Im FONDS professionell-Podcast spricht Philipp Vorndran, Partner bei Flossbach von Storch, über die Zukunft der Rente in Deutschland. Er stellt eine drastische Diagnose und appelliert an die Verantwortung für kommende Generationen. Im Zentrum steht die Frage: Wie viel Zeit bleibt noch für Reformen?
Die Lage ist dramatisch
Klare Worte für den Zustand des Rentensystems: "Wir fahren mit 300 auf eine Wand zu und keiner ist bereit, das Lenkrad rumzureißen." Das Problem sei seit mindestens 15 Jahren bekannt, doch die Politik scheue vor echten Reformen zurück. Die Folge: Der Bundeshaushalt wird zunehmend zum Rentenhaushalt. Aktuell fließen 115 Milliarden Euro jährlich als Zuschuss in die gesetzliche Rente, das entspricht drei Viertel des Sozialhaushalts. "Das bewegt sich irgendwohin in Richtung ein Drittel unseres Bundeshaushalts", prognostiziert Vorndran.
Die durchschnittliche Rente liegt bei rund 1.300 Euro für Männer und 1.100 Euro für Frauen. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Gleichzeitig erreicht Deutschland einen fragwürdigen Weltrekord: "Wir sind für Nicht-Selbstständige weltweit der Weltmeister in der Abgaben- und Steuerquote."
Das Schweizer Modell als Vorbild
Als Gegenmodell beschreibt Vorndran das Schweizer Drei-Säulen-System. Die erste Säule funktioniert ähnlich wie die deutsche gesetzliche Rente, allerdings ohne Beitragsbemessungsgrenze. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen jeweils 5,5 Prozent ein, unabhängig von der Gehaltshöhe. Ein Pharma-Chef mit 20 Millionen Jahreseinkommen führt eine Million ab, erhält später aber nur die Obergrenze von knapp 2.000 Franken Rente.
Die zweite Säule ist die betriebliche Vorsorge. Hier werden zwischen 6 und 7,5 Prozent pro Seite eingezahlt, das Geld wird hälftig in Aktien und Anleihen investiert. Die dritte Säule erlaubt private Einzahlungen von rund 10.000 Euro jährlich auf ein Sperrkonto, steuerlich absetzbar. Das Ergebnis: "Die meisten Schweizer können mit der gleichen Rente weiterarbeiten, wie ihr letztes Fixgehalt gewesen ist."
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der globalen Diversifikation. Schweizer Pensionskassen investieren weltweit, nicht nur im eigenen Land. Der norwegische Staatsfonds als ähnliches Beispiel hat seit Gründung vor 27 Jahren eine Durchschnittsrendite von 7 Prozent per annum erzielt.
Die Last der jungen Generation
Die demografische Entwicklung verschärft die Situation dramatisch. Während die USA ab 2030 bis 2035 den Demografieberg abflachen können, ist bei Deutschland "kein Land in Sicht". Die Folge: Immer weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Rentner finanzieren. Gleichzeitig verlassen jährlich netto 210.000 gut ausgebildete Deutsche das Land.
Vorndran berichtet aus der Praxis: "Nach drei Minuten ist das Thema Auswandern aus Deutschland regelmäßig auf der Agenda." Bei Industriekunden gehe es gleich doppelt um Auswanderung: der Produktion und als Privatperson. Die Verschärfung der Wegzugsbesteuerung vor zwei Jahren sei kein Zufall gewesen.
Die jungen Menschen verstehen zunehmend, dass eine massive Belastung auf sie zukommt. Ob über höhere Steuern oder höhere Rentenbeiträge, es läuft auf dasselbe hinaus: weniger Netto vom Brutto. Das treibt viele ins Ausland, etwa in die Schweiz oder nach Dänemark.
Die Blockade der Politik
Warum bewegt sich nichts? Vorndran nutzt das Gleichnis vom gekochten Frosch: Ein Frosch im kalten Wasser bemerkt nicht, wie die Temperatur steigt, bis seine Muskeln versagen. "Viele Deutsche befinden sich genau in diesem Topf. Und ich befürchte, wir sind sehr nah der Temperatur, wo unsere Muskeln dann überhaupt nicht mehr können."
Die emotionale Aufladung des Themas macht rationale Diskussionen schwierig. Vorndran schildert einen Streit mit seinem Vater, der normalerweise vernünftig und ausgeglichen ist. Als es um Rentenreformen ging, "ist er wirklich wie eine Rakete abgegangen" und verwies auf die 50-Stunden-Woche seiner Generation. Diese beiden Standpunkte von alt und jung seien nicht auf eine Linie zu bringen.
Der fehlende Mut zur Wahrheit
Besonders kritisch sieht Vorndran das Schweigen vieler Meinungsführer. Vermögende und Unternehmer wissen um die Probleme, äußern sich aber nicht öffentlich. Die Sorge vor medialem Shitstorm und gesellschaftlicher Ächtung ist groß. "Viele haben nicht den Mumm, ihren Standpunkt wirklich einzubringen. Die innere Emigration ist bei vielen schon weit vorgeschritten."
Vorndran fordert mehr Mut, besonders von denen, die ihre Karriere abgeschlossen und ausgesorgt haben. Die Frage müsse lauten: "Habe ich für die Zukunft der Kinder auch wirklich genug getan? Nicht nur was die Sicherstellung einer ordentlichen Erbschaft angeht, sondern auch was die gesellschaftliche Struktur anbetrifft."
Die Alternativen werden knapp
Der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, leidet. Volumenrückgänge in der Automobilindustrie treffen unzählige Zulieferer. Refinanzierung wird zum Problem, denn einen funktionierenden Private-Equity-Markt wie in angelsächsischen Ländern gibt es in Deutschland nicht. M&A-Berater werden mit Verkaufsanfragen überschwemmt.
Vorndran hatte in der Vergangenheit verschiedene Lösungsansätze vorgeschlagen. Von der Übernahme des Schweizer Systems für alle Neueinsteiger ab einem Stichtag bis zu einem radikalen Vorschlag aus der Nullzinsphase: eine Billion Euro aufnehmen, 30 Jahre am Kapitalmarkt anlegen und die Differenz pro Kopf verteilen. "Auf die Art und Weise würden auch Menschen etwas vom Kapitalmarkt haben können, die sonst aus verschiedenen Gründen davon nicht wirklich etwas haben."
Zeit für Brandredner
Deutschland braucht Brandredner, die bereit sind, ihren Namen in den Shitstorm zu stellen. "Solange die Gesellschaft meint, drittes rheinisches Gesetz, das ist schon immer alles gut gegangen, das wird auch diesmal so sein, solange wird sich da keiner aus dem Topf heraus bewegen."



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