In der aktuellen Folge des Finanz-Szene-Podcasts spricht Gastgeber Christian Kirchner mit dem Payment-Experten Jochen Siegert über eine Woche, die zeigt, wie schnell sich die Machtverhältnisse im Anlage- und Zahlungsverkehr gerade verschieben. Es geht um ein staatlich gefördertes Produkt, das noch gar nicht existiert und für das trotzdem schon Kampfpreise ausgerufen werden, um eine Bank, die freiwillig ins teure Frankfurt zieht, um KI-Agenten, die künftig Depots umschichten, und um die Frage, warum ausgerechnet Deutschland für Klarna zum Problemmarkt wird.
Altersvorsorgedepot: alle wollen rein, rechnen wird es sich kaum
Zum 1. Januar 2027 startet das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot, und die Branche steht nach Kirchners Beobachtung schon jetzt in den Startlöchern. Scalable Capital hat sich mit 0,15 Prozent Produktkosten vorgewagt, bevor das Bundesfinanzministerium überhaupt alle Details geliefert hat. Siegert hält das für einen klugen Schachzug: Man setze früh den Anker und sei früh in der öffentlichen Wahrnehmung. Für andere Anbieter wird es dagegen eng. "Andere kriegen mit 15 Basispunkten nicht mal die Vorstandsassistentin bezahlt", so Siegert.
Kirchner hat nachgerechnet und kommt selbst bei konservativen Annahmen von 50 bis 70 Basispunkten Effektivkosten darauf, dass sich ein solches Depot erst nach zehn bis zwölf Jahren trägt. Seine Einordnung: "Das ist ein subventioniertes Kundenakquisitionsprogramm." Für wachstumsgetriebene Anbieter sei das ein Lockvogelangebot. Für klassische Vorsorgeanbieter und Versicherer sei das ein Problem, weil sie mit dem Produkt selbst Geld verdienen müssen. Der Ausweg dürfte in individualisierten Varianten neben dem gedeckelten Standardprodukt liegen, denn das Standardprodukt zielt vor allem auf beratungsfreie, digital affine Kundschaft.
Ein zweiter Kostentreiber wird gern übersehen: Der Beratungsbedarf. Union Investment kam laut Kirchner in Riester-Spitzenzeiten auf 550.000 Kundenanfragen pro Jahr. Dazu kommt die Frage, ob ein Übertrag alter Riester-Verträge überhaupt sinnvoll ist, wenn die alte Sterbetafel attraktiver ist als jeder Transfer.
Video-Ident als Nadelöhr
Siegert bringt ein Thema ein, das in der Branche bislang kaum diskutiert wurde: die Identifizierung. Da die digitale Ausweis-Wallet noch fehlt, laufen Depoteröffnungen weiterhin über Video-Ident. „Vor ein paar Jahren, als der Krypto-Boom kam, waren die Warteschlangen bei der Video-Identifizierung sehr, sehr lang“, erinnert er sich. Wenn zum Jahreswechsel Hunderttausende Depots gleichzeitig eröffnet werden, droht ein größerer Engpass als damals. Der elektronische Personalausweis wäre eine Lösung, ist aber schlicht zu wenig verbreitet.
Solaris zieht nach Frankfurt: Restrukturierung durch Standort
Solaris schreibt auffällig viele Stellen in Frankfurt aus, von der Assistenz bis zum Regulatory Reporting Manager, obwohl das Gehaltsniveau dort 10 bis 20 Prozent über Berlin liegt. Siegerts Lesart ist nüchtern: "Transformiert man einen Standort nach Frankfurt, dann geht halb Berlin nicht mit." Also Restrukturierung über die Standortfrage. Riskant sei das trotzdem, denn gute Tech- und KI-Leute finde man in Frankfurt schwerer, und die Bereitschaft, in Startups zu wechseln, sei dort geringer.
