Im Podcast spricht der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen über die deutsche Rentenkrise. Kein Plädoyer für Hoffnung, sondern ein nüchternes Protokoll jahrzehntelanger politischer Versäumnisse, gespickt mit klaren Ansagen und gelegentlichem schwarzen Humor.
Die Demografie lügt nicht
Raffelhüschen stellt gleich zu Beginn klar, dass er und seine Kollegen keine Prognostiker sind, sondern Projektoren: „Das, was die meisten für etwas halten, was kommt, das kommt gar nicht. Das war schon." Die demografische Entwicklung sei keine Zukunftsfrage, sondern eine Reflexion der Vergangenheit. Wer heute geboren wurde, ist längst gezählt. Wer nicht geboren wurde, fehlt im System. Die Messe ist gelesen, so Raffelhüschen.
Konkret: Bis 2040 wird sich die Zahl der Rentner verdoppeln, während die Zahl der Erwerbstätigen auf 60 bis 80 Prozent des heutigen Niveaus sinkt. Das ist keine Schätzung, sondern Mathematik.
Schröder hatte recht, alle danach nicht
Der einzige Politiker, den Raffelhüschen in diesem Gespräch mit echtem Respekt erwähnt, ist Gerhard Schröder. Dessen Agenda 2010 habe mit dem Nachhaltigkeitsfaktor ein mathematisch sauberes Instrument geschaffen, das Beiträge für Jüngere konstant gehalten und das Rentenniveau angepasst hätte. „Davon haben wir uns dann aber sehr schnell verabschiedet, weil alle Sozialdemokraten-Nachschulder das Gegenteil waren, nämlich Geschenkeverteiler." Diese Linie, so Raffelhüschen, ziehe sich von Merkel über Scholz bis Merz.
Der Dachdecker als Phantom
Eines der unterhaltsamsten Momente des Gesprächs ist die Dekonstruktion des Dachdecker-Arguments. Immer wenn jemand das Renteneintrittsalter erhöhen will, kommt reflexartig der Dachdecker, der ja körperlich nicht bis 70 arbeiten könne. Raffelhüschen legt das auseinander: „Das Argument ist komplett falsch, weil die meisten Leute glauben, dass der Dachdecker eine normale versicherte Rente kriegt. Das hat er aber noch nie getan." Dachdecker, die körperlich nicht mehr können, beziehen Erwerbsminderungsrente, und zwar unabhängig vom allgemeinen Renteneintrittsalter. Daran ändert eine Anhebung auf 70 gar nichts. Das Dachdecker-Argument sei schlicht das Argument derer, die von der Rentenversicherung nichts verstehen, aber trotzdem mitreden.
Aktivrente: eine „bescheuerte Idee"
Kein Blatt vor den Mund nimmt Raffelhüschen bei der sogenannten Aktivrente, die seit November 2025 steuerfreies Arbeiten im Ruhestand ermöglicht: „Wer auf so eine bescheuerte Idee kommen kann, fragt man sich." Der Staat subventioniere mit Milliarden den vorzeitigen Ruhestand und anschließend noch den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Stattdessen wären versicherungsmathematisch faire Abschläge von 0,5 Prozent pro Monat vorzeitiger Verrentung das richtige Signal gewesen, wie es Schweden und Norwegen längst praktizieren.
Was jetzt noch zu tun wäre
Raffelhüschen skizziert drei Maßnahmen, die das Schlimmste noch abwenden könnten:
Erstens: Das Renteneintrittsalter zügig auf 70 anheben, und zwar vor 2030. Danach kämen die geburtenstarken Jahrgänge ohnehin schon in Rente, und die Maßnahme verpuffe.
Zweitens: Den Nachhaltigkeitsfaktor aus der Agenda 2010 nicht weiter aussetzen, sondern stärken, damit Beiträge für Jüngere stabil bleiben.
Drittens: Faire Abschläge einführen und die Aktivrente streichen.
„Wenn Sie die drei Dinge machen, dann haben Sie das Problem wieder einigermaßen im Griff." Ganz lösen lasse es sich nicht mehr, dazu sei zu viel Zeit verloren gegangen.
Kapitaldeckung und Realkapital
Mit Blick auf die private Altersvorsorge lobt Raffelhüschen die angedachten Reformen, die weg von Staatsanleihen und hin zu Realkapital und Aktienfonds führen sollen, angelehnt an das Modell des norwegischen Staatsfonds: „Staatsanleihen sind keine Kapitaldeckung. Staatsanleihen sind Steuern von morgen." Ein Ansatz, den er übrigens bereits 1989 in einem Beitrag für die Versicherungswirtschaft vorgeschlagen hatte, als Übertragung des amerikanischen 401(k)-Modells auf Deutschland. Seitdem sind 40 Jahre vergangen.
Die Babyboomer sind das Problem, nicht die Opfer
Mit entwaffnender Direktheit formuliert Raffelhüschen am Ende eine These, die so kaum jemand öffentlich ausspricht: „Der Babyboomer muss sich klar machen, dass er gar kein Problem hat, sondern dass er das Problem ist." Wenn diese Generation abgetreten sei, verschwinde auch das demografische Extremproblem. Was bleibt, sei ein strukturell niedrigeres, aber dauerhaftes Plateau. Das sei kein Trost für Babyboomer, aber ein Horizont für die Jüngeren.
Auf die Frage, was ihn dennoch optimistisch stimme, antwortet Raffelhüschen persönlich: Er beobachte bei der jüngeren Generation, dass Kinder wieder stärker im Mittelpunkt stünden. Das sei das Schönste, was diesem Land passieren könne.



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