Brüß kommentiert: Die 23. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,

willkommen zur Wochenschau aus der Welt der Versicherungen. Die 23. Kalenderwoche hatte von der nüchternen Marktverschiebung bis zum handfesten Wirtschaftskrimi alles im Gepäck. Schnallen wir uns an.

Das Versicherungsmonopol fällt: Jetzt zählt Anpassungsfähigkeit

Mit dem Altersvorsorgedepot endet ab 2027 ein jahrzehntelanges Monopol. Erstmals werden Wertpapierdepots mit Zulagen und Steuervorteilen gefördert, die bisher allein Versicherungsprodukten vorbehalten waren. Rund 16 Millionen Riester-Verträge werden damit potenziell mobil. Das ist keine Steuerrechtsanpassung, das ist eine Neuverteilung von Kundenbeziehungen. Neobroker und Direktbanken stehen bereit, schnell, günstig, mit einer hübschen App.

Diese Nachricht sollte uns nicht beunruhigen. Sie ist eine Einladung. Märkte ordnen sich neu, das war schon immer so. Die Vermittlerschaft ist es gewohnt, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Wir haben die Honorardebatte überlebt, IDD, das Provisionsabgabeverbot, die Vergleichsportale. Wir werden auch das hier meistern. Entscheidend ist nicht das Gesetz, entscheidend ist, wer die Verschiebung früh erkennt und handelt. Und das Schwierigste dabei ist selten die Technik. Es ist die Frage, ob man das eigene Unternehmen und die Menschen darin mitnimmt. Wer als Berater dauerhaft beim Kunden präsent ist, dem nimmt kein Neobroker die Beziehung weg. Fachlichkeit und Beratung beherrschen wir. Aber wer wartet, überlässt anderen das Feld.

Der Krimi der Woche: Wie eine Milliarde Euro verschwand

Und dann diese Geschichte, die sich liest wie ein Drehbuch. Beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin, der Rentenkasse von rund 11.000 Zahnärzten, fehlt mehr als eine Milliarde Euro. Eine Recyclingfirma in Kalifornien, eine Garnelenzucht in Schleswig-Holstein, ein Luxusresort auf Ibiza, eine Motorjacht des Typs Pershing 5X und ein Direktor, der nebenbei rund fünfzehn Mandate führte und prächtig versorgt war. Mehr als 70 Prozent des Vermögens flossen in Risikoinvestments, aufgedeckt hat es am Ende kein Kontrollgremium, sondern ein einzelner Zahnarzt. Am Ende eine Klage über 2.000 Seiten und Rentenkürzungen von bis zu 70 Prozent für die Mitglieder.

Spannend wie ein Thriller, bitter für die Betroffenen. Und ich vermute, jeder dieser Zahnärzte wäre heute heilfroh gewesen, wenn er ein Standardprodukt und eine ehrliche Beratung über die Risiken seiner Geldanlage bekommen hätte. Genau das ist unsere Aufgabe: nicht das Renditeversprechen, sondern die Aufklärung darüber, was schiefgehen kann. Manchmal ist das unaufgeregteste Produkt das beste.

Beitragsschock 2028: Vorsorge tut not

Nach gut zwanzig Jahren steigen 2028 erstmals wieder die Beiträge zur gesetzlichen Rente, und zwar schlagartig von 18,6 auf 19,9 Prozent. Für einen Durchschnittsverdiener sind das laut der Berechnung der Wirtschaftsweisen rund 510 Euro mehr im Jahr. Mit den Plänen zur Kürzung des Bundeszuschusses könnte die Gesamtbelastung sogar auf über 20 Prozent des Bruttolohns klettern. Die Nachhaltigkeitsrücklage, einst auf 45 Milliarden gewachsen, ist 2027 nahezu aufgebraucht.

Über die Probleme der gesetzlichen Systeme ist eigentlich alles gesagt. Aber klarer kann man es dem Kunden kaum vor Augen führen: Vorsorge tut not. Und dazu passt eine zweite Zahl der Woche wie der Deckel auf den Topf. Eine Umfrage von Standard Life zeigt, dass fast jeder Dritte über 50 die eigene finanzielle Absicherung im Alter für gefährdet hält, bei den 50- bis 60-Jährigen sind es sogar 40 Prozent. Und nur 10 Prozent suchen professionelle Beratung. Lassen Sie das wirken. Der Handlungsdruck ist da, das Gespräch fehlt. Genau hier sitzen wir. Wer jetzt seine Bestände sichtet und das Gespräch sucht, reagiert auf eine existierende Nachfrage.

