Im Podcast „Make Economy Great Again" diskutieren Ökonom Daniel Stelter und WELT-Herausgeber Ulf Poschardt über den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands, die Unfähigkeit zur Sozialstaatsreform und die Frage, warum vernünftige Vorschläge im politischen Diskurs regelmäßig zerrieben werden.
Die Metzgerei als Symbol des Niedergangs
Den Einstieg bildet eine emotionale Betrachtung des Wirtschaftsstandorts Deutschland am Beispiel einer Stuttgarter Metzgerei, die nach 127 Jahren schließt. Poschardt beschreibt, wie dieses Thema überraschend viele Zuhörer berührt hat: „Man hat sehr schön gemerkt, dass die vermeintlich von Linken ja immer wieder als besonders eisig wahrgenommene Warenwelt eine hohe emotionale Identifikationsqualität hat."
Stelter ergänzt, dass Deutschland seine Champions auf allen Ebenen verliert: Die DAX-Konzerne gehören überwiegend ausländischen Investoren, die Hidden Champions stehen unter massivem Druck durch den „Chinashock 2.0", und selbst die kleinen Helden der lokalen Wirtschaft geben auf. „Wir haben in allen drei größten Klassen einfach tolle Unternehmen, eben Champions. Und ich finde, wir sollten Champions helfen, Champions zu bleiben. Und genau das Gegenteil passiert."
Der „zynische" Vorwurf als Diskussionskiller
Besonders erregt sich Poschardt über die Aussage des rheinland-pfälzischen SPD-Ministerpräsidenten, der die Debatte über Sozialreformen als „zynisch" bezeichnet hatte: „Was Zynischeres, als ein Repräsentant einer Partei, die nicht verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat."
Poschardt sieht das wahre Zynismus-Problem woanders: „Es ist zynisch, was die Rente betrifft für die nachwuchsende Generation. Und es ist zynisch für diejenigen, die wie unsere Metzgermeister einfach sagen, wisst ihr was, wir glauben nicht mehr dran, wir geben auf."
Der Gehaltsschock der Leistungsträger
Stelter rechnet vor, wie das System funktioniert: Ein normaler deutscher Steuerzahler im oberen Einkommensbereich liefert etwa die Hälfte seines Einkommens beim Staat ab. „Und dann kommt die Nachricht, ich soll noch mehr arbeiten. Oder die Nachricht, ich muss meine Zahnversorgung selber bezahlen. Das finde ich nicht gut."
Die sogenannte „Lifestyle-Teilzeit" sei dabei hochrational: „Wenn ich statt 5 Tagen 4 Tage arbeite und hab netto fast dasselbe in der Tasche, warum sollte ich das denn tun?" Seine Tochter grüßt er an dieser Stelle herzlich, sie habe gerade ihren ersten „Gehaltsschreck" bekommen.
Milton Friedman hatte recht
Stelter erinnert an den Nobelpreisträger Milton Friedman, der bereits 1973 formulierte: „Du kannst nicht einen Sozialstaat haben und offene Grenzen in die Einwanderung dieses Sozialstaates." Die Bundesregierung beziffere die Kosten der Zuwanderung offiziell auf 50 Milliarden Euro. Professor Bernd Raffelhüschen habe vorgerechnet, dass die Zuwanderung Deutschland langfristig etwa 5 Billionen Euro koste.
Stelter betont: „Hätten wir eine andere Migrationspolitik gemacht, hätten wir eine andere Energiewirtschaftspolitik betrieben, hätten wir diese Diskussionen heute nicht, dann könnten uns problemlos leisten, die ganzen Dinge zu machen."
Die Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft
Aktuelle IW-Daten zeigen die Umverteilungsströme über ein ganzes Arbeitsleben:
- Geringverdiener (bis 2.500 Euro brutto als Single): zahlen circa 300.000 Euro ein, erhalten über eine Million zurück
- Normalverdiener (2.500 bis 3.600 Euro): schlagen mit über einer halben Million negativ zu Buche
- Besserverdiener (3.600 bis 5.300 Euro): noch leicht negativ mit 40.000 Euro trotz 930.000 Euro Einzahlungen
- Gutverdiener (über 5.300 Euro): zahlen 2 Millionen ein und bekommen nur 270.000 Euro zurück, tragen also netto 1,3 Millionen bei
Das Schweizer Modell als Alternative
Poschardt verweist auf die Schweiz als Gegenmodell. Dort funktioniere der Sozialstaat, weil er anders organisiert sei. Der deutsche Weg führe dagegen in eine Sackgasse: „Diese Migration ist der Untergang für den Sozialstaat. Und das wissen auch die, die jetzt sagen, es ist zynisch so zu sprechen."
Verteilungskonflikt ohne Ausweg
Stelters Kernbotschaft: „Du kannst nicht die Wirtschaft runterfahren und gleichzeitig den Anspruch hochfahren." Die Vorschläge des Wirtschaftsrats seien weder ungerecht noch inhuman gewesen, sondern hätten vernünftige Entlastungen für alle vorgesehen: Erhöhung des Grundfreibetrags, späteres Einsetzen des Spitzensteuersatzes, Abschaffung des Solidaritätszuschlags.
Das Gesundheitswesen biete enormes Einsparpotenzial: McKinsey habe über 40 Milliarden Euro Einsparpotenzial durch Digitalisierung errechnet. „Es gibt viele Hebel, die wir aktivieren können, bevor wir hingehen und Leistungen einschränken. Nur wir müssten diese Diskussionen führen. Und das zu tabuisieren ist einfach ein Riesendesaster."



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