In der Podcast-Reihe „Wie sieht die Versicherungsbranche in 2030 Tagen aus?“ spricht Gastgeber Marko Petersohn mit Marc Schwetlik, seit kurzem Vorstand für Kapitalanlagen und Beteiligungen der Ideal Versicherungsgruppe aus Berlin. Schwetlik blickt auf 35 Jahre Branchenerfahrung zurück, unter anderem bei Allianz und einem Münchner Mittelständler.
Keine Revolution, sondern Evolution
Schwetlik macht früh deutlich, dass er nicht an radikale Brüche glaubt. Aus seiner langen Erfahrung heraus seien Veränderungen stets in kleinen Schritten gekommen. „Stehen wir vor großen Disruptionen, stehen wir vor Revolutionen in der Branche? Ich glaube es ehrlicherweise nicht.“
Auch der KI nähert er sich nüchtern. Sie sei gekommen, um zu bleiben, werde die Branche aber nicht komplett umkrempeln. Entscheidend bleibe für ihn die Frage der Wirtschaftlichkeit.
Innovation als Kostenentscheidung
Für mittelständische Häuser sei jede neue Technologie zunächst eine Rechenaufgabe. Eine eigene KI könne ein Mittelständler nicht entwickeln, die Lizenzen externer Anbieter rechneten sich nur bei großen, gleichförmigen Stückzahlen. „Ich könnte es digitalisieren, mache es aber lieber weiterhin wie bisher, weil es einfach zu teuer ist.“
Skalierung lohne sich dort, wo täglich dasselbe passiere, etwa bei der Kfz-Antragsbearbeitung oder bei Arztrechnungen in der Krankenversicherung. Bei wenigen Geschäftsvorfällen und hohen Lizenzkosten kippe die Rechnung schnell.
Vertrieb zwischen Vergleichsportal und persönlicher Beratung
Standardprodukte wie Kfz oder Hausrat wandern aus seiner Sicht weiter zu Vergleichsportalen, deren Logik er aus eigener Erfahrung als Check24-Nutzer kennt. Beratungsintensive Produkte blieben dagegen Sache des Menschen, weil der Bedarf erst geweckt werden müsse. „Versicherung ist eine Vertrauenssache, ist ein People's Business.“
Verschärft werde die Lage durch den Fachkräftemangel im Vertrieb, wo viele Vermittler selbst zur Babyboomer-Generation gehören und in den nächsten Jahren in Rente gehen.
Pflege als großer blinder Fleck
Den größten Nachholbedarf sieht Schwetlik bei der Pflege, einem Kernthema der auf die Generation 50+ spezialisierten Ideal. Außerhalb der Branche werde darüber kaum gesprochen, obwohl der Bedarf mit der alternden Babyboomer-Generation massiv steige. Pflege sei dabei auch eine Frage des Vermögensschutzes. „Wenn Sie das stationär machen müssen, dann wird das Vermögen verzehrt.“
Er rechnet damit, dass die Pflege nach Rente und Krankenversicherung als nächstes Thema politisch nach oben rückt, weil die staatlichen Systeme an ihre Grenzen stoßen und die demografische Entwicklung den Druck erhöht.
Insurtechs und Big Techs: Die große Angst blieb aus
Die einst gefürchtete Insurtech-Welle relativiert Schwetlik deutlich. Namen wie Element, Ottonova oder Lemonade hätten die Erwartungen nicht erfüllt, vieles sei „back to the roots“ gegangen oder von größeren Häusern übernommen worden. Auch vor Apple, Amazon oder Google müsse sich die Branche nicht fürchten. „Wir müssen uns vor Big Techs keine Sorgen machen.“
Obwohl Amazon ihn als langjährigen Kunden bestens kenne, sei der Einstieg ins Versicherungsgeschäft regulatorisch zu aufwendig und renditeschwach. Die Konzerne verdienten lieber an Provisionen durch vermittelte Policen, etwa Garantieverlängerungen.
Regulatorik und Bürokratie
Auf Entbürokratisierung mag Schwetlik nicht wetten. Jede Regierung habe Abbau versprochen, am Ende sei der Apparat eher gewachsen. Dass statt des Beils die Kettensäge angelegt werde, glaube er nicht, auch wenn er es sich wünsche. Europäische Vorgaben wie die CSRD-Richtlinie nennt er ein „Bürokratie-Monster“.
Fax adé, aber kein digitales Schlaraffenland
Konkret wird Schwetlik bei der Frage nach dem Fax. Er legt sich fest: Bis 2030 werde es verschwunden sein. Umständliche Prozesse wie das Ausdrucken, Unterschreiben und Einscannen von PDFs könnten dagegen länger überleben, obwohl es die elektronische Unterschrift längst gebe. Mit einem Seitenhieb auf die Behörden, illustriert an der Beantragung seines Personalausweises, macht er klar, dass die Versicherungsbranche im Vergleich noch zügig unterwegs sei.



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