Luxushotels statt Rente: Wie ein Versorgungswerk 1,3 Milliarden Euro verspielte

Im ntv-Podcast Wieder was gelernt widmet sich Gastgeberin Caroline Amme einem Fall, der in der Geschichte der deutschen Versorgungswerke bislang einmalig ist. Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) hat über die Hälfte seines Vermögens verloren. Statt in solide Anlagen floss das Geld der Zahnärzte aus Berlin, Brandenburg und Bremen in Luxushotels auf Sylt und Ibiza, in eine Garnelenzucht und in Startups. Nun ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft, das Versorgungswerk klagt auf Schadensersatz, und die rund 11.000 Mitglieder müssen sich auf Rentenkürzungen einstellen. Als Gesprächspartner gibt Thomas Schieritz, Vorsitzender des Verwaltungsausschusses beim VZB, Einblicke in die Aufarbeitung.

Die Rente ist sicher? Nicht für diese Zahnärzte

Die Folge beginnt mit einem Satz, den jeder kennt: Norbert Blüms „Die Rente ist sicher“ aus dem Jahr 1997. Für die Mitglieder des VZB dürfte dieser Satz heute wie Hohn klingen. Von einst 2,2 Milliarden Euro Vermögen sind nach Angaben von Schieritz „etwa 1,3 Milliarden Euro zum Stichtag 31. Dezember 2024 verloren“.

Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt laut Handelsblatt gegen 18 Personen, darunter frühere Mitarbeiter sowie Mitglieder des Verwaltungs und des Aufsichtsausschusses. Der Verdacht: Zusammengerechnet sollen sie über 230 Millionen Euro veruntreut haben, indem sie Investments freigaben oder nicht ausreichend prüften. Im Fokus stehen zwei ehemalige Führungskräfte: Ingo Rellermeier, von 2013 bis 2025 Vorsitzender des Verwaltungsausschusses, und Ralf Wohltmann, 25 Jahre lang Direktor des Versorgungswerks. Schieritz betont, das VZB begrüße die strafrechtliche Aufarbeitung „rund um diesen Finanz und mutmaßlich auch Korruptionsskandal“.

Der Kipppunkt lag zehn Jahre zurück

Aufgefallen sind die Probleme Anfang 2025, entstanden sind sie deutlich früher. Laut Schieritz wurde die Anlagestrategie um das Jahr 2015 „komplett neu strukturiert“ und entwickelte sich „in Richtung Wagniskapitalgebung“. Die Verluste seien nicht plötzlich eingetreten, sondern schrittweise gewachsen.

Anschaulich beschreibt er das Vorgehen: „Man hat quasi Aktienfonds genommen, die Liquidität daraus entnommen und in Richtung weniger Einzelunternehmensbeteiligungen umgeschichtet.“ Das sei offensichtlich nicht mit der Anlageverordnung vereinbar gewesen, der Versorgungswerke unterliegen. Verantwortlich dafür macht er maßgeblich seinen Vorgänger Rellermeier und den langjährigen Direktor Wohltmann.

Garnelen, Hotels und ein Versicherungsstartup

Die Liste der gescheiterten Investments liest sich eher wie das Portfolio eines Risikofonds als wie das einer Altersvorsorgeeinrichtung. Pleite sind unter anderem der Zuchtbetrieb für Gourmetgarnelen Hansegarnelen, das Versicherungsstartup Element Insurance und der Luxushotelinvestor 12.18. Investment Management.

Über die 12.18. Gruppe investierte das VZB in Hotels in Mecklenburg Vorpommern, auf Sylt, Ibiza, Teneriffa, Sardinien und in Schottland. Laut Tagesspiegel flossen seit 2015 rund 200 Millionen Euro in die Gruppe, zunächst als Darlehen, ab 2018 auch als Direktbeteiligung, obwohl es dem Unternehmen nicht gut ging. Heute hält das Versorgungswerk rund 60 Prozent der Anteile. Schieritz spricht von einer „illiquiden Anlageklasse von Spezialimmobilien“.

Im August hat die Gesellschaft Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Für Schieritz ist das „ein schwieriger Weg, um die Vermögensinteressen zu sichern“; das VZB legt Rechtsmittel beim Insolvenzgericht Düsseldorf ein. Zusätzliche Verluste drohen laut ntv.de allerdings kaum: Ein nahezu vollständiger Totalverlust sei nach Angaben des VZB gegenüber dem Platow Brief bereits eingepreist.

Klagen in alle Richtungen

Juristisch geht es inzwischen kreuz und quer. Rellermeier wurde im April 2025 abgewählt, klagte dagegen und scheiterte vor dem Verwaltungsgericht. Wohltmann wurde freigestellt und entlassen; vor dem Arbeitsgericht bekam er nur in einem Punkt recht: Die einjährige Kündigungsfrist hätte eingehalten werden müssen. Das VZB wiederum verklagt ihn auf 50 Millionen Euro Schadensersatz.

Zudem will das Versorgungswerk vor dem Landgericht Berlin die Schadensersatzpflicht von zwölf Parteien feststellen lassen, darunter das Land Berlin als Aufsichtsbehörde, der Wirtschaftsprüfer Forvis Mazars und die Deutsche Apotheker und Ärztebank. Schadensersatz sei nach Schieritz „die einzig relevante Möglichkeit, in Zukunft auch nur annähernd zur Erholung des Vermögens unserer Mitglieder beizutragen“.

Weiter zahlen, weniger bekommen

Für die Mitglieder ist die Lage doppelt bitter. Eine Zahnärztin wollte ihre Beiträge wegen der mutmaßlich pflichtwidrigen Anlagepolitik nicht mehr zahlen. Das Verwaltungsgericht Berlin entschied jedoch: Beiträge zu berufsständischen Versorgungswerken sind öffentlich rechtliche Abgaben und bleiben fällig. Da sie an die Beitragsbemessungsgrenze gekoppelt sind, steigen sie sogar automatisch weiter.

Auf der Leistungsseite zeichnet Schieritz ein düsteres Bild: „Nach derzeitigem Kenntnisstand sind leider schmerzhafte Einschnitte bei den Leistungen nicht vermeidbar.“ Ein versicherungsmathematisches Gutachten soll die Grundlage für eine Sanierungsstrategie liefern. Ziel sei „eine ausgewogene Lösung für alle Generationen“, die Beitragszahler, rentennahe Jahrgänge und heutige Rentner gleichermaßen trägt.

Geduld gefragt

Wer auf schnelle Wiedergutmachung hofft, wird enttäuscht. Schieritz rechnet mit einer Verfahrensdauer von acht bis zehn Jahren, möglicherweise bis zum Bundesgerichtshof. Bis dahin bleibt den Berliner Zahnärzten vor allem eines: weiter einzahlen und hoffen.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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