Im Podcast "Wissenschaftlich Investieren" von Dr. Andreas Beck ist Dr. Jochen Andritzky zu Gast, früher Generalsekretär des Sachverständigenrats, besser bekannt als die Wirtschaftsweisen, und davor beim Internationalen Währungsfonds tätig. Die Frage des Gesprächs: Wenn führende Ökonomen den Abstieg Deutschlands früh beschrieben haben, warum hat die Politik nicht zugehört?
Beck stellt klar: „Die deutsche Wirtschaft verliert gerade in weiten Teilen ihre globale Wettbewerbsfähigkeit.“ Für ihn das Ergebnis politischer Fehlentscheidungen der letzten 15 Jahre.
Beraten, nicht entscheiden
Der Sachverständigenrat liefert Analysen, keine Empfehlungen. Deshalb steht in den rund 500 Seiten starken Gutachten oft Jahr für Jahr dasselbe, weil wirtschaftliche Vernunft nicht umgesetzt wird. Erschwerend kommt die Kommunikation in Zeiten sozialer Medien hinzu: Wissenschaftliche Befunde in kurze, griffige Sätze zu übersetzen, gelingt vielen nicht, daran „beißen sich auch manche die Zähne aus“.
Atomausstieg: Gefühl schlägt Risiko
Nach Fukushima legte sich die Kanzlerin innerhalb weniger Tage fest. Die Reaktorsicherheitskommission sah kein vergleichbares Risiko für Deutschland, also wurde zusätzlich eine Ethikkommission berufen. Deren Bericht enthält den Satz: „Die Risiken der Kernenergie haben sich mit Fukushima nicht verändert, wohl aber die Risikowahrnehmung.“ Für Andritzky das Gegenteil evidenzbasierter Politik.
Beck rechnet die Folgen am Beispiel München vor: Das Kernkraftwerk an der Isar brachte der Stadt jährlich rund 100 Millionen Euro Gewinn. „Das wurde einfach vernichtet.“ Andritzky sieht ein Grundmuster: Politik überschätze, „was wirtschaftlich tragbar ist“, und wer sich früh öffentlich festlegt, lässt sich von Experten kaum noch umstimmen.
Kohleausstieg: 40 Milliarden ohne Klimaeffekt
Weil der europäische Emissionshandel die Kraftwerksemissionen EU weit deckelt, werden durch deutsche Einsparungen nur Zertifikate frei, die andere Länder nutzen. Für das Klima ändert sich nichts. Statt das nationale Ziel ehrlich aufzugeben, gab es eine Kohlekommission samt 40 Milliarden Euro Subventionen. Andritzky deutlich: „Dann macht man lieber so einen Schmarrn wie den Kohleausstieg mit einer Subvention verbunden, als dass man den Bürgern reinen Wein einschenkt.“
Selbstkritik der Ökonomen
Andritzky räumt ein, dass die Wissenschaft das Spiel der Kommunikation zu spät mitgespielt hat, während linke Denkfabriken Konzepte und Botschaften gleich zusammen lieferten. Auch die Ordnungspolitiker hätten sich zu lange auf ihrer Deutungshoheit ausgeruht und immer „die alten Gassenhauer“ hervorgeholt.
Visionen braucht das Land
In „Visionen braucht das Land“ beschreibt Andritzky die Kleinteiligkeitsfalle: „Oh, die Mieten steigen. Dann machen wir doch einen Mietendeckel.“ Sein Gegenmittel ist ein Kompass mit vier Richtungen: in Szenarien denken, Zielbilder entwerfen, Zielkonflikte benennen und politische Hybris vermeiden. Zum Zielkonflikt: „Wenn wir 40 Milliarden Subventionen für etwas ausgeben, dann fehlen diese 40 Milliarden, um die Schultoiletten zu reparieren.“ Den Begriff Vision wählt er bewusst, denn der freiheitlichen Seite „gehen schon die Worte aus“.
Ist die Wende noch möglich?
Andritzky bleibt zuversichtlich. Bildungsniveau und Infrastruktur seien eine solide Basis: „Es ist nicht zu spät, um irgendwie das Ruder rumzureißen, aber wir müssen es tun.“ Die Rente mit 63 nennt er „systemfremd“, das Timing der Debatte vor den Wahlen im Osten schlechtes Handwerk. Zum Schluss rät er dem Publikum zur „Politik der zweiten Ordnung“: nicht nur auf Argumente achten, sondern darauf, warum so und nicht anders argumentiert wird.
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