwieriger, da das Kapital mobil ist. Deshalb diskutiert die EU bereits Maßnahmen zur Einschränkung des freien Kapitalverkehrs unter dem Vorwand einer "europäischen Sparunion".

Stelters Warnung ist eindeutig: "Wir befinden uns in einer Dekade der Vermögensvernichtung. Glücklich kann derjenige sein, der mit einem blauen Auge davonkommt."

Der Chinaschock und Europas Selbstschwächung

Die geopolitischen Verschiebungen verschärfen die Situation. Europa hat sich durch falsche politische Entscheidungen systematisch geschwächt. Das Paradebeispiel ist die Automobilindustrie: "Die EU hat politisch vorgegeben, wir gehen auf Elektromobilität. Wir nehmen quasi unserer Kernschlüsselindustrie ihre kompletten Wettbewerbsvorteile weg."

Während Europa seine Stärken aufgab, sicherte sich China strategisch alle notwendigen Ressourcen und Technologien. Das Ergebnis: "Wir in Europa sind bei allen Schlüsselindustrien wie Künstliche Intelligenz, Robotik und Biotechnologie abgehängt. Das machen China und die USA unter sich aus."

Die Klimapolitik tat ihr Übriges: "Wir versuchen das Weltklima im Alleingang zu retten, machen Energie teuer. Statt erst den Umbau zu machen und Energie dann teurer zu machen."

Kein Crash, aber strukturelle Entwertung

Stelter rechnet nicht mit einem abrupten Zusammenbruch des Finanzsystems. "Ich glaube nicht an den Crash des Finanzsystems, weil die Notenbanken den verhindern werden." Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt jedoch vor Risiken durch die kurzfristige Finanzierung von Staatsschulden über hochverschuldete Hedgefonds.

Das wahrscheinliche Szenario: "Wir haben einen zunehmenden Vertrauensverlust in die Währung und haben strukturell höhere Inflationsraten." Der hohe Goldpreis reflektiert bereits diesen Vertrauensverlust.

Deutschland: Strukturelle Probleme verschärfen sich

Die deutsche Politik hat die Dimension der Herausforderung nicht erkannt. "Das Erschreckende ist, dass die deutsche Politik bis heute noch nicht erkannt hat, was da passiert und nicht in der Lage ist, die richtigen Schlussfolgerungen rauszuziehen."

Massiver demografischer Wandel, deutlich schlechteres Bildungssystem (das Abitur in Nordrhein-Westfalen ist heute leichter als der Realschulabschluss vor 40 Jahren), weniger Patente, geringere Innovationskraft. "Wir stehen wirklich vor einer massiven Rückkehr in die Erwerbsbevölkerung. Gleichzeitig haben wir ein deutlich schlechteres Bildungssystem."

Stelters Fazit zur politischen Elite: "Wir werden regiert von Leuten, die auf dem völlig falschen Dampfer sind. Der Dampfer ist die Titanic, die Musik spielt noch, aber die Schotten laufen gerade voll."

Trump als Weckruf

Ironischerweise sieht Stelter in Donald Trump auch etwas Positives: "Ich glaube, Donald Trump können wir in gewisser Hinsicht sogar dankbar sein, weil er einfach in einer Brutalität uns vor Augen führt, in welcher Traumwelt wir in Europa leben und wie dringend wir umsteuern müssen."

Die Notenbanken werden weiter monetarisieren müssen, was die Inflationsbekämpfung untergräbt. Das System wird nicht zusammenbrechen, aber die Währungen werden systematisch entwertet. Für Sparer und Anleihenbesitzer bedeutet das erhebliche Vermögensverluste in den kommenden Jahren.

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