Im Podcast „For Professional Investors Only" kommt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka zu Wort. Es geht um die Frage, wie Rekordbörsen und allgegenwärtiges Krisengefühl zusammenpassen, um den Unterschied zwischen der KI-Rally und der Dotcom-Blase, und um eine schonungslose Einordnung der deutschen Wirtschaft.
Warum es keine Dauerkrise gibt
Leben wir wirklich in außergewöhnlich krisenhaften Zeiten? Kriege, Handelskonflikte, Verunsicherung gab es immer, ob Ex-Jugoslawien oder Irak. „Eigentlich ist doch unser Wirtschaftsleben eine Aneinanderreihung von Krisen", so Schallmayer. Der entscheidende Faktor sei die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen: „Die Unternehmen sind einfach unglaublich flexibel. Und diese Flexibilität der Unternehmenswelt, die darf man einfach nicht unterschätzen." Nicht jedes Unternehmen überlebt, ganze Branchen verändern sich, aber in der Summe kommt die Unternehmenslandschaft gestärkt aus Schwierigkeiten heraus.
KI-Rally vs. Dotcom: Der Unterschied heißt Profitabilität
Erinnert die Konzentration auf wenige Tech-Werte an das Jahr 2000? Für Schallmayer gibt es einen zentralen Unterschied: Die dominierenden Unternehmen von heute sind hochprofitabel. „Halbleiterhersteller heute, da ist ja 80 Prozent Marge oder mehr nichts Besonderes." Im Jahr 2000 folgten Anleger dagegen bloßen Zukunftserzählungen ohne Gewinne.
Warnsignale sieht er dennoch: SpaceX etwa erhält hohe Bewertungen ohne Profite, und die IPO-Welle nimmt Fahrt auf. Seine Faustregel: Wenn Aktien allein deshalb hoch bewertet werden, „nur weil in der Unternehmensbeschreibung KI steht", sei es Zeit, vorsichtig zu werden. Beruhigend wirke dagegen die geringe Verschuldung: Überinvestitionen führen zu Abschreibungen und fallenden Kursen, aber ohne Hebel drohe keine Kettenreaktion durch das Finanzsystem wie in früheren Zyklen.
Wenn Wachstum privat bleibt
Ein Punkt, den Schallmayer besonders betont: Unternehmen bleiben heute deutlich länger in privater Hand. Früher machten Aktien den Weg vom Small Cap zum Large Cap, und Anleger konnten das Wachstum begleiten. Heute stellt sich die Frage, „ob dann der freie Kapitalmarkt nur dazu genutzt wird, um sozusagen dann wirklich final Kasse zu machen. Oder ob dann auch noch ein bisschen Wachstumsfantasie für die Aktionäre übrig bleibt."
Die nächste KI-Phase: Anwender statt Schaufelhersteller
Die Gewinner der ersten Phase stehen fest. Spannend werde nun, welche Unternehmen KI klug in ihre Prozesse integrieren. Die Softwarebranche etwa sei pauschal als KI-Verlierer abgestraft worden: „Man hat gesagt, Software, bumm, das sind die eindeutigen KI-Verlierer." Schallmayer widerspricht: Wer KI geschickt einsetzt, werde Kostenvorteile haben und sich womöglich stärker erholen als vor dem Abverkauf. Denn selbst für die Monopolisten rechne sich das Ganze nur, „wenn eben tatsächlich genug Innovationskraft in den restlichen Unternehmen steckt."
Der DAX ist kein Spiegel Deutschlands
Die DAX-Unternehmen erwirtschaften nur rund 17 Prozent ihrer Umsätze in Deutschland. „Der DAX ist ein Spiegel der Weltwirtschaft, ganz klar." Zur wirtschaftlichen Lage des Landes: „Das ist eine Katastrophe natürlich, die wirtschaftliche Entwicklung. Wir haben jetzt gerade mal so das Vor-Corona-Niveau erreicht." Fünf Jahre Stagnation bedeuten dabei einen doppelten Rückstand, denn die Weltwirtschaft ist im gleichen Zeitraum stark expandiert.
Auch unter der Oberfläche hat sich vieles verschoben: Die Automobilindustrie, einst Schwergewicht und Dividendenherz des Index, kommt heute nicht einmal mehr auf 5 Prozent DAX-Gewichtung. Den Ton geben inzwischen Banken und Versicherer an. Für die Volkswirtschaft bleibt die Autoindustrie mit ihren Zulieferern zentral, für den Index spielt sie kaum noch eine Rolle.
Gelassenheit als Überzeugung
Ist Schallmayers Ruhe echt oder Berufsdisziplin? Seine Antwort: echte Überzeugung. „Es gibt jeden Tag Aufreger. Aber auf die lange Sicht flachen die sich alle ab, die schleifen sich ab." Sein Rat an Anleger lautet, sich nicht von Schlagzeile zu Schlagzeile treiben lassen, sondern ein paar Grundregeln verinnerlichen und „einfach ganz langweilig zu investieren". Das sei der Unterschied zwischen Spekulieren und sinnvollem Investieren.



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