"Unser Bildungssystem produziert die Armen von morgen"

Im Podcast "Make Economy Great Again" der Welt sprechen Ulf Poschardt und der Ökonom Daniel Stelter über eine Zahl, die Substanz des Landes greift: Jeder Zehnte im Alter von 20 bis 24 Jahren ist ohne Ausbildung, ohne Job und ohne Plan. Dazu kommt die zweite Zahl, ein Produktivitätswachstum nahe null. Beides zusammen ergibt die These der Folge: "Unser Bildungssystem produziert heute die Armen von morgen."

Die Zahl, über die niemand spricht

Deutschland ist neben Luxemburg und Österreich eines von nur drei EU Ländern, in denen die sogenannte NEET Quote steigt, also der Anteil junger Menschen ohne Beschäftigung, Schule oder Ausbildung. Im übrigen Europa sinkt sie. 2,9 Millionen Menschen zwischen 20 und 35 Jahren sind ohne Berufsabschluss, die sich auch nicht in Ausbildung oder Studium befinden.

Stelter ordnet das ökonomisch ein: Wer nie einen Beruf gelernt hat, verdient strukturell ein Leben lang weniger, sofern überhaupt gearbeitet wird. Poschardt hebt die Zahl auf die gesellschaftliche Ebene und erinnert an Reportagen aus Problembezirken, in denen Schüler auf die Frage nach dem Berufswunsch mit dem Namen der Sozialleistung antworten. Inzwischen sei man dort bei der dritten und vierten Generation von Transferempfängern.

Anreize, die in die falsche Richtung zeigen

Die Sanktionsquote beim Bürgergeld lag bei den unter 25 Jahre alten Empfängern bei 0,9 Prozent. Für Stelter ist das faktisch keine Sanktion. Wer früh lernt, dass sich vom Sozialstaat ordentlich leben lässt, habe wenig Anlass, sich anzustrengen. Gleichzeitig fehle der positive Anreiz, weil der Übergang aus der Grundsicherung in reguläre Arbeit durch Steuern und Abgaben unattraktiv bleibe. Schwarzarbeit werde damit zur rationalen Option.

Poschardt legt nach und kritisiert eine Sozialstaatsindustrie, in der niemand dafür bezahlt werde, dass der Ausstieg gelingt. Sein Befund fällt scharf aus: "Dieses verlogene, moralisierende Verständnis für die Nichtleistungsbereitschaft führt dazu, dass diese Faktoren immer größer werden."

Bildung als soziale Frage

Wo soziale Schwäche und bildungsferne Milieus zusammentreffen, müsste die Bildung am besten sein, sagt Poschardt, und sie sei es gerade dort am wenigsten. Stelter beschreibt, warum gesenkte Leistungsstandards vor allem die Schwächsten treffen: Bürgerliche Familien kompensieren mit einem anderen Stadtteil, mit Privatschule oder Internat. Wer sich nicht kümmern kann, hat diese Möglichkeit nicht. Sein Fazit: "Das ist im hohen Maß sozial ungerecht."

Poschardts fordert Kitapflicht ab dem dritten Lebensjahr, eine stärker verschulte Kita und verpflichtenden Sprachunterricht für Kinder, die mit fünf Jahren kein Deutsch sprechen: "Hier brauchen wir einen richtig krass übergriffigen Staat."

Das dänische Modell

Als Referenz dient wiederholt Dänemark. Nach drei Monaten Sozialleistungen wird eine Ausbildung, eine Weiterqualifizierung oder die Rückkehr in den Arbeitsmarkt erwartet. Stelter verweist darauf, dass Dänemark pro Kopf mehr Patente vorweist als Deutschland. Der zweite Vergleichsmaßstab ist Israel mit rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung, gegenüber etwa zwei Prozent hierzulande.

Die Produktivitätsfalle

Seit etwa 2017 bewegt sich das deutsche Produktivitätswachstum um die Nulllinie. Nötig wären nach den im Podcast genannten Größenordnungen rund 1,8 Prozent pro Jahr, um Wohlstand und Alterungskosten zu tragen. Werte über zwei Prozent liegen lange zurück.

Die Ursachen benennt Stelter nüchtern: Verfallener Kapitalstock, ausbleibende Investitionen von Staat und Unternehmen, schwächere Ausbildung des Humankapitals. Als Hebel nennt er niedrigere Unternehmenssteuern, radikalen Bürokratieabbau, mehr Mittel für Grundlagenforschung, günstigere Energie und einen flexibleren Arbeitsmarkt. Wichtig ist ihm die Abgrenzung: "Nur Schuldengeld auf die Wirtschaft zu werfen, hilft uns nicht."

Poschardt wundert sich, dass diese Kennziffer politisch praktisch keine Rolle mehr spielt. Selbst ein gut vorbereiteter Spitzenkandidat habe ihm im Interview bestätigt, dass solche Themen im Wahlkampf schlicht nicht durchdringen.

Warum Politiker verstehen und trotzdem nichts passiert

Stelter berichtet von einem Gespräch mit einem Ministerpräsidenten, mit dem er sich in der Lagebeurteilung weitgehend einig war: "Das Problem der ganzen Sache ist, dass die Summe aller Aussagen da nicht mehr kompatibel ist." Sein Vorschlag lautet, zuerst jene Reformen anzugehen, die der breiten Bevölkerung nicht wehtun, etwa Forschungsförderung, Bürokratieabbau und Energiepolitik, und erst danach die schmerzhaften Korrekturen wie die Rente mit 63 anzupacken.

Poschardt ergänzt eine Diagnose zum politischen Personal, das nie gezwungen war, sich anzustrengen. Er spricht von einer Wohlstandsverwahrlosung, die auch in der Politik ihre Schleifspuren hinterlassen habe.

Kreuzberg, Kasper und die verbotene Dusche

Der Fall des Abends: Ein 43 Jahre alter Inhaber einer Designagentur in Berlin Kreuzberg zahlt seit zehn Jahren 970 Euro warm. Im Bad kam irgendwann zur Wanne eine Dusche hinzu. Nun soll sie wieder raus, weil das Bezirksamt darin eine Luxussanierung sieht. Die Begründung liefert Poschardt genüsslich im Original mit ihrer dreifachen Verneinung: "Es ist im Bezirksamt bedauerlicherweise nicht möglich, im vorliegenden Fall auf die Umsetzung des Erhaltungsrechts zu verzichten."

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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