E-Scooter: Endlich klare Haftung

Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf beschlossen, der eine Gefährdungshaftung für E-Scooter und Segways vorsieht. Halter sollen künftig auch ohne eigenes Verschulden haften, der Geschädigte muss nur noch nachweisen, dass ihm beim Betrieb ein Schaden entstanden ist. Die Zahl der versicherten Roller stieg von 180.000 im Jahr 2020 auf 990.000 im Jahr 2023, die Unfallbeteiligten haben sich mehr als verdoppelt.

Es mag am Alter liegen, aber ich beobachte das Treiben mit einigem Stirnrunzeln. Die Dinger stehen im Weg, lehnen an Autos oder liegen einfach hingeworfen herum. Und wie unbeschwert manch junger Mensch damit unterwegs ist, gern zu zweit, ist mutig bis fahrlässig. Gerade angesichts der heutigen Reparaturkosten eines Pkw ist es richtig und überfällig, dass die Haftung verschärft wird. Für die Beratung heißt das: Wer einen E-Scooter fährt oder verleiht, sollte wissen, wie er versichert ist. Und der GDV hat recht, wenn er sagt, dass damit Haftungslücken geschlossen und der Opferschutz gestärkt werden.

Rekordzahl an Behandlungsfehlern: Wo keine Versicherung hilft

Die Techniker Krankenkasse hat 2025 so viele Verdachtsfälle auf Behandlungsfehler registriert wie nie zuvor, 7.540 Meldungen, ein Plus von 14 Prozent. Etwa jeder dritte Fall erhärtete sich. Der größte Anteil entfällt auf chirurgische Eingriffe. TK-Chef Baas fordert eine offene Fehlerkultur und ein zentrales Melderegister.

Hier hilft keine Versicherung, weder privat noch gesetzlich, das sollte uns nachdenklich machen. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch Operationen und ärztliche Behandlungen von Menschen erbracht werden, von Menschen, die müde sein können, überlastet, unter Zeitdruck. Statt nur auf Register und Meldepflichten zu schauen, sollten wir als Gesellschaft alles dafür tun, dass alle Beteiligten auskömmlich entlohnt sind und über genügend Zeit verfügen. Denn die wenigsten Fehler entstehen aus Bosheit, die meisten aus Erschöpfung. Wer die Bedingungen verbessert, reduziert die Fehler. So einfach und so schwer ist das.

Die besten Cyberversicherer: Und wenn der Vertrag nicht passt?

Zum Abschluss etwas Erfreuliches aus dem Wettbewerb. Servicevalue hat für Focus Money 25 Cyberversicherer aus Kundensicht untersucht. Die VHV ist in die Spitzengruppe aufgestiegen, die R+V in die zweite Reihe abgerutscht. Allianz, Provinzial  und Zurich liegen seit acht Jahren ununterbrochen über dem Marktdurchschnitt. Ein gesundes Zeichen, dass sich im Cyber-Geschäft echte Servicequalität herausbildet.

Und hier sei mir der gewohnte kleine Werbeblock gestattet: Solche Rankings sind ein guter Anlass für den Bestandsabgleich. Wenn ein Vertrag nicht mehr in den besten Händen ist, dann ist der Wechsel vielleicht angebracht. Spezialisierte Anbieter wie PolicenTransfer machen ihn leicht. So, jetzt ist es wieder raus.

Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Die alten Sicherheiten bröckeln an allen Ecken. Das Monopol fällt, die Beiträge steigen, selbst eine berufsständische Rentenkasse kann eine Milliarde verlieren. Was bleibt, ist keine Katastrophe, sondern ein Auftrag. Wer die Lücke kennt, kann sie schließen. Und das geht nur mit einem Menschen, der zuhört, rechnet und einordnet.

In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende. Und wenn Sie am Montag ins nächste Kundengespräch gehen, fragen Sie ruhig einmal nach, ob der Kunde eigentlich weiß, was in seinen Verträgen steckt. Man weiß ja nie.

Schönes Wochenende

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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