KI im Versicherungsvertrieb: „Timing und Glück spielen eine Riesenrolle"

Im Podcasts „You Talk" von Ingolf Putzbach und Oliver Lang ist Simon Moser zu Gast. Der Mitgründer und CEO von MuffinTech gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Unternehmens, die Grenzen von KI in der Beratung und warum junge Menschen nicht gerne mit Verkäufern sprechen.

Vom Strukturvertrieb zum KI-Unternehmer

Simon Mosers Weg in die Versicherungsbranche begann klassisch: Als Student wurde er von einem Bekannten für einen Strukturvertrieb rekrutiert. „Schnelles Geld verdienen klingt für einen armen Studenten natürlich erst mal super", erinnert er sich. Nach dem Studium und einem Master in London führte ihn der Weg über die Unternehmensberatung schließlich zur Gründung von MuffinTech im Jahr 2021.

Ursprünglich startete das Team nicht mit KI, sondern mit einem digitalen Makler namens „Muffin", der Versicherungsberatung über WhatsApp anbot. Die Zielgruppe: junge Menschen und Expats in Deutschland. Als die Anfragen die Kapazitäten sprengten, begann das Team, kleine KI-Tools für die interne Nutzung zu entwickeln. „Wir haben es damit geschafft, unsere Vermittler 50, 60 Prozent effizienter zu machen", berichtet Moser.

Der richtige Moment entscheidet

Moser spricht offen über einen Faktor, den viele Gründer gerne verschweigen: „Alle sagen immer, wie geil ihr Produkt, ihr Team und sie selber sind, aber dass einfach Timing und Glück eine Riesenrolle spielt, darüber wird nicht gesprochen." Als die ChatGPT-Welle kam, hatte MuffinTech bereits funktionierende Lösungen auf Basis der GPT-3 Modelle entwickelt. Plötzlich klopften Versicherer, Vertriebe und Pools an die Tür.

Die Entscheidung, vom B2C-Geschäft komplett auf B2B umzuschwenken, fiel nicht leicht. Der Maklerbetrieb wurde auf Druck der Investoren aufgelöst. „Wenn du noch eine junge kleine Firma bist, dann musst du dich fokussieren", erklärt Moser die Konsequenz.

KI in der Beratung: Technisch möglich, praktisch heikel

Auf die Frage nach KI-Avataren, die den menschlichen Berater ersetzen könnten, reagiert Moser zurückhaltend. Zwar sei dies technisch möglich, doch: „Aus unserer Sicht ist noch nicht bewiesen, dass Leute das überhaupt wollen. Also das zeigen gerade eher Studien, dass Leute es komisch finden, mit einem Avatar zu sprechen."

Er betont einen fundamentalen Punkt: „Versicherung ist ein Push-Produkt, kein Pull-Produkt. Keiner wacht morgens auf und denkt sich, geil, ich schließe heute eine BU ab. Das passiert nicht. Das wird von einem Menschen verkauft." Die Konsequenz: Statt Berater zu ersetzen, müsse man sie effizienter machen.

Ein praktisches Problem sieht Moser auch bei der Regulatorik: „Der Avatar hat keine Ausbildung. Ihr könnt ihn zwar durch die 34D-Prüfung schicken wie bei euch, aber de facto ist es halt eine Maschine." Und wenn der Avatar halluziniert, während Kunden glauben, mit dem echten Berater zu sprechen? „Dann sind es nicht mehr deine Kunden. Davon kannst du ausgehen."

Die Plattform für den Vertrieb

MuffinTech hat ein „AI Operating System" entwickelt, das aus drei Ebenen besteht: eigenentwickelte KI-Module, einem Datenlayer mit Versicherungswissen und darauf aufbauenden Workflows. Das System wurde sogar von einem Mitglied der IHK-Prüfungskommission getestet und bestand die §34d-Prüfung mit 98 Prozent.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Bei der Bayerischen wird die KI im Bereich Zahnzusatz und Hausrat eingesetzt. „Was wir sehen ist, dass heute schon in diesen Bereichen eine zweistellige Prozentanzahl an Abschlüssen von der KI begleitet wird", berichtet Moser. Die Conversion verbessert sich, die Anzahl der Rückfragen sinkt.

Ein weiteres Großprojekt läuft mit OVB: Ein Personal Agent für jeden Vermittler, der bei Alltagsaufgaben unterstützt, von der Vorbereitung auf Sachkundeprüfungen bis zur automatischen Dateneingabe ins CRM. „Das sind ja auch so nervige Aufgaben, die aber gerade komplett händisch funktionieren. Wenn du den Vertrag einfach in die KI hochlädst, zieht die sich die Daten raus und befüllt das CRM-System. So sparst du dir direkt bei jedem Vertrag 10 bis 15 Minuten."

Zwei gegenläufige Trends

Moser sieht zwei parallele Entwicklungen im Vertrieb. Einerseits ermöglicht KI eine bessere ganzheitliche Beratung: „Wo der Makler gerade halt noch am liebsten eine BU verkauft, weil da die meiste Provision sofort kommt, lässt der Kompositgeschäft oft links liegen, weil es einfach zu aufwendig ist. Wenn du jetzt eine KI-Unterstützung hast und das einfach mit sehr wenig Aufwand mitmachen kannst, dann glaube ich schon, dass es dahin geht."

Andererseits prognostiziert er ein Wachstum des Direktgeschäfts, zumindest im Kompositbereich: „Junge Menschen legen Geld zur Seite, aber das fließt halt in ETFs, nicht mehr in Lebensversicherungen." Und er fügt hinzu: „Junge Menschen haben generell eine Phobie, mit Leuten zu sprechen, die sie nicht kennen, und wenn die ihnen dann noch Sachen verkaufen wollen, mögen die das einfach nicht."

Change Management als größte Hürde

Die Technologie ist längst nicht mehr das größte Problem, sondern die Akzeptanz bei den Menschen. „Wir haben auch schon bei Kunden gesehen, dass Leute extra schlecht mit KI umgehen, weil sie Angst davor haben, dass eine gute KI den Arbeitsplatz vernichtet", berichtet Moser.

Sein Ansatz: Vom Problem kommen, nicht von der Lösung. „Eigentlich überlegen, wo verliert ihr denn gerade die meiste Zeit, von welchen Aufgaben sind eure Mitarbeiter genervt, was wiederholt sich? Und diesen Prozess dann mit KI neu denken."

Die Vision: Das AI Operating System für Europas Versicherungsbranche

Nach einer erfolgreichen Finanzierungsrunde Anfang 2025 investiert MuffinTech in Skalierung. Das Ziel ist klar formuliert: „Wir wollen das AI Operating System für die Versicherungsbranche sein und für den ganzen Bereich, alles was mit Vertrieb und Service zu tun hat. Und das in ganz Europa." Mit OVB geht MuffinTech bereits in 16 Landesgesellschaften. Ob es irgendwann in die USA oder nach Asien geht, lässt Moser offen. Der aktuelle Fokus liegt auf Deutschland und Europa.

Und was, wenn Microsoft eines Tages anklopft? „Wenn uns irgendwann Microsoft kauft, dann war das jetzt auch nicht so schlecht für mich", scherzt Moser. Aber er glaubt nicht daran: Die Versicherungsbranche mit ihren spezifischen Anforderungen brauche spezialisierte Lösungen, keine generischen Plattformen.

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