Scalable öffnet die Schnittstelle für KI-Agenten
Kann ChatGPT künftig im eigenen Depot umschichten? Siegert bejaht und hält den Schritt für mehr als ein KI-Narrativ. Erste Zielgruppe seien Semiprofis, die Strategien automatisiert laufen lassen, vom Copy-Trading bis zur Reaktion auf einen Trump-Post. Danach folge der Massenmarkt, etwa beim jährlichen Rebalancing per Rückfrage und einem einzigen Ja. Zur Haftung ist er entspannt: Wer die Schnittstelle freigebe, sei in der Verantwortung, wenn die KI Amok läuft. Aus eigener Erfahrung mit seinem Krypto-Trading-Bot berichtet er: "Die AI ist sehr devot, fragt achtmal nach und ist teilweise sogar risikoaverser als ich."
Kirchner denkt das Thema in Richtung Erlösmodell weiter. Neobroker hätten die Handelsmargen bereits zertrümmert, jetzt gerate die Beratungsmarge unter Druck. "Wofür gebe ich denn einen großen Batzen Geld an die Bank? Genau, dass sie am Ende des Jahres anruft und sagt, die Aktien sind so gut gelaufen, jetzt gehen wir von 65 auf 50 Prozent Gewichtung runter." Genau das erledige künftig ein Prompt. Siegerts Fazit: Für einfache Fälle sinkt der Beratungsbedarf spürbar, Berater müssen sich stärker spezialisieren. Nebenbei ein Vorteil für die Neobroker, denn bei 30 oder 40 Euro Ordergebühr der Hausbank rechnet sich agentisches Handeln schlicht nicht.
Girocard: Wachsende Zahlen, schrumpfender Marktanteil
Die Halbjahreszahlen der Girocard zeigen mehr vom Gleichen: Mehr Transaktionen, kaum noch Umsatzwachstum, real sogar sinkende Volumina. Wer gewinnt stattdessen? Siegert verweist auf die Bundesbankstatistik und nennt Apple Pay und Google Pay, Mastercard und Visa Debit sowie PayPal. Für die Kreditwirtschaft sehe die eigene Girocard-Bilanz auf den ersten Blick in Ordnung aus, weil die Erträge steigen. Die eigentliche Frage sei eine andere: "Was ist eigentlich der entgangene Umsatz für die Kreditwirtschaft, weil man eben jahrelang die Weiterentwicklung der Girocard unterlassen hat?"
Wero ganz oben im Checkout
Bei dm steht Wero im Online-Checkout inzwischen an erster Stelle. Beide Seiten haben daran Interesse, vermutet Siegert, denn Wero dürfte günstiger sein als etablierte Onlineverfahren. Er sieht aber auch ein Risiko: Bei noch überschaubarer Aktivitätsrate könne ein unbekanntes Logo an Position eins Conversion kosten, wenn Kunden ihr gewohntes Verfahren erst suchen müssen. Kirchner hält dagegen, dass genau diese Sichtbarkeit nötig ist, um den Exotenstatus zu verlieren. Einig sind sich beide beim Learning aus dem Paydirekt-Desaster: "Die Angriffspunkte, wo ich als Endkunde dieses Logo sehe, müssen möglichst breit sein." Lebensmittelhandel, Drogerie, große Onlinehändler. Randnotiz zur Vorsicht bei Erfolgsmeldungen: Die von der ING gemeldeten 700.000 Nutzer sind Registrierte, keine Nutzer.
Klarna und die deutsche Konjunktur
Zum Schluss der rote Faden der Woche. Nach Payone und PayPal meldet nun auch Klarna Probleme ausgerechnet im größten Markt Deutschland, was an der Börse rund 20 Prozent gekostet hat. Auch bei der DZ Bank hakt es dort, wo das Geschäft an deutschen Gewerbekunden und Verbrauchern hängt, Stichwort Teambank und VR Smart Finanz. Siegert sieht die Einzelteile zu einem Bild zusammenwachsen: Kaufzurückhaltung der Konsumenten, sichtbar zuerst bei den Zahlungsabwicklern. Die naheliegende Gegenthese, wonach schwächere Kaufkraft die Ratenzahlung befeuert, greife nur begrenzt. Klarnas Geschäft in Deutschland ist überwiegend Rechnungskauf, und wenn weniger gekauft wird, fehlt genau dort das Volumen.



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