Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. In der 41. Kalenderwoche ging es ums Verteilen: Neuverträge, Marktanteile, Haftung, Pflegekosten. Und wie immer beim Verteilen stellt sich die Frage, wer am Ende leer ausgeht.
Das Depot kommt, das Geld geht
Marktforscher erwarten zum Start des Altersvorsorgedepots rund 2,9 Millionen Abschlüsse mit durchschnittlich 142 Euro Sparbeitrag im Monat. Inklusive Zulagen sind das sechs Milliarden Euro im Jahr, und das ist die konservative Variante. 73 Prozent der Förderberechtigten kennen das Produkt bereits, drei Viertel der Abschlussbereiten wollen sich beraten lassen. Das lese ich gern noch einmal langsam: Die Kunden wollen Beratung.
Die Kehrseite: Aus den Riester-Rentenversicherungen dürften rund 49 Milliarden Euro in neue Depots abfließen, die Beitragseinnahmen aus diesem Geschäft könnten um 57 Prozent sinken. Wer kündigt, verliert womöglich seine Beitragsgarantie zum Laufzeitende. Fehlentscheidungen sind programmiert, wenn niemand rechnet. Hier liegt unsere Aufgabe und zwar vor dem Jahreswechsel.
Bleibt die Frage, wovon wir dabei leben. Die Diskussion um die NAV-Vergütung, also eine laufende Vergütung nach Höhe des Vorsorgevermögens, nimmt Fahrt auf. Liechtenstein Life sieht die klassische Abschlussprovision im Massenmarkt auf dem Rückzug, die Allianz sieht dem Modell Grenzen gesetzt. Ich halte es mit Norman Wirth vom AfW: Die Vergütung muss zur Leistung passen, nicht zum Produkt. Wer Kunden über Jahrzehnte betreut, bekommt mit laufender Vergütung endlich bezahlt, was er ohnehin tut. Die von der Bafin ins Spiel gebrachte längere Stornohaftung lehnen die Verbände dagegen zu Recht ab.
Wo das Geld gut aufgehoben ist, zeigt passend das jährliche Rating von Professor Hermann Weinmann. Allianz und Hannoversche erhalten betriebswirtschaftlich erneut eine Eins und für Verbraucher ein „sehr gut“. Die Axa springt um 200 Punkte auf eine Zwei, die Provinzial rutscht um zwei Stufen auf eine Vier, die Zurich Deutscher Herold bleibt bei der Fünf. Bemerkenswert: Hannoversche und WWK weisen durchgehend stille Reserven aus, während viele Wettbewerber auf stillen Lasten sitzen. Wer Riester-Kunden beim Wechseln oder Bleiben berät, sollte diese Zahlen kennen.
Vier Große und ein sicherer Hafen
Die Zahlen der BIG 4 unter den Pools und Verbünden bestätigen, was ich hier vor einigen Wochen Verdrängung genannt habe. INFITECH mit Fonds Finanz und DEMV knackt beim Rohergebnis die 100 Millionen, mit verticus kratzt die Gruppe beim Umsatz an der halben Milliarde. Blau direkt wächst um ein Drittel und formiert sich mit Netfonds unter dem Dach von Warburg Pincus zum Plattformkonzern. JDC hat sich mit der Mehrheit an der FMK-Gruppe eine eigene Plattform für Leadgenerierung zugekauft. Das Muster ist bei allen dreien dasselbe: Kapital, Automatisierung, Skalierung.
Und dann die VEMA: Über 5.000 Partner, 273 mehr als im Vorjahr, kein Investor, ohne Gewinnmaximierung und trotzdem mit erstklassiger Ertragskraft. Das freut mich, denn es zeigt, dass maklereigene Strukturen im Konsolidierungswettbewerb nicht nur bestehen, sondern wachsen. Konsolidierung ist kein Schicksal, sie ist eine Wahl. Wer verkaufen will, findet Käufer. Wer bleiben will, findet Partner. Ob beim Verkauf des eigenen Unternehmens, der Suche nach dem passenden Partner oder der Optimierung des Bestandswerts vor dem Verkauf beziehungsweise nach dem Kauf: PolicenTransfer bietet sowohl Maklern als auch Bestandskäufern und Konsolidierern wertvolle Unterstützung. Bevor jetzt die Werbung startet, mache ich lieber weiter.
