Meine Damen und Herren,
willkommen zur Wochenschau aus der Welt der Versicherungen, in der diese Woche praktisch nur über ein Thema gesprochen wurde: Wer schultert eigentlich die Lasten eines Sozialstaats, dem die Demografie davonläuft? Rente, Pflege, Krankenversicherung, sogar die Pensionen: An jeder Ecke wurde gerechnet, gewarnt und umverteilt. Schnallen wir uns an.
Pflege: Jetzt sind die Kinderlosen dran
Kaum hat die Pflegereform den Weg ins Kabinett gefunden, kennen wir die ersten Details, und die haben es in sich. Wer keine Kinder hat, soll künftig kräftiger zahlen: Der Beitragszuschlag steigt um 0,1 Prozentpunkte auf 0,7 Prozent, in Summe landen Kinderlose ab 23 Jahren bei einem Beitragssatz von 4,3 Prozent. Wer Kinder hat, bleibt bei 3,6 Prozent und darunter. Dahinter steht das Loch von 22,5 Milliarden Euro für 2027 und 2028, das ich Ihnen schon vergangene Woche berichtet habe.
Pflegezusatz gehört aufs Beratungsprotokoll, und zwar lange bevor der Ernstfall eintritt. Und die Frage nach der dauerhaften Tragbarkeit der Beiträge ist genauso wichtig wie das Leistungsversprechen.
Rente mit 70: Die unbequeme Rechnung
An welchen Stellschrauben kann man drehen, um die Rentenlücke zu schließen: Höhere Geburtenrate, mehr Erwerbsbeteiligung, Beamte und Selbständige als Beitragszahler, höhere Beiträge, Gutverdiener stärker belasten, mehr Steuerzuschüsse, mehr private Vorsorge. Theoretisch gibt es viele Hebel, praktisch ist fast keiner realistisch.
Bleibt am Ende, was Wirtschaftsministerin Reiche längst fordert und Dänemark längst macht: später in Rente. Bundeskanzler Merz hat es in einen Satz gepackt, der die Branche aufhorchen ließ: Die gesetzliche Rente werde „allenfalls noch die Basisabsicherung" sein. Wer als Vermittler diesen Satz nicht zum Anlass für ein Gespräch nimmt, verschenkt das Naheliegende. Denn wenn der Staat selbst erklärt, dass er nur noch die Basis liefert, ist der Rest unsere Aufgabe. Die Vorschläge der Rentenkommission werden Ende Juni erwartet. Ich vermute, der Sommer wird heiß.
Beamte: Die Debatte wird breiter
Der Wirtschaftsweise Achim Truger möchte Beamte in die gesetzliche Krankenversicherung holen und warnt vor einem „Klassensystem". Bei rund zwei Millionen Beamten und 1,4 Millionen Pensionären geht es um echtes Geld.
Ich halte mich an dieser Stelle an meine eigene Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, solche Verteilungsdebatten politisch zu bewerten. Beide Seiten haben aus ihrer Sicht Argumente, und am Ende redet Karlsruhe ohnehin mit. Für uns zählt die nüchterne Konsequenz: Der Druck auf die gesetzlichen Systeme nimmt zu, von allen Seiten. Sollte sich an der Krankenversicherung der Beamten je etwas ändern, hätte das spürbare Folgen für die PKV. Heute gilt das Naheliegende: Wer in der GKV bleibt, sieht steigende Beiträge und wachsende Wartezeiten. Krankenzusatz- und Pflegezusatzversicherungen bleiben ein Wachstumsmarkt.
49 Milliarden suchen ein neues Zuhause
Mit dem Altersvorsorgedepot ab 2027 droht den Lebensversicherern ein Aderlass: Bis zu 49 Milliarden Euro könnten allein aus Riester-Rentenversicherungen in die neuen Depots abfließen, über alle Riester-Varianten hinweg sind es fast 65 Milliarden. Die laufenden Beitragseinnahmen aus Riester könnten sich mehr als halbieren.
