In der Folge von "Handelsblatt Today" gibt Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup Einblicke in die 33 Vorschläge der Rentenkommission. Es geht um ein späteres Renteneintrittsalter, den Einstieg in die kapitalgedeckte Rente und die Frage, wer künftig einzahlen soll. Rürup sagt klar, warum entscheidende Reformen vor 20 Jahren hätten beginnen müssen und weshalb das deutsche Geschäftsmodell die Lage zusätzlich erschwert.
Schulnote zwei für eine abgewogene Reform
Rürup vergibt für die Vorschläge eine Schulnote zwei. Er hält das Paket für durchdacht, gerade weil die Kommission die politische Umsetzbarkeit mitgedacht habe. Ein gutes Zeichen sei die Kritik von allen Seiten. Gewerkschaften wie Unternehmensverbände äußern sich skeptisch. Für Rürup ein Qualitätsmerkmal: "Und wenn diese Nörgelei ausgewogen ist, dann war es ein guter Vorschlag."
Renteneintrittsalter: Zu spät begonnen
Ab 2031 soll die Regelaltersgrenze im Verhältnis zwei zu eins an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Steigt die Lebenserwartung um drei Jahre, arbeiten die Betroffenen zwei Jahre länger. Manchen Ökonomen geht das nicht weit genug. Rürup widerspricht. Man hätte zwar früher anfangen müssen, doch das sei kein Argument für ein höheres Tempo. Die Steigerungsraten dürften nicht zu groß werden, weil die Betroffenen sich darauf einstellen müssten.
Sein Urteil über das vergangene Versäumnis fällt deutlich aus. Der Anstieg hätte bereits vor rund 20 Jahren beschlossen werden müssen. Trotzdem hält er das aktuelle Tempo für vertretbar.
Kapitalgedeckte Rente: Besser spät als nie
Ein Teil der Beiträge soll künftig in eine kapitalgedeckte Zusatzrente fließen, beginnend bei 0,5 Prozent mit einem Einstieg auf bis zu zwei Prozent. Das sei wenig, räumt Rürup ein, aber der richtige Weg: "Aber besser jetzt anfangen, als gar nicht anzufangen." Langfristig werde aus dem umlagefinanzierten System ein Mischfinanzierungssystem, was konzeptionell richtig sei.
Den rasanten Anstieg der Alterung könne dieser Schritt allerdings nicht auffangen. Eine deutlich höhere Quote von fünf oder zehn Prozent lehnt er ab, weil dieses Geld zunächst vom Einkommen der Betroffenen abgezogen werden müsse. Hier verweist er auf das große Bild: Das exportgetriebene deutsche Geschäftsmodell sei infolge des Erfolgs Chinas und der Politik Trumps zusammengebrochen, gleichzeitig laufe die Alterung. Eine verpasste Chance benennt er ausdrücklich. Die Riester-Idee einer obligatorischen kapitalgedeckten Ergänzung sei seinerzeit von der Versicherungswirtschaft und einer Boulevardzeitung zerstört worden. "Und solche Versäumnisse kann man ganz schlecht nachholen."
Beamte, Selbstständige und der Streit um die Gleichbehandlung
Künftig sollen auch Selbstständige, Vorstände von Aktiengesellschaften und Abgeordnete einzahlen. Beamte führt die Kommission nicht auf. Aus Gleichbehandlungsgründen befürwortet Rürup deren Einbeziehung, aus demografischer Sicht sieht er sie kritisch. Ihre Lebenserwartung liege rund zwei Jahre über dem Durchschnitt, was unter anderem mit der Bildung zusammenhänge. Die Botschaft: "Und alle Probleme der Welt kann das Rentensystem nicht lösen."
Minijobs und die Frage der Vorsorge
Den Vorschlag, Minijobs künftig nur noch für Schüler und Studenten zuzulassen, verteidigt Rürup. Über solche Jobs lasse sich keine vernünftige Altersvorsorge aufbauen. Auf den Einwand, dass dann Stellen in Handel und Gastronomie wegfielen, reagiert er gelassen. Arbeit, die nicht von Studenten und Schülern erledigt werde, übernähmen eben regulär Beschäftigte. Soziale Härten etwa bei Pflege oder Kinderbetreuung seien über gezielte Zuschläge zu kompensieren, nicht über das Versicherungssystem als Ganzes.
Vorsichtiger Optimismus beim Zeitplan
Mütterrente und das bis 2031 festgesetzte Rentenniveau von 48 Prozent klammern die Vorschläge aus. Rürup verweist auf die Realität: Ein Rentensystem werde nicht durch gute Ideen stabilisiert, sondern durch deren Umsetzung. Beide Regierungsparteien seien geschwächt, die SPD stärker als die Union.
Ob die Koalition das Gesetzespaket Anfang Juli beschließt? Die Umsetzung wäre ein Kraftakt, aber er bleibt optimistisch. Auf die direkte Nachfrage des Moderators, ob er an das Gelingen glaube, antwortet er knapp: "Ja."



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