Wero, Wise und SpaceX: Die Woche der Finanzszene

Im wöchentlichen Podcast von Finanzszene sprechen Redakteur Christian Kirchner und Branchenexperte Jochen Siegert über die spannendsten Entwicklungen der Banken-, Fintech- und Paymentwoche. Diesmal geht es um ein Übernahmemanöver, das einen Aktien-Squeeze auslösen könnte und um eine virale Marketingkampagne mit ernüchternden Nutzungszahlen dahinter. Warum 8 Prozent der Commerzbank-Aktien plötzlich angedient wurden, weshalb nur ein Bruchteil der Wero-Registrierten das Verfahren wirklich nutzt und warum dem deutschen Fintech-Markt der Mittelbau fehlt.

Unicredit und Commerzbank: Streit um die Deutungshoheit

Die Übernahmegeschichte bleibt das beherrschende Thema. Beide Redakteure sind sich einig, dass es so schnell nicht abebbt. Siegert ordnet es als "Running Gag und die Haupt-Headline, die jetzt seit Wochen und Monaten durch die Gazetten geistert" ein, die auch nach einer Auflösung noch Nachfolgeeffekte haben werde.

Nachrichtlich spannend wurde es durch die wöchentliche Pflichtmeldung der Unicredit: Innerhalb einer Woche sprang die Quote der angedienten Commerzbank-Aktien von rund einem Prozent auf knapp 8 Prozent. Kirchner rechnet die Positionen auf: 27 Prozent direkte Aktien, gut 3 Prozent lieferberechtigende Derivate, die neuen 8 Prozent aus dem freiwilligen Angebot sowie weitere 13 Prozent in Finanzinstrumenten mit Barausgleich. Summiert ergibt das rechnerisch über 50 Prozent, faktisch bewegt man sich aber in einer Spanne zwischen gut 30 und möglicherweise 50 Prozent.

Genau an dieser Unschärfe entzündet sich der öffentliche Streit. Die Commerzbank vermutet, dass die angedienten Aktien teils von Handelspartnern stammen, die sich Papiere geliehen haben, und wirft der Unicredit vor, sich künstlich aufzublasen sowie die Finanzaufsicht einschalten zu wollen. Das Kalkül der Mailänder sei eine Art Nebelkerze, um Druck auf Investoren auszuüben.

Squeeze-Verdacht: Wenn Aktien knapp werden

Aus der Konstruktion mit geliehenen und angedienten Aktien ergibt sich ein interessantes Szenario. Sind die 13 Prozent Instrumente nicht durchgängig mit echten Aktien unterlegt, könnte eine kurzfristige Knappheit im Markt zu einem starken Kursanstieg führen. Bei mittlerweile rund 6,37 Euro sei die Commerzbank im Vergleich zu anderen europäischen Großbanken aber nicht mehr fundamental günstig, sondern enthalte eine "richtig fette Übernahmespekulation". Kirchners trockenes Fazit: "Am Ende gibt es noch einen interessanten Squeeze."

Wero auf Mallorca: Starkes Marketing, schwache Nutzung

Beide Gastgeber loben die Guerilla-Kampagne der Sparkassen am Flughafen Palma mit dem Slogan, was auf Malle passiere, werde auch auf Malle beglichen. Hinter der Idee stand offenbar Jung von Matt. Dass mallorquinische Behörden protestierten und das Plakat am Ende wieder abgehängt wurde, verstärkte den Effekt nur. Siegert bringt es auf den Punkt: Die lokale Regierung sei wohl "not amused" gewesen, da man das Klischee des Billig-Alkohol-Tourismus forciert sah. Aber ein kleiner Shitstorm sei für eine solche Kampagne fast das Beste, was passieren könne. 

Hinter dem Marketing stehen jedoch ernüchternde Zahlen, die der Redaktion vorliegen. Die 5,2 Millionen Registrierungen der Sparkassen per Ende März lagen rund 20 Prozent unter dem Ziel von 6,5 Millionen. Noch frappierender: Geplant war eine Nutzungsquote von 36 Prozent, tatsächlich sind es nur knapp 8 Prozent.

Vorregistrierung als KPI-Kosmetik?

Siegert hält die niedrige Quote für teils plausibel, da P2P-Verfahren historisch schnell abflachen und die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass zwei Wero-Kunden statt PayPal das neue Verfahren wählen. Rechne man die Sparkassen-Mitarbeiter heraus, blieben nur rund 160.000 Kunden, die sich für mindestens eine Transaktion begeistern ließen. Ein Blick auf die Gesamtzahlen zeigt zudem, dass praktisch nur die Sparkassen Betrieb machen, während für alle übrigen Banken rechnerisch nur etwa 1,5 Millionen Registrierungen übrig bleiben. Die Redaktion betont, die Zahlen seien nicht bestätigt, aber auch nicht korrigiert worden und stammten aus guter Quelle.

