Im Wirtschaftspodcast „Make Economy Great Again" der WELT diskutieren Ulf Poschardt und Ökonom Daniel Stelter das jüngste Reformpaket der Bundesregierung. Was als „großer Sprung" verkauft wird, entpuppt sich in ihrer Analyse als Mogelpackung. Sie rechnen vor, warum Deutschland bei den Nettoinvestitionen am absoluten Nullpunkt angekommen ist, weshalb Spitzensteuersätze über 50 Prozent qualifizierte Zuwanderung verhindern und warum ausgerechnet die Kernkraft zum Lichtblick werden könnte.
Der große Sprung, der keiner ist
Poschardt und Stelter nehmen den Koalitionsausschuss auseinander, in dem Kanzler Merz von einem großen Sprung sprach. Für Stelter ist das Ergebnis eher das Programm 'Lasst uns die Koalition retten'. Es helfe gerade nicht den Unternehmern, die in Deutschland investieren.
Poschardt kritisiert, dass sich die Politik nur am eigenen Status quo messe und globale Maßstäbe ausblende. Der große Sprung sei nur dann groß, wenn man 16 Jahre Merkel und dreieinhalb Jahre Ampel zum Maß der Dinge erkläre. Sein Urteil zum Volumen der Entlastungen fällt vernichtend aus: eine Mini-Korrektur, kein Kurswechsel.
Steuerpolitik als Standortnachteil
Besonders scharf geht Poschardt mit der Einkommensteuer ins Gericht. Mit dem neuen Steuersatz für hohe Einkommen ab 280.000 Euro lande man samt Soli bei über 50 Prozent. Das Problem sei nicht die soziale Frage, sondern die Frage der Talente. „Wir sind nicht attraktiv für die, die wir am dringendsten brauchen." Jeder KI-Ingenieur, jeder Spezialist liege über diesen Grenzen, während man den egalitären Kram einfach weitermache.
Stelter setzt einen anderen Akzent: Angesichts der Verschiebung von Arbeit zu Kapital durch KI müsse Arbeit gerade überproportional entlastet werden. Die versprochene Entlastung nennt er einen Witz, da sie durch steigende Sozialabgaben aufgefressen werde. Er verweist auf das IFO-Institut, wonach das Sozialbudget seit 1992 preisbereinigt um rund 60 Prozent gewachsen ist, auf inzwischen 31 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Nettoinvestitionen bei Null
Den analytischen Kern liefert eine McKinsey-Studie. Stelter, selbst ehemaliger Boston Consulting-Chef, erläutert die Zahlen nüchtern: Die Nettoinvestitionen in Deutschland liegen faktisch bei null Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich zieht er andere Länder heran: Japan bei einem Prozent, Frankreich bei zwei, die USA und Großbritannien bei vier, China bei 23 Prozent.
Die Ursache liegt in den Lebenszeitkosten einer Investition. „Die Kosten bei uns liegen zwischen 50 und 300 Prozent höher als in anderen Ländern." Stelter überträgt diese Logik auf den einzelnen Menschen: Auch ein junger Mensch nach der Ausbildung rechne wie ein Einzelunternehmer seinen Net Present Value aus und komme zunehmend zum Schluss, anderswo mehr vom eigenen Ertrag zu behalten.
Energie, Bürokratie und die sechs Hebel
Ein zentraler Kostentreiber ist Energie. Die Industriestrompreise lagen 2024 in Deutschland bei 190 Dollar pro Megawattstunde, gegenüber 145 im EU-Schnitt, 80 in den USA und 90 in China. Hinzu kommen lange Bauzeiten: Rund 200 Tage bis zur Genehmigung einer Fabrik, während es in den USA 60, in China 40 und in Indien 30 Tage sind.
Stelter fasst die Nachteile in sechs Hebeln zusammen: Energiepreise, Arbeitskosten und Produktivität, Bauzeiten und Genehmigungen, Material- und Rohstoffkosten, Time to Market sowie Investitionsintensität und Industriepolitik. Das Reformpaket liefere auf keinen dieser Punkte eine überzeugende Antwort. Bei den Bürokratiekosten stünden laut IFO-Institut 146 Milliarden Euro pro Jahr im Raum. Poschardts Frage dazu: Warum holt man sich diese Summe nicht in fünf entschiedenen Schritten zurück?
Ein armes reiches Land
Stelter räumt mit dem Selbstbild vom reichen Deutschland auf. Beim Privatvermögen relativ zur Wirtschaftsleistung schneide man in Europa schwach ab. Die Ursache sieht er nicht in der Verteilung, sondern in einer vermögensbildungsfeindlichen Politik: zu hohe Grunderwerbsteuer, zu hohe Steuern und Abgaben. Sein Bild für den Staatshaushalt bleibt hängen: „Wie ein Trinker an der Bar muss man immer den nächsten Drink nehmen." Der Staat müsse ausnüchtern.
Als eine der wenigen sinnvollen Maßnahmen nennt Stelter die Lockerung des Kündigungsschutzes oberhalb bestimmter Einkommensgrenzen, verbunden mit steuerlicher Begünstigung bei schneller Wiederbeschäftigung. Der Rest sei ein Programm vieler kleiner Schräubchen ohne Reformcharakter.
Führung, Verantwortung und die Realpolitik
Am Beispiel eines geschassten Mitarbeiters wird Stelter grundsätzlich zum Thema Führung. Eine gute Führungskraft stelle sich vor die eigene Mannschaft, statt sie öffentlich hinzuhängen. Er überträgt das direkt: Für Friedrich Merz wolle er nicht arbeiten.
Poschardt schließt mit einer Beobachtung, die viele Unternehmer teilen dürften. Die von ihm getroffenen Familienunternehmer seien so durch mit der Politik, dass ihre Prämisse laute, ein erfolgreiches Unternehmen mit möglichst null Kontakt zur deutschen Realpolitik zu bauen, alles unter dem Radar. Das sei das Gegenteil eines optimistischen Aufbruchslands, aber ein realistischer Fall.



Kommentare
Unser Problem ist der Fachkräftemangel auch in der Politik.Wie sollen Personen die weder eine Ausbildung noch eine leitende Position inne hatten die größte Wirtschaft in der EU reformieren ? Da denke ich an eine Frau BAS oder einen Herrn Klingbeil oder,oder die Liste ist einfach ausbaubar.