Der Spiegel: "Die PKV muss weg, die GKV auch"

DER SPIEGEL widmet seine aktuelle Titelgeschichte der Ungleichbehandlung von gesetzlich und privat Versicherten in deutschen Arztpraxen. Das Magazin stellt das Nebeneinander von GKV und PKV grundsätzlich infrage und lässt Befürworter einer Bürgerversicherung ebenso zu Wort kommen wie Stimmen, die ein gemeinsames neues System fordern. Wie sich die Stimmung in Politik und Öffentlichkeit gerade entwickelt.

Worum es im Spiegel geht

DER SPIEGEL 43/2026 vom 16. Oktober 2026, Titelgeschichte „Krankes System“

Unter dem Titel „Menschen zweiter Klasse“ berichtet DER SPIEGEL in Ausgabe 43/2026 über die sogenannte Zweiklassenmedizin. Die Kernaussage: Kassenpatienten warten deutlich länger auf Facharzttermine, Privatversicherte werden bevorzugt. Laut einer Umfrage halten drei Viertel der Bürger das duale System für nicht gerecht. Die Redaktion sieht darin eine Gefahr für das Vertrauen in einen fairen Staat.

Wartezeiten und Honorare als Kern der Kritik

Das Magazin verweist auf eine eigene Auswertung von knapp 24.000 Suchergebnissen auf dem Terminportal Doctolib aus dem Jahr 2025. Demnach warteten Kassenpatienten bei vielen Facharztgruppen etwa doppelt so lange wie Privatversicherte, beim Lungenfacharzt 129 statt 35 Tage.

Als Hauptursache nennt der Artikel die unterschiedlichen Vergütungssysteme. Kassenhonorare sind pro Quartal gedeckelt, private Versicherer bezahlen jede Leistung einzeln. Eine durchschnittliche Praxis habe 2023 mit denselben Behandlungen bei Privatpatienten knapp 74.000 Euro mehr erlöst als zum Kassentarif. Der Spiegel greift allerdings auch Kritik an der Kehrseite auf: Privatpatienten erhielten mitunter Untersuchungen und Eingriffe, die medizinisch nicht nötig seien.

Politische Lage nach dem Vorstoß von Merz

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Ende September eingeräumt, dass viele Menschen das Nebeneinander von GKV und PKV als Gerechtigkeitsproblem empfinden, und Gesprächsbedarf angekündigt. Nach Darstellung des Spiegel ist daraus bislang nichts Konkretes entstanden. Die Union lehnt eine Bürgerversicherung weiterhin ab, und auch der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach erwartet derzeit keine grundlegende Reform.

Hinzu kommen rechtliche Hürden. Der Artikel nennt den Umgang mit den Altersrückstellungen, den Vertrauensschutz bestehender Verträge und mögliche Ausgleichszahlungen. Manche dieser Fragen könnte letztlich nur das Bundesverfassungsgericht klären.

Neue Ideen aus der Kassenwelt

Es gibt auch Vorschläge jenseits der klassischen Bürgerversicherung. Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, wirbt für ein gemeinsames System und wird mit dem Satz zitiert: „Wir sollten die private Krankenversicherung abschaffen, die gesetzliche aber auch.“

Aus der GKV will Baas den Verzicht auf Risikoselektion und den jederzeit möglichen Kassenwechsel übernehmen. Aus der PKV sollen die Staatsferne der Altersrückstellungen und die freiere Vertragsgestaltung mit Ärzten und Kliniken erhalten bleiben. Jessica Probst aus dem Vorstand der HKK denkt in eine ähnliche Richtung. Selbst der Spiegel geht davon aus, dass ein solcher Umbau Jahrzehnte dauern würde.

Ansätze für die Beratungspraxis

Kurzfristig ändert sich an der Rechtslage nichts. Die Debatte dürfte aber die Kunden erreichen und Fragen auslösen. Im Gespräch mit Bestandskunden hilft vor allem der Hinweis, dass bestehende Verträge nach allen bisher diskutierten Konzepten Vertrauensschutz genießen würden. Ebenso wichtig ist eine verständliche Erklärung der Altersrückstellungen, die in jeder Reformdebatte im Mittelpunkt stehen und für privat Versicherte einen zentralen Wert darstellen.

Bei Neukunden gewinnt die sorgfältige Dokumentation der Beratung an Bedeutung. Die Entscheidung zwischen GKV und PKV sollte auch die politische Unsicherheit berücksichtigen, damit Kunden ihre Wahl in Kenntnis der laufenden Diskussion treffen. Gesetzlich Versicherten lassen sich zudem Zusatzversicherungen als Ergänzung vorstellen, Wartezeiten beim Facharzt lassen sich damit allerdings nicht verkürzen.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

Verfassen Sie den ersten Kommentar