Im Podcast "Make Economy Great Again" diskutieren WELT-Herausgeber Ulf Poschardt und Ökonom Daniel Stelter über die wirtschaftspolitische Lage Deutschlands. Themen sind ein aktivistisches Cover des Manager Magazins gegen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, Denkfehler in der Fraunhofer-Studie zur Atomkraft, der Plan der SPD zum Verkauf deutscher Goldreserven sowie Steuerpläne der Union. Die zentrale Botschaft: Deutschland steckt nach Ansicht der beiden in der schwersten ökonomischen Krise der Nachkriegszeit, und die politischen Antworten gehen aus ihrer Sicht in die falsche Richtung.
Merz und der Spiegel: Beratungsresistenz im Kanzleramt
Den Einstieg bildet das aktuelle Spiegel-Interview von Friedrich Merz, in dem dieser über Anfeindungen in sozialen Medien klagt. Poschardt zeigt sich befremdet: "Wer berät ihn medial? Das kannst du doch nicht machen." Er zitiert seine Frau, eine ehemalige CDU-Sprecherin, die meinte, sie würde sich als Pressesprecherin angesichts eines solchen Artikels erschießen. Der Tenor: Wer sich von Kritik auf Twitter und LinkedIn so erschüttern lasse, sei für das Kanzleramt in einer schweren Wirtschaftskrise nicht der richtige Mann.
Manager Magazin gegen Reiche: Aktivismus statt Wirtschaftsjournalismus
Ausführlich nehmen sich Stelter und Poschardt das Cover des Manager Magazins vor, das Wirtschaftsministerin Katharina Reiche als "Die Fossile" mit heruntertropfendem Öl zeigt. Stelter sieht darin einen Frontalangriff auf die einzige Ministerin mit echter wirtschaftspolitischer Kompetenz seit langem. Sie fordere längere Arbeitszeiten, lehne Tankrabatte ab und halte Übergewinnsteuern für verfassungswidrig.
Stelter zerlegt die drei zentralen Vorwürfe des Magazins: Erstens, Reiche betreibe Politik für fossile Konzerne, was unsinnig sei, da jede Energiewende ein fossiles Backup brauche. Zweitens, sie ruiniere die Energiewende ökonomisch, was nach 25 Jahren Subventionen und einem Artikel, der laut Stelter "wirklich vor Planwirtschaft trieft", eine kühne These sei. Drittens werde der Eindruck erweckt, die gesamte Wirtschaft stehe gegen Reiche, obwohl Unternehmer und Verbände sie auf LinkedIn massiv unterstützten.
Poschardt sieht in dem Cover vor allem ein Symbol: "Wenn du Reiche fertig machen willst, dann machst du sie so fertig." Das Magazin habe von der aktivistischen Demonstrationsplakat-Ästhetik viel übernommen und sich damit für ein Milieu instrumentalisieren lassen, das den eigenen Irrtum in der Energiepolitik nicht eingestehen könne.
Fraunhofer-Studie zur Atomkraft: Anatomie einer fragwürdigen Rechnung
Stelter rechnet detailliert nach, warum die viel zitierte Fraunhofer-Studie zur Wirtschaftlichkeit von Atomkraft seiner Meinung nach auf fragwürdigen Annahmen beruht. Die Studie setzt eine Laufzeit von 45 Jahren an, während die US-amerikanische Nuclear Regulatory Commission bereits Genehmigungen für 80 Jahre erteilt habe und die Internationale Atomenergieorganisation an Konzepten für 100 Jahre arbeite. Allein dieser Unterschied führe zu Kostensteigerungen von 25 bis 30 Prozent.
Hinzu kämen aus Sicht Stelters nicht begründbare Annahmen bei Fremdkapitalkosten (8 Prozent für Atomkraft, 5,5 Prozent für Wind), Eigenkapitalrendite (12 zu 7 Prozent) und vor allem Eigenkapitalquote (40 zu 20 Prozent). Sein Urteil: "Ein Atomkraftwerk ist eine Cash-Druckmaschine." Bei realistischer Betrachtung wäre Atomkraft demnach 20 bis 25 Prozent günstiger als von Fraunhofer ausgewiesen.
Poschardt verbindet dies mit einer grundsätzlichen Kritik am politisch werdenden Wissenschaftsbetrieb: Wer sich aktivistisch positioniere, müsse damit rechnen, dass seine Annahmen kritisch geprüft würden.
Steuerpläne und Sozialpopulismus: Die Mitte als Melkkuh
Beim Thema Steuerpolitik melden Poschardt und Stelter scharfe Kritik an. Die Union beuge sich dem Sozialpopulismus, während Leistungsträger weiter belastet würden. Poschardt sieht darin einen deutschnationalen Sonderweg: "Kein anderes Land der Welt hat so eine Abgabenlast." Selbst Dänemark liege darunter.
Sein Argument zielt auf die Wachstumsperspektive: Wer die Extra-Meile gehe, neben dem Beruf Bücher schreibe und Vorträge halte, dem werde signalisiert, noch mehr abzugeben. Gleichzeitig brauche Deutschland Spitzenforscher, die international für Gehälter von 700.000 bis 900.000 Euro umworben würden. Stelters bissige Replik: "Wir kriegen höhere Zuckersteuer, wenn wir weniger Zucker verbrauchen. Wir kriegen höhere Tabaksteuer, wenn wir weniger Tabak verbrauchen. Wir kriegen höhere Einkommenssteuer, wenn wir weniger arbeiten."
Schuldenpolitik: Klingbeil im Kreuzfeuer
Stelter rechnet die Finanzplanung des Bundes vor: 535 Milliarden Euro neue Schulden im Kernhaushalt zwischen 2027 und 2030, hinzu kommen 255 Milliarden in Sondervermögen. In Summe rund 790 Milliarden Euro neue Schulden in vier Jahren. Trotz pauschaler Kürzungen klaffe bereits 2028 eine zusätzliche Lücke von 30 Milliarden. Die Zinslast steige dadurch von 42 Milliarden auf 80 Milliarden pro Jahr.
Sein Urteil über den Finanzminister fällt vernichtend aus: Lars Klingbeil sei "ein Totalausfall als Finanzminister". Die Steuererhöhungen würden weitere Steuererhöhungen nach sich ziehen, der Weg führe in französische Verhältnisse mit nicht mehr reformierbaren Haushalten.
Goldverkauf: Letzte Patrone vor der Pleite
Besonders empört zeigt sich Stelter über den Vorstoß von Marcel Fratzscher, deutsche Goldreserven zu verkaufen. Während weltweit Notenbanken Gold aufkauften und Italien sogar gesetzlich absichere, dass die Reserven dem Land selbst gehörten, wolle Deutschland verkaufen. Sein Argument: Gold sei die ultimative Versicherung der Notenbankbilanz, gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten und im Hinblick auf mögliche Währungsturbulenzen.
Die 440 Milliarden Euro Goldwert würden bei der aktuellen Schuldenpolitik gerade einmal zwei Jahre Haushaltslöcher decken. Stelters Fazit: "Verkauf von Gold ist quasi die nächste Runde in die Pleite." Vermögenssteuern, Erbschaftssteuern und Goldverkäufe seien Symptome einer Politik, die statt zu sparen all in gehe.
Poschardt zieht eine bittere Bilanz dieses Politikstils: Wenn Reiche, Goldreserven und Spitzenverdiener weg seien, blieben am Ende nur autoritäre Antworten. Die Linkspartei in Berlin diskutiere bereits Extrasteuern für Villen.



Verfassen Sie den ersten Kommentar