Das BDVM-Symposium am 16. Juni 2026 in Köln stand unter dem Titel "Digitalisierung, Cyber und KI – rosige Aussichten?" Im vollbesetzten Auditorium des Radisson Blu Hotels in Köln ging um die demografische Lücke, die anhaltende Konsolidierung und die Frage, wie sich der Markt durch KI verändern wird. Und wie Makler darauf reagieren können und sollten.
Demografie und Konsolidierung
Thomas Billerbeck
BDVM
BDVM-Präsident Thomas Billerbeck eröffnete mit dem Thema der demografischen Lücke. Bis 2035 werden 20 Millionen Menschen das Arbeitsleben verlassen, während nur 13 Millionen nachrücken. Der „Kampf um Talente” werde so zum Verteilungskampf, der die gesamte Dienstleistungswirtschaft treffe. Mit einem Imagefilm will sich der Verband an die Zielgruppe der 20- bis 30-Jährigen wenden. Mitglieder können den Film zur Nachwuchsgewinnung nutzen. Beim Thema Konsolidierung verwies Billerbeck auf einen MarshBerry-Bericht. Demnach gab es seit 2015 über 5.200 M&A-Transaktionen. Im vergangenen Jahr waren es 530, davon wurden 61 Prozent durch Private Equity gestützt. Den Einsatz von KI fasste Billerbeck wie folgt zusammen: „Der Markt wird unmenschlich. KI kopiert den Menschen und macht es vielleicht in manchen Teilen besser.“ „Unmenschlich” bedeute aber auch sinkende Fehlerquoten und eine Bearbeitung rund um die Uhr. Wer jetzt nicht in strukturierte Daten investiert, gerät bis 2030 ins Hintertreffen.
Maklermarkt 2030+: Wer arbeitet 2035 noch?
Dr. Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman, gab einen Einblick in die gemeinsam mit AssCompact erarbeitete Studie „Versicherungsmaklermarkt 2030+“. 70 Prozent der Befragten waren über 50 Jahre alt, mehr als die Hälfte davon sogar über 55 Jahre.
Damit griff Kottmann Billerbecks Frage auf, wer im Jahr 2035 überhaupt noch arbeite, und verband sie mit der Beobachtung, dass gerade kleinere Makler zunehmend offen für einen Verkauf oder eine Verrentung seien. Kottmann erwartet eine Zweiteilung des Marktes in einen technologiegetriebenen Sachversicherungsbereich und eine auf Finanzberatung ausgerichtete Säule, aus seiner Sicht passend zum „Blaunet-Deal” von blau direkt und Netfonds. Sein zentraler Befund zur Plattformökonomie: 62 Prozent der Befragten erwarten, dass das Sachgeschäft im Privatkundensegment künftig überwiegend über Plattformen läuft. Dabei meinte er nicht nur Vergleicher wie Check24, sondern auch Dienstleister wie Mr. Money. Er spitzte den Punkt zu: „Dann kann man auch die Frage stellen, wie viel Wertschöpfung noch vom Makler kommt.”
Über die Regulatorik aus Berlin und Brüssel
Dr. Bernhard Gause
BDVM
Dr. Bernhard Gause, geschäftsführender Vorstand des BDVM, ordnete die sechs zentralen Themen ein. Die Retail Investment Strategy sei nach drei Jahren weitgehend beschlossen und ein allgemeines Provisionsverbot verhindert worden. Künftig müsse bei Versicherungsanlageprodukten jedoch darauf hingewiesen werden, dass es sich um eine nicht unabhängige Beratung handelt, wenn eine Provision gezahlt wird. Er mahnte zur Vorsicht bei FIDA und den geöffneten Schnittstellen zu Risiko- und Vertragsdaten, ebenso beim Schwenk der Altersvorsorge-Reform weg vom Versicherungsprinzip hin zum staatlichen Depot. Als weiteres Aufsichtsthema nannte er die Wohlverhaltensaufsicht der BaFin, insbesondere das sogenannte „Price Walking” bei Bestandskunden. Mit Blick auf die EU-Gesetzgebung brachte Gause die Gemengelage auf den Punkt: „Lasse ich die die großen US-Technologiekonzerne zu, dann übernehmen sie das, weil sie einfach weiter sind. Schließe ich sie aus, sind sie beleidigt.“ Sein Resümee zur Gesamtlage: „Es ist so viel los, man kommt gar nicht mehr dazu, ausufernde Stellungnahmen zu schreiben.“
Staatliche Cyberabwehr
Dr. Florian Rautenberg, Leiter Cyberabwehr beim Bundesamt für Verfassungsschutz, benannte Ransomware und Supply-Chain-Angriffe als größte Bedrohungen für die Branche. Er warnte zudem vor einer aktuellen Phishing-Kampagne über Messengerdienste, bei der Angreifer Geräte koppeln und Nachrichten mitlesen. Sein zentraler Appell mit praktischem Nutzen für die Makler galt der Datensparsamkeit: "Aus Angreiferperspektive sind Ihre Daten ein wahrer Goldschatz, mit dem man sehr viel machen kann."