Das ist die schlechte Nachricht für die eine Seite. Die gute Nachricht für uns steckt in zwei anderen Zahlen: 44 Prozent der Riester-Kunden sind unzufrieden, und 57 Prozent wissen noch gar nicht, was sie tun sollen. Die meisten von ihnen wollen sich beraten lassen. Lassen Sie diesen Satz wirken. Mehr als die Hälfte eines Millionenmarktes sucht aktiv das Gespräch. Wer jetzt seinen Bestand sichtet, den Riester-Vergleich vorbereitet und den Kontakt sucht, wird belohnt. Wer wartet, überlässt das Feld den Direktanbietern.
Digitale Rentenübersicht: Gute Idee, zähe Verbreitung
Apropos Überblick: Die Digitale Rentenübersicht wird im Sommer drei Jahre alt und kommt einfach nicht in Schwung. Von 58,8 Millionen Menschen mit Rentenanwartschaften haben sich gerade einmal rund 363.000 registriert. Am ersten Tag waren es 9.500 Anfragen, danach versandete es. Viele wissen nicht einmal, dass das Portal alle drei Säulen bündelt und nicht bloß die digitale Standmitteilung der Rentenversicherung ist. Die größte Hürde ist der Login per Online-Ausweis und PIN.
Eine Anmerkung sei erlaubt: Ein Portal ersetzt keine Beratung. Es liefert Zahlen. Was diese Zahlen für den einzelnen Menschen bedeuten, erklärt am Ende doch wieder ein Mensch. Und genau da sitzen wir.
Der Werkzeugkasten wird aufgeräumt
Sie erinnern sich vielleicht: Vor ein paar Wochen schrieb ich, der Werkzeugkasten der Altersvorsorge sei gut gefüllt, es fehle nur oft das Gespräch. Auf der insureNXT haben HDI und riskine gezeigt, was als Nächstes kommt: Der Werkzeugkasten wird durch eine durchgängige Beratungsstrecke ersetzt.
Die spannendste Erkenntnis war aber nicht die Technik, sondern die Diagnose, dass das größte Risiko die Akzeptanz im Vertrieb ist. Ein gutes Werkzeug allein erzeugt noch keine Nutzung. Notfalls, so hieß es, müsse man die alten Wege schließen oder das Tool zur Pflicht machen. Das kenne ich aus eigener Vorstandserfahrung nur zu gut: Die beste Software nützt nichts, wenn der Vertrieb sie nicht annimmt. Wer Prozesse digitalisiert, muss die Menschen mitnehmen, nicht nur die Schnittstellen. Übrigens auch ein Grund, warum saubere, strukturierte Bestandsdaten Gold wert sind. Aber dazu komme ich später noch. Oder auch nicht. Mal sehen.
Widerrufsrecht: Erst lesen, dann handeln
Zum Schluss eine Nachricht, bei der Ruhe die wichtigste Beratungsleistung ist. Ab dem 19. Juni wird das sogenannte ewige Widerrufsrecht für Lebensversicherungen eingeschränkt: Bei kleineren Belehrungsfehlern oder fehlenden Vorabinformationen erlischt es künftig 24 Monate und 30 Tage nach Vertragsschluss. Die Verbraucherzentrale Hamburg mahnt zu Recht zur Gelassenheit: Altverträge bleiben unberührt, und bei schwerwiegenden Belehrungsfehlern bleibt das Widerrufsrecht auch nach dem Stichtag zeitlich unbegrenzt.
Schönes Wochenende
Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Der Staat sagt inzwischen selbst, dass er nur noch die Basis absichern kann. Bei der Rente, bei der Pflege, bei der Gesundheit. Die Demografie ist und bleibt die stille Großmacht hinter jeder dieser Schlagzeilen. Was daraus folgt, ist keine Katastrophe, sondern ein Auftrag: Wer die Lücke kennt, kann sie schließen. Und das geht nur mit Beratung. Nicht mit einem Portal, nicht mit einem Algorithmus allein, sondern mit einem Menschen, der zuhört, rechnet und einordnet.
Das ist die Stunde der Vermittler. Wer jetzt informiert bleibt und aktiv auf seine Kunden zugeht, baut genau das auf, woran sich am Ende alle erfreuen: gute Bestände, getragen von Vertrauen. Und sollte ein Bestand doch einmal in andere Hände wechseln, dann, Sie ahnen es, hilft PolicenTransfer bei der Umdeckung. So, jetzt ist es raus.
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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