Im Pfefferminzia Podcast begrüßen die Moderatoren Karin Schmidt und Andreas Harms einen Gast, der die Branche aus zwei Perspektiven kennt: Julia Wiens, seit Januar 2024 Exekutivdirektorin für die Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der BaFin und davor fast 30 Jahre in der Branche tätig, zuletzt im Vorstand der Baloise.
Sie gibt Einblicke in ihre Arbeit und wird dabei an mehreren Stellen deutlich: Rabatte von bis zu 80 Prozent in der Kfz-Versicherung nennt sie nicht mehr fair, systematische Beitragserhöhungen bei Bestandskunden (Price Walking) hält sie für weit verbreitet, die Beschwerdezahlen steuern auf 15.000 Fälle in diesem Jahr zu und beim Thema künstliche Intelligenz sieht sie die Versicherer auf einem guten Weg.
Vom Vorstand in die Aufsicht
Wiens beschreibt ihre Rolle als Dreiklang aus internationaler Arbeit, nationaler Aufsicht und dem internen Umbau der Behörde hin zu mehr Risikoorientierung. Zur Frage, wie man in eine solche Position kommt, antwortet sie nüchtern: Man werde vom Headhunter angesprochen, wie auf diesem Level üblich.
Gegenwind aus der Branche? Ein wenig. "Auf die dunkle Seite der Macht gewechselt", habe sie gelegentlich gehört. Ihre Replik: "Wir sagen immer auf die gute Seite der Macht." Überwiegend habe sie aber Zustimmung erfahren, weil es der Branche wichtig sei, dass jemand mit Verständnis für ihre Themen die Verantwortung übernehme. "Themen wie Regulatorik oder Governance sind nicht ganz so sexy wie Umsatz und Prämiensteigerung."
Kosten in der Lebensversicherung: 40 Basispunkte weniger
Drei Jahre nach dem Wohlverhaltensmerkblatt zieht Wiens eine positive Bilanz. Produkte ohne angemessenen Kundennutzen seien vom Markt genommen worden, Kosten seien rückwirkend reduziert worden, und bei langen Laufzeiten ab 30 Jahren seien die Effektivkosten um rund 40 Basispunkte gesunken. Ihre Einordnung: "Was ich ehrlicherweise relativ viel finde."
Auf die naheliegende Frage, warum die Aufsicht die Kosten nicht einfach deckelt, antwortet sie: "Das ist nicht Aufgabe der BaFin, das ist Aufgabe der Politik." Die BaFin arbeite prinzipienorientiert, wolle Wettbewerb und Innovationskraft nicht einschränken und betreibe ausdrücklich keine Preiskontrolle. Der Prüfansatz ist selektiv: Betrachtet werden die meistverkauften Produkte, derzeit die fondsgebundenen Lebensversicherungen, und dort die Ausreißer bei den Effektivkosten. Jeden Tarif einzeln anzusehen sei nicht machbar, "dann bräuchten wir sicher auch viel mehr Leute."
Ein offener Punkt bleibt die vorzeitige Vertragsbeendigung. Weil die Kosten frontlastig kalkuliert sind, trifft es Kunden hart, die nach fünf bis acht Jahren stornieren. Die Erwartung der Aufsicht: Für mehr als die Hälfte der Kunden muss ein Kundennutzen vorhanden sein. Storniert der Durchschnitt nach zehn Jahren, muss der Nutzen also bereits nach zehn Jahren stimmen.
Altersvorsorgereform: Wird der Kuchen größer?
Für die Lebensversicherer sei die Reform ein massiver Einschnitt, sagt Wiens. Anzahl und Art der Wettbewerber veränderten sich, der jahrelange steuerliche Sonderstatus falle weg. Ihre Sorge: "Der zu verteilende Kuchen wird nicht größer."
An dieser Stelle wird es im Studio streitig. Andreas Harms hält dagegen, mit 14 Millionen Riester-Verträgen und angriffslustigen Neobrokern stehe doch ein Riesenkuchen bereit. Wiens verweist auf die Haushaltsbudgets: Steigende Preise bei ohnehin nicht mitwachsenden Gehältern, dazu teurere Kfz- und Krankenversicherungen. Für manche Haushalte sei entscheidend, ob 20 oder 30 Euro mehr oder weniger zur Verfügung stünden. Am Ende einigt man sich auf ein sportliches Unentschieden: "Am Ende spekulieren wir alle."
