Im Podcast Make Economy Great Again diskutieren WELT-Herausgeber Ulf Poschardt und Ökonom Daniel Stelter über eine Debatte, die nach ihrer Lesart Ursache und Wirkung vertauscht. Der Aufhänger ist der jüngste Armutsbericht. Die Kernthese der beiden Gastgeber ist provokant und klar: Deutschland sei nicht ungerecht, sondern außergewöhnlich großzügig. Wer steigende Armutsquoten ohne den Faktor Zuwanderung interpretiert, sitzt nach Ansicht von Stelter einem rein statistischen Effekt auf und liefert genau jenen Verbänden Munition, die vom Status quo profitieren.
Der Armutsbericht und das Bild vom Esstisch
Den argumentativen Kern liefert Stelter mit einer Anekdote. Man stelle sich vor, sieben Leute gehen essen, einer von ihnen sei Kurierfahrer und verdiene weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Runde. Nach Definition gilt er als arm. Lädt dieser Kollege beim nächsten Mal einen zweiten Kurierfahrer ein, steigt die Armutsquote am Tisch sprunghaft, obwohl niemandem schlechter geht. Im Gegenteil, die Runde sei großzügig. "Aber die Schlagzeile lautet, Deutschland ist so richtig ungerecht geworden."
Übertragen auf die Realität heißt das für Stelter: Migration. Deutschland habe seit 2006 rund siebeneinhalb Millionen nichtdeutsche Zuwanderung erlebt, überwiegend in untere Einkommensgruppen oder ins Sozialsystem, während zugleich gut qualifizierte Deutsche auswandern. Seine Schlussfolgerung ist zugespitzt: Diese Verschiebung im Bevölkerungsmix erkläre "zu 100 Prozent den gemessenen Anstieg der Armut." Poschardt setzt den moralischen Kontrapunkt: "Wir sind kein ungerechtes Land, wir sind ein besonders großzügiges Land."
Wer von der Armut lebt
Besonders scharf fällt die Kritik an den Profiteuren des Sozialetats aus. Poschardt nennt den Paritätischen Wohlfahrtsverband beim Namen und formuliert bewusst hart. Solche Akteure seien "die Garanten der Armut und nicht die Verhinderer", weil sie davon lebten, dass Menschen arm bleiben. Stelter zieht die Parallele zur Wohnungspolitik. Wer Mieten deckelt, verknappe das Angebot und steigere zugleich die Nachfrage, was er trocken als "total brillantes Geschäftsmodell" bezeichnet, weil es dauerhaft enttäuschte und damit politisch mobilisierbare Wähler erzeuge. Beide kritisieren zudem, dass statistische Definitionen oft in die Irre führen, etwa bei ausgezogenen Studenten oder bei der sprichwörtlichen Zahnarztgattin, die statistisch arm wirke, ohne es faktisch zu sein.
Die positive Gegenrechnung
Bei aller Schärfe verweisen beide auf eine Erfolgsgeschichte. Eine Bertelsmann-Studie zeige, dass die Mittelschicht seit rund 2005 stabil geblieben ist, und das trotz erheblicher Zuwanderung bildungsferner Gruppen. Daraus folge, dass auffällig vielen Zuwanderern der Aufstieg gelungen sei. Als Beispiel dient die 27-jährige FDP-Politikerin Nadine Zahja, die als politisches Flüchtlingskind nach Deutschland kam. Poschardt sieht in solchen Biografien das überzeugendste Gegenargument gegen die Erzählung eines diskriminierenden Systems und beklagt, dass gerade integrationswillige Migranten in der öffentlichen Debatte untergingen, weil sie nicht in die Opferlogik passten.
Die eigentliche Sorge liegt in der Zukunft
Beide betonen, sie wollten Armut nicht bagatellisieren, sondern einordnen. Es gebe arme Menschen, denen man zielgerichtet helfen müsse. Die wirkliche Sorge richtet sich auf die kommenden Jahre. Stelter warnt, angesichts von Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverlusten könnte die heute noch stabile Mittelschicht einbrechen. Wer sich ernsthaft um Gerechtigkeit sorge, müsse das Land reformieren, statt nur umzuverteilen.
Rente, Sozialabgaben und die Mathematik
Den Bogen zur Demografie schlägt der Blick auf die Rente. Stelter verweist auf eine Handelsblatt-Meldung, wonach die Beiträge schneller steigen könnten als erwartet. Arbeit werde nicht nur steuerlich, sondern auch durch hohe Sozialabgaben zunehmend unattraktiv. Beide kritisieren, dass die Festschreibung des Rentenniveaus auf 48 Prozent nicht einmal ein Jahr halte, bevor die nächsten Kostensprünge eingeräumt würden. Als denkbare Auswege nennt Stelter qualifizierte Zuwanderung mit überdurchschnittlichem Einkommen sowie konsequente Produktivitätssteigerung durch bessere Bildung, mehr Innovation und mehr Investition. Poschardt rechnet hart mit den Gewerkschaften ab, nachdem ein scharfer Text von ihm in der Welt am Sonntag von einem IG-Metall-Funktionär barsch zurückgewiesen wurde.
Warum wird auf Baustellen eigentlich nicht gearbeitet?
Zum Abschluss stellt Poschardt selbst die Hörerfrage, getarnt als 59-jähriger Berliner namens Ulf, der gerne Auto fährt. Warum werde auf deutschen Baustellen, anders als in China, nicht rund um die Uhr gearbeitet? Stelter berichtet von der eigenen Autobahnfahrt aus Bayern und mutmaßt augenzwinkernd, manche Baustelle diene eher dem Signal, man verwende die Schulden für Investitionen. In der Sache sind sich beide einig: Bei wichtigen Projekten solle rund um die Uhr gearbeitet werden, mit Verträgen, die Boni für vorzeitige Fertigstellung vorsehen.



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