Digitaler Euro: die operativen Banken machen Ernst

Bei der Pilotphase des digitalen Euros haben sich über 50 Banken und Finanzdienstleister beworben, aus Deutschland laut Handelsblatt die Deutsche Bank, die Helaba und die DZ Bank. Siegert sieht darin ein klares Signal. Während Verbände teils schrill gegen das Projekt lobbyierten, bewerben sich nun ausgerechnet die operativen, zahlungsverkehrsstarken Institute. Das sei eine "Art Dolchstoßthematik" gegenüber den lautstarken Gegnern. Sein Urteil: Das Vorhaben lasse sich nicht verhindern, also sei es richtig, früh eine Strategie zu entwickeln und beim Piloten dabei zu sein. Kirchner ordnet das passend als Beleg für die These der bereits laufenden Rückzugsgefechte ein.

Wise: Nicht nur hippes Fintech, sondern Korrespondenzbank

Ein Recherchenetzwerk unter Beteiligung des Spiegel berichtete über Geldwäschevorwürfe gegen Wise, früher TransferWise. Siegert relativiert den ersten Reflex, hier habe es einfach den nächsten Neo-Akteur erwischt. Wise habe eine Doppelrolle: einerseits Neobank mit Konten und Karten, andererseits eine fast klassische Korrespondenzbank im Swift-System. Da viele etablierte Korrespondenzbanken ihre Geldwäschesysteme längst geschärft haben, weichen Betrüger dorthin aus, wo noch Lücken bestehen. Trotz einer Erfolgsstory mit 1,2 Milliarden Pfund Umsatz und hoher Profitabilität brach der Aktienkurs binnen Minuten um fast 20 Prozent ein. 

Deutschen Fintechs fehlt der Mittelbau

Eine Auswertung der 2024er-Abschlüsse fördert eine Schwachstelle zutage. Nur ein einziges Fintech überschreitet eine Milliarde Euro Erträge, nämlich SumUp, neun liegen über 100 Millionen Euro. Auffällig dünn besetzt ist der Bereich zwischen 25 und 100 Millionen Euro mit nur drei Unternehmen: IDNow, Ratepay und WebID Solutions.

Siegert führt die Lücke auf die Funding-Krise zurück. Investoren schauen heute auf Profitabilität statt auf reines Umsatzwachstum, was er ausdrücklich begrüßt, da nachhaltige Geschäftsmodelle entstehen. Die Kehrseite sei jedoch, dass viele Unternehmen im Mittelbau verharren. Im europäischen Vergleich sei Deutschland abgehängt, ein paneuropäischer Champion fehle weitgehend. Immerhin generieren deutsche Fintechs zusammen über drei Milliarden Euro Umsatz. Gemessen an einer Großbank sei das, frei nach einem bekannten Bank-CEO, weiterhin "Peanuts", zeige aber, dass Fintechs im Finanzsystem angekommen sind und nicht mehr verschwinden.

SpaceX-Börsengang: Geschickte Finanzmathematik mit Dotcom-Déjà-vu

Zum Abschluss ordnen beide den SpaceX-IPO als historisches Ereignis ein. Die Bewertung liegt bei 1,75 bis 2 Billionen US-Dollar, also etwas weniger als der gesamte DAX, bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 100. Ausgegeben wird nur ein extrem knapper Float, wobei ungewöhnliche 30 Prozent an Retail-Investoren gehen sollen. Durch geänderte Indexregeln landen selbst passive ETF-Anleger mit kleinen Beträgen in der Aktie. Kirchner rechnet vor, dass bei einem MSCI-World-ETF mit 10.000 Euro rechnerisch knapp 10 Euro in SpaceX fließen.

Siegert stört sich weniger an der hohen Bewertung als an der Vermischung des profitablen Raketengeschäfts mit unprofitablen Musk-Assets wie dem früheren Twitter und Grok, was die Bewertung aufblähe. Seine Einordnung: "Das ist geschickte Finanzmathematik, um es freundlich auszudrücken." Er wolle dort eigentlich nicht dabei sein, könne sich als ETF-Halter aber kaum wehren. Kirchner erinnert an die Dotcom-Blase: Das meiste Geld werde kurz vor dem Platzen verdient, ein Ritt auf der Rasierklinge. Als Anekdote erzählt er von einem Kind, das nach Kommunion oder Konfirmation einen Space-IPO-ETF kaufte und binnen zwei Monaten 40 Prozent Plus erzielte, ebenso wie Virgin Galactic, deren Aktie wegen des ähnlichen Tickers SPCE von Vertippern profitiere.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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