Diskussionsrunde: IT-Sicherheit und Versicherbarkeit
Angelika Slavik von der Süddeutschen Zeitung moderierte den Tag sowie eine Runde zum Thema „IT-Sicherheit und Versicherbarkeit“.
Einig war man sich über die Feststellung, dass die gesellschaftliche Umwälzung durch KI größer sei als die Veränderung der Risikolage. IT-Sicherheitsberater Linus Neumann sah den entscheidenden Hebel in der Kompetenz: „Wenn wir das nicht erlernen, dann wird der größere Teil dumm und arbeitslos, und einige wenige werden sehr viel damit kontrollieren.“ Er kritisierte zudem die jahrzehntelange „Mystifizierung“ der IT und plädierte dafür, Probleme in lösbare Teilaufgaben zu zerlegen. Dr. Sven Erichsen hielt Cyber für versicherbar wie andere klassische Sparten auch und sah keinerlei Notwendigkeit für staatliche Eingriffe: „Die Cyber-Risikosituation ist nicht anders als die Feuer-Risikosituation. Da brauche ich keinen Staat, der irgendetwas versichert.“ Andreas Schmitt von der Zurich verwies dagegen auf ein Wettrüsten zwischen Angreifern und Verteidigern. Seit 2023 sei die Schadenfrequenz deutlich gestiegen. Bei Risiken wie dem Angriff und dem Ausfall kritischer Infrastruktur sehe er die Grenze der Versicherbarkeit erreicht und plädierte für eine Public-Private-Partnership.
BIPRO: Standards als Vertrauensanker
Frank Schrills
BIPRO
Frank Schrills, geschäftsführender Präsident der BIPRO, widersprach der These, dass KI Standards überflüssig mache. Im Gegenteil: Strukturierte Daten lassen KI effizienter und fehlerärmer arbeiten und sparen erheblich Token und Energie. Bei Schadenvorgängen lasse sich mit strukturierten Daten ein Vielfaches des Rechenaufwands einsparen. BIPRO werde seine über 20 Jahre lang entwickelten Normen auf KI-Protokolle wie MCP übertragen und zu einem BIPRO-KI-Standard weiterentwickeln. So sollen Agenten künftig über Unternehmensgrenzen hinweg eindeutig und prüfbar zusammenarbeiten können. Schrills warb für digitale Souveränität: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass die KI-Zukunft der Assekuranz allein von Technologieanbietern und proprietären APIs aus dem Ausland dominiert wird.”
KI im Maklerunternehmen: Realitätscheck
Moritz Heilfort
paladinum
Moritz Heilfort von paladinum hat den Maklerunternehmern eindringlich den Puls gefühlt: Zwar würden viele über KI-Strategien diskutieren, faktisch sortierten sie aber noch PDFs von Hand. Nur knapp 10 Prozent denken wirklich in Prozessen. Mit Blick auf die vorgestellten Cyberrisiken merkte er süffisant an, dass lediglich rund zehn Prozent der Makler eine eigene Cyberversicherung abgeschlossen hätten, wie solle denn da eine Beratung der Kunden aussehen? Er bezeichnete die Grenzen der Technologie: „KI löst kein Zeitproblem. Sie ist ein Katalysator, der Sie in Lichtgeschwindigkeit zum nächsten Engpass führt.“ Wer Prozesse nicht zuvor standardisiert und dokumentiert, muss scheitern: „Man kann keine KI in ein Chaos implementieren, das führt nur zu noch größerem Chaos.“ Sein Rat: Zunächst den eigenen Engpass definieren, dann automatisieren und schließlich KI einsetzen. Sein versöhnliches Schlusswort: Das Zeitfenster sei noch offen, entscheidend sei eine saubere, prozessbasierte Arbeit.
BDVM Symposium 2026: Vom Cyberangriff bis zur KI-Ethik
Das sehr sportliche Programm des Tages spannte mit seiner fachlichen Bandbreite einen Bogen von der staatlichen Cyberabwehr über eine interaktive Krisensimulation bis hin zu Vorträgen über digitalen Stress in der Vermittlung, die Organhaftung im KI-Zeitalter, Versicherungslösungen für KI-Risiken und die Medienkompetenz im digitalen Zeitalter. Diese Mischung aus Wissenschaft, Aufsicht, Sicherheitsbehörden und Industrie zeigt den Qualitätsanspruch des Verbands: Der Begriff „BDVM-Versicherungsmakler” hat sich zu einem Prädikat für besondere Qualität innerhalb der Maklerbranche entwickelt. Das Symposium untermauert diesen Ruf mit inhaltlicher Substanz statt mit Schaufensterthemen.




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