Im Insurance Monday Podcast spricht Philipp Nag, Gründer des KI-basierten Schadendienstleisters Inca, über die brennende Frage, ob künstliche Intelligenz wirklich der Heilsbringer für die Versicherungsbranche ist oder ob wir ihre Fähigkeiten überschätzen. Nag gibt Einblicke, wie Agentic AI die klassische Schadenbearbeitung revolutioniert und warum Deutschland in diesem Bereich dringend aufholen muss.
Der KI-basierte Schadendienstleister
"Wir haben eine eigene Agentic AI-Plattform mit über 250 KI-Agenten entwickelt, die Schäden vorbearbeiten", erklärt Nag. Anders als klassische Personaldienstleister, die als verlängerte Werkbank der Versicherer arbeiten, kombiniert Inca die eigene KI-Plattform mit erfahrenen Schadenmitarbeitern, die die Maschine dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Während frühere Insurtechs hauptsächlich Software und Plattformen anboten, verfolgt Inca einen anderen Ansatz. "Wir sind quasi eine neue Generation an Insurtech. Als Dienstleister haben wir mehr Kontrolle darüber, wie wir Schadensfälle regulieren", so Nag.
Schadenbearbeitung mit KI verläuft anders
Agentic AI unterscheidet sich fundamental von klassischer KI. Nag fasst es zusammen: "Man gibt nicht mehr einzelne Schritte vor, sondern eine Zielvorstellung. Die KI macht dann selber einen Plan, welche Schritte durchgeführt werden müssen", so der Gründer. Die KI prüft eigenständig Dokumente, recherchiert Betrugsauffälligkeiten und gleicht Unfallbilder mit Streetview-Ansichten ab.
Ein häufiges Missverständnis: Viele bezeichnen bereits zwei parallel laufende KI-Tools als Agentic AI. "Man muss einer KI einen Freiraum geben und sehr viele KI-Use Cases parallel bieten können. Die KI muss selber entscheiden lassen können, was sie machen möchte. Erst dann kann das Potenzial wirklich genutzt werden", betont Nag.
AI-first: Die Maschine übernimmt die Führung
Das wichtigste Prinzip bei Inca lautet AI-first. "Ein Mitarbeiter sollte eigentlich nie einen nackten Fall, also etwas Unbehandeltes von KI, jemals zu Gesicht bekommen", erklärt Nag den Ansatz. Bevor ein Schadenmitarbeiter einen Fall sieht, hat die KI bereits auf Deckung geprüft, Betrugsauffälligkeiten untersucht und möglicherweise schon eine E-Mail an den Versicherten geschickt, um fehlende Informationen anzufordern.
Der Mitarbeiter wird zum Coach
Diese neue Arbeitsweise verändert die Unternehmenskultur grundlegend. "Eigentlich wird bei uns jetzt jeder Mitarbeiter zum Teamleiter", sagt Nag. Die wichtigste Datenquelle für gute Schadenbearbeitung steckt in den Köpfen erfahrener Mitarbeiter. Deren langjährige Erfahrung mit tausenden von Schadensfällen lässt sich nicht einfach aus dem Internet oder Schulungsunterlagen lernen.
Deshalb stellt Inca ausschließlich Mitarbeiter mit mindestens fünf bis sieben Jahren Schadenerfahrung ein. "Wir verstehen den Mitarbeiter als Coach dafür, der Maschine neue Sachen beizubringen, die sie eigentlich gar nicht gelernt haben kann", so Nag. Die Mitarbeiter benötigen neben Erfahrung auch Führungskompetenz, um die KI weiterzuentwickeln.
Beeindruckende Business-Ergebnisse
Die Zahlen sprechen für sich: Während ein klassischer Schadenmitarbeiter 1.200 bis 1.300 Fälle pro Jahr bearbeitet, schafft ein Inca-Mitarbeiter mit KI-Unterstützung 8.000 bis 12.000 Fälle. Für einen großen Versicherer bearbeitet Inca Privathaftpflichtschäden innerhalb von 24 Stunden, was die Schadenabteilung massiv entlastet und die Mitarbeiterzufriedenheit erhöht.
Besonders beeindruckend: Bei einem anderen Versicherer konnte Inca die Betrugserkennungsrate verdoppeln. "Wir haben andere Arten an Betrug gefunden, als die Kollegen sonst gefunden haben", berichtet Nag. Die KI vergleicht Schadensbilder mit Gutachten und Schadensschilderungen auf Plausibilität. Laut GDV-Studie sind 7 bis 10 Prozent aller KFZ-Schadensfälle betrugsauffällig.
Deutschland verliert den Anschluss
Die deutsche Insurtech-Landschaft gibt kein erfreuliches Bild ab. Während Wefox, Element und Clark nicht die erhofften Erfolge brachten, kommen zu wenig neue Gründungen nach. "Es gab neulich die Studie von den Versicherungsforen Leipzig, dass es jetzt immer weniger Neugründungen in Insurtech gibt", bestätigt Nag. Länder wie UK und Frankreich ziehen davon.
Das Problem sieht Nag in einer gewissen Vorsicht der Versicherer gegenüber neuen Technologien. "Ich habe bei manchen Versicherungen schon eine Art Vorsicht wahrgenommen, was diese neue Technologie angeht", so seine Beobachtung. Viele hätten ChatGPT ausprobiert, das habe ihnen Falsches erzählt, und nun herrsche Skepsis.
Der dringende Weckruf
Nag appelliert eindringlich an die Branche: "Wir haben eine großartige Chance, die wir ergreifen müssen." Der demografische Wandel wird die Versicherungsbranche hart treffen. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen bis zu 30 Prozent aller Mitarbeiter in den Ruhestand. Eine Person ist noch da, die nächste ist noch da, die dritte ist weg. Das haben wir noch nicht ganz verstanden", warnt er.
Eine MIT-Studie vom Juli zeigt, dass 95 Prozent aller KI-Projekte ihr Ziel nicht erreichen. Ein Hauptgrund: Zu wenig Zusammenarbeit mit spezialisierten Dienstleistern, zu viel Eigenentwicklung. "In dieser typischen Make-or-Buy-Entscheidung ist zu wenig Buy da", kritisiert Nag.
Tipps für Insurtechs
Sein Rat an andere Gründer: "Macht die Hürden, es auszuprobieren, so gering wie möglich." Inca bietet Versicherern an, mit nur 1.000 Schadensfällen zu starten und den Wert innerhalb von 24 Stunden zu beweisen. "Baut alle möglichen Barrieren ab, was Datenintegration angeht. Seid hemdsärmelig, weist alle Compliance so schnell wie möglich auf", empfiehlt er.
Die Versicherer sollten realisieren, dass sich in den nächsten zehn Jahren kaum eine Branche so stark verändern wird wie die Versicherung. Die Kombination aus demografischem Wandel und technologischem Sprung erfordert Handeln. "Bequemlichkeit ist da schädlich", warnt Nag abschließend.



Verfassen Sie den ersten Kommentar