Kfz: Doppelt hält besser
Die Bundesjustizministerin will die Mindestversicherungssummen in der Kfz-Haftpflicht anheben: 15 Millionen Euro für Personenschäden, 2,5 Millionen für Sachschäden, 100.000 Euro für reine Vermögensschäden. Die gesetzlichen Haftungshöchstbeträge werden erstmals seit 2007 verdoppelt. Leasinggeber sollen haftungsrechtlich wie Halter behandelt werden und wer sein Auto vorsätzlich als Waffe einsetzt, schickt seine Opfer künftig nicht mehr zum Entschädigungsfonds.
Das ist überfällig. Ältere Pflichtdeckungen sollen sich automatisch anpassen. Automatisch heißt aber nicht kostenlos, moderate Prämiensteigerungen kündigt der Entwurf gleich mit an. Spätestens dann klingelt bei Ihnen das Telefon und bei der Gelegenheit lohnt der Blick auf den ganzen Kfz-Bestand.
Dazu passt die VEMA-Qualitätsumfrage. Bei Kfz-Einzelrisiken liegen Itzehoer und VHV bei den Nennungen fast gleichauf, bei der Qualität setzt sich die Itzehoer mit 1,77 deutlich ab. Die R+V fällt von Platz drei auf sieben. Makler stimmen eben mit den Füßen ab, besser gesagt mit dem Bestand. Wer den dorthin umdecken will, wo die Qualität stimmt, muss nicht jeden Vertrag einzeln anfassen. Dafür gibt es ja PolicenTransfer.
Pflege und PKV: Erklären statt beschwichtigen
Die Pflegereform ist beschlossen und für die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer zu kurz gesprungen. Der Kinderlosenzuschlag steigt von 0,6 auf 0,9 Prozentpunkte, die Beitragsbemessungsgrenze um 300 Euro. Trotzdem weist der Entwurf selbst für 2027 ein Defizit von 7,6 Milliarden Euro aus, für 2029 knapp 17 Milliarden. Die Grundsatzfragen wandern in eine Kommission. Das erinnert an den alten Spruch: Wer nicht entscheiden will, gründet einen Arbeitskreis. Für uns heißt das: Die Pflegeversicherung bleibt eine Teilkasko, und die Lücke wird eher größer. Jeder Kunde, der das nicht weiß, ist ein Beratungsfall.
Lesenswert auch ein Gastbeitrag zur Beitragsanpassung in der PKV. „Das liegt am Alter“ und „Die Zinsen sind schuld“ sind die Standardsätze, und beide gehen am Kern vorbei. Auslösend sind nur Leistungsausgaben und Sterbewahrscheinlichkeiten. Der Zins erklärt die Höhe, nicht den Anlass. Das Alter ist über die Alterungsrückstellung längst einkalkuliert. Wer das sauber erklärt und den Tarifwechsel nach § 204 VVG prüft, macht aus der Beschwerde ein Beratungsgespräch.
Widerspruch lohnt sich
Kurz zur gesetzlichen Rente: Mehr als jeder dritte Widerspruch gegen Entscheidungen der Rentenversicherung war 2025 ganz oder teilweise erfolgreich, bei Reha-Entscheidungen fast jeder zweite. Wer Kunden bei der Altersvorsorge begleitet, darf ruhig auch einmal auf den Rentenbescheid schauen.
Der Chef und sein Zwilling
Zum Schluss Axa-Chef Thomas Buberl. Er lässt sich von einem digitalen Zwilling coachen, der nach schwierigen Gesprächen analysiert, was gut lief. Ob der ihn eines Tages ersetzen könnte? „Dann soll er mich halt entlassen.“ Langfristig erwartet Buberl durch KI mehr Jobs in der Branche, nicht weniger. Den Optimismus teile ich, sofern wir die Zeit, die uns die Maschine schenkt, in Beratung investieren. Gelegenheiten gibt es diese Woche genug.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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