Und die Branche hat aus ihrer Sicht noch eine Hausaufgabe: Die lebenslange Rente als Alleinstellungsmerkmal besser zu vermitteln. Bisher sei das noch nicht gut transportiert.
Kfz: 80 Prozent Rabatt und Price-Walking
Nach der Lebensversicherung nimmt die Aufsicht nun die Schaden- und Unfallversicherer ins Visier, vor allem den Kfz-Bereich. Zwei Praktiken nennt Wiens konkret.
Erstens pauschale, nicht risikobasierte Rabatte, die auf eine ohnehin feine aktuarielle Kalkulation aufgesetzt werden. In Extremfällen seien es 80 Prozent gewesen. "Da kann man nicht mehr von einer fairen Behandlung der Kunden sprechen." Zweitens das Price-Walking: Neugeschäft mit hohen Rabatten zeichnen und die Prämie anschließend überproportional erhöhen. Ausgenutzt werde dabei die Loyalität oder die geringe Wechselneigung der Kunden.
Extremrabatte seien Ausreißer, Price-Walking dagegen stärker verbreitet. Und beides hat aus ihrer Sicht Folgen über den Einzelfall hinaus: Es schade der Reputation und sei ein Grund dafür, dass das Vertrauen in die Branche nicht so hoch sei, wie es sein könnte.
Bei den Prämiensteigerungen zeigt sie sich dagegen verständnisvoll. Die Combined Ratios lagen jahrelang deutlich über 100, die BaFin selbst hatte Erhöhungen angemahnt. Zurücklehnen dürfe sich aber niemand, denn die Schadeninflation liege weiterhin über der monetären Inflation. Auch bei Wohngebäude und Klimarisiken erwartet die Aufsicht vorausschauende Kalkulation.
KI: Viele Chancen, klare Grenzen
Beim Thema KI ist Wiens ausgesprochen offen. Die BaFin sehe viele Chancen und Vorteile für Versicherer wie für Verbraucher, etwa durch schnellere Bearbeitung und bessere Erreichbarkeit. Die Risiken benennt sie ebenso: Halluzinationen, also "wirklich irreführende Inhalte, die von der KI als wahr verkauft werden", Konzentrationsrisiken durch die Abhängigkeit von großen Techanbietern und verstärkte Cyberrisiken.
Im Underwriting in der Kranken und Lebensversicherung handelt es sich um Hochrisiko-KI mit besonderen Governance- und Dokumentationspflichten. Die Timeline dafür ist auf Dezember 2027 verschoben. Entscheidend sei, dass Prämienentscheidungen und Ablehnungen objektiv nachvollziehbar bleiben und die KI Menschen in schwierigen Situationen nicht benachteiligt.
In der Schadenregulierung liegt in der Regel keine Hochrisiko KI vor, verbotene Praktiken gelten trotzdem. Ein Beispiel: Automatisierte Vorschläge, die Kunden zu einem nachteiligen Vergleich manipulieren. Betrugserkennung ist dagegen zulässig, sofern die verwendeten Faktoren objektiv, gerechtfertigt und verhältnismäßig sind. Ihr Fazit für die Praxis: "Man kann eben auch wirklich viel Unsinn damit machen." Ohne solides Modellrisikomanagement geht es nicht.
Und was ist mit Kunden, die sich von ChatGPT konkrete Tarife empfehlen lassen? Zuständig sind die Industrie- und Handelskammern, weil sie die Vermittleraufsicht führen. Wiens hält das Thema aber für europäisch relevant, EIOPA arbeite bereits an einer Klärung. Ihr Zwischenstand: "Ich kann auch das Unbehagen an der Stelle verstehen."
Beschwerden auf Rekordkurs
Rund 14.000 Beschwerden gab es im vergangenen Jahr, über 9.000 sind in diesem Jahr bereits bearbeitet, hochgerechnet erwartet die BaFin 15.000. Hauptgründe sind nicht die Prämien, sondern die Dauer der Leistungsbearbeitung und die Art der Regulierung oder Ablehnung, mit Schwerpunkt Kfz.
Als einen Grund für den Anstieg nennt Wiens die KI. Sprachmodelle formulieren das Beschwerdeschreiben auf Zuruf und empfehlen die Beschwerde teils gleich mit. "Die Hemmschwelle ist viel kleiner, wenn mir der Beschwerdebrief von der KI geschrieben wird."



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