Wie Deutschland die KI-Revolution erfand und Amerika sie nutzte

Im Podcast von FONDS professionell spricht Gastgeber Joachim Nareike mit dem Informatiker Jürgen Schmidhuber, den die "New York Times" einst als "Vater der künstlichen Intelligenz" bezeichnete. Im Gespräch geht es um die Ursprünge der modernen KI, Europas verpasste Chancen und eine gewagte Prognose: 2042 könnte ein historischer Wendepunkt sein, an dem KI die physische Welt erobert.

Ein Vortrag vor nur einer Zuhörerin

Schmidhuber erinnert sich an eine Konferenz Anfang der 1990er Jahre, bei der sein Vortrag über KI genau eine Person im Publikum hatte. "Werte Dame, das ist mir sehr peinlich, aber scheinbar werde ich heute diesen Vortrag nur für Sie halten", sagte er damals. Die Antwort der jungen Dame: "Okay, aber beeilen Sie sich bitte. Ich bin die nächste Rednerin." Heute nutzen Milliarden Menschen täglich Technologien, die auf genau diesen frühen Arbeiten beruhen.

Die Wurzeln von ChatGPT liegen in München

Ein zentrales Thema des Gesprächs: Das "P" und das "T" in ChatGPT, also Pre-Training und Transformer, gehen laut Schmidhuber auf Forschungsarbeiten zurück, die 1991 an der TU München entstanden. Damals fehlte allerdings die Rechenleistung, um die Methoden praktisch nutzbar zu machen. Erst als Computer durch die Nachfrage der Videospiel-Industrie immer schneller und günstiger wurden, konnten die alten Algorithmen ihr Potenzial entfalten. "Seither wurde alle fünf Jahre Rechnen zehnmal billiger", so Schmidhuber, was über 30 Jahre einen Faktor von einer Million ausmacht.

Europa erfindet, Amerika skaliert

Ein wiederkehrendes Motiv im Gespräch ist Europas Schwäche beim Hochskalieren eigener Innovationen. Als Beispiel nennt Schmidhuber DeepMind, gegründet von einem seiner ehemaligen Studenten und 2014 für rund 600 Millionen Dollar an Google verkauft. Heute bildet DeepMind den Kern von Googles KI-Strategie und wäre nach heutigen Maßstäben mehrere hundert Milliarden Dollar wert. Sein Fazit zur europäischen Wagniskapitalszene: "Die Europäer sind naiv, die glauben nicht daran, dass das viel mehr wert ist."

Vom Sputnik-Schock zum Silicon Valley

Interessant ist auch der historische Rückblick auf die Entstehung des Silicon Valley: Dieses sei keineswegs aus privatem Wagniskapital entstanden, sondern aus staatlichen Investitionen als Reaktion auf den sowjetischen Sputnik-Schock 1957. Ähnliche Muster sieht Schmidhuber heute bei Verteidigungsausgaben, die europäische Startups im Drohnen- und Cybersicherheitsbereich plötzlich milliardenschwer machen. Auch Israel habe seinen Erfolg als "Startup Nation" vor allem militärischen Projekten zu verdanken.

Warum Deutschland seine klügsten Köpfe verliert

Zum viel diskutierten Fachkräftemangel hat Schmidhuber eine klare Meinung: "Warum fehlen uns Fachkräfte? Weil die besten von meinen deutschen Studenten nicht in Deutschland bleiben." Als Grund nennt er hohe Steuerlast, zu viel Bürokratie und vergleichsweise niedrige Gehälter für Professuren. Wer stattdessen zu DeepMind nach London oder ins Silicon Valley gehe, verdiene ein Vielfaches und könne sich voll auf Forschung statt auf Anträge konzentrieren.

Grundeinkommen als Antwort auf die Roboter-Revolution

Schmidhuber wird auch mit einem älteren Zitat konfrontiert, wonach Roboterbesitzer Steuern zahlen müssten, um jene zu unterstützen, die durch Automatisierung ihren Job verlieren. Er bestätigt die Grundidee eines bedingungslosen Grundeinkommens, schränkt aber ein, dass dies erst relevant werde, wenn Automatisierung tatsächlich in der Breite funktioniere. Aktuell könnten die meisten Berufe noch nicht ersetzt werden.

Der Konvergenzpunkt 2042

Schmidhuber hat die Theorie eines historischen "Omega-Punkts": Ausgehend von einer mathematischen Reihe, bei der sich die Abstände zwischen großen technologischen Durchbrüchen in der Menschheitsgeschichte immer weiter verkürzen, kommt er auf das Jahr 2042 als möglichen Wendepunkt.

Seine These: In den letzten 13 Jahren vor diesem Punkt könnte subjektiv so viel passieren wie in den gesamten 13.000 Jahren menschlicher Zivilisation zuvor. Der Auslöser dafür sei der Moment, in dem KI den Bildschirm verlässt und die physische Welt über Roboter aktiv gestaltet: "Es gibt keinen Roboter, der all die Maschinen bedienen kann, die Menschen bedienen können." Sobald sich das ändere, entstehe eine selbstreplizierende Maschinenzivilisation, die sich laut Schmidhuber langfristig über das gesamte Sonnensystem und darüber hinaus ausbreiten werde.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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