Auf einer Veranstaltung der Universität Luzern begrüßt Gastgeber Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger einen Redner, der nach eigenen Worten keine Vorstellung braucht: Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, langjähriger Präsident des ifo Instituts.
Sinn führt eine schonungslose Bestandsaufnahme durch: Deutschland verliert seit 2018 an industrieller Substanz, die Demografie drückt, und die Klimapolitik bezeichnet Sinn in Teilen als „Absurdistan“. Seine zentrale Empfehlung lautet: „15 Jahre Merkel rückabwickeln.“
Schlusslicht der OECD
Seit 2018 liegt Deutschland beim Wirtschaftswachstum zusammen mit Japan am Ende der OECD Rangliste. 2025 waren es 0,2 Prozent Wachstum. Die Prognose für dieses Jahr bedeute eine Versechsfachung, kommentiert Sinn, aber eben eine Versechsfachung von fast null.
Besonders deutlich zeigt sich die Schwäche im verarbeitenden Gewerbe. Die reale Produktion ist seit 2018 um 16 Prozent gesunken, in der Automobilindustrie um 25 Prozent, im Maschinenbau um 23 Prozent und in der Chemie um 22 Prozent. Die Schweiz dagegen bleibt davon offenbar unberührt, die Lücke wird immer größer. Für Sinn ist klar: „Es hat mit Konjunkturen nicht die Bohne zu tun. Es ist ein tiefgreifendes, strukturelles Problem.“
Die privaten Nettoinvestitionen sind negativ. Dass der Staat nun mit schuldenfinanzierten Ausgaben für Rüstung und Infrastruktur einspringt, erzeuge zwar einen keynesianischen Nachfrageeffekt. Sinns Urteil dazu: „Aber das ist ja kein Wachstum.“ Als Sofortmaßnahme empfiehlt er beschleunigte Abschreibungen nach dem Vorbild von Ronald Reagans Reform von 1981. Diese würden gezielt Investitionen im Inland fördern, beseitigten aber nicht die eigentlichen Ursachen.
Sieben Ursachen der Krise
Sinn zählt sieben Gründe auf. Der erste ist der Bruch mit Russland. Vor dem Krieg kamen 55 Prozent der Erdgasimporte und 75 Prozent der Einblaskohle für Hochöfen aus Russland. Die Sanktionen seien so ausgetüftelt, dass sie die amerikanische Konjunktur belebten, weil Europa nun amerikanische Energie kaufe. Dennoch gebe es keine Alternative zur Verteidigung der Ukraine, denn sonst stünden 800.000 kampferprobte Soldaten zusätzlich auf russischer Seite.
Der zweite Grund heißt Donald Trump. „Er hat es auf uns abgesehen“, sagt Sinn und verweist auf Trumps Ankündigung, aus deutschen Autoherstellern amerikanische machen zu wollen. Hintergrund sei die enorme Auslandsverschuldung der USA von 22 Billionen Dollar, das Ergebnis vieler Jahre des Lebens über die Verhältnisse.
Die Demografie als Kernproblem
Am schwersten wiegt für Sinn die Alterung. 2025 gab es in Deutschland so wenige Geburten wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Bis 2035 wird es neun Millionen mehr Menschen über 65 geben als im Jahr 2000, während die Erwerbsbevölkerung um 6,6 Millionen schrumpft. „In der Rentenversicherung und auch in der Pflegeversicherung wollen die Leute Geld von Kindern, die sie gar nicht haben.“
Die Lösung: länger arbeiten. Dass sich die ostdeutschen Ministerpräsidenten gegen die Abschaffung der Rente mit 63 sträuben, nennt Sinn „volkswirtschaftlich unverantwortlich“. Zuwanderung helfe nur mit einem ordentlichen Punktesystem, wobei offen bleibe, wie viele qualifizierte Kräfte man gewinnen könne. Mit Blick ins Publikum: „Unsere Ärzte sind ja in der Schweiz. Kann man die jemals zurückholen?“
Auch ein heikles Wort scheut er nicht: „Fertilitätspolitik. Das ist ein Unwort in Deutschland.“ Gemeint sei kein Eingriff ins Schlafzimmer, sondern die Korrektur eines alten Anreizes. Seit Bismarcks Rentenreform müsse niemand mehr eigene Kinder großziehen, um im Alter versorgt zu sein. Dass heute kaum jemand Kinder mit der Rente in Verbindung bringe, sei der beste Beweis für die starke Wirkung dieses Anreizes.
Merkels Erbe, schwache Schulen und Brüssel
Als vierte Ursache nennt Sinn die konsumorientierte Wirtschaftspolitik der Ära Merkel: Atomausstieg, Rückbau der Agenda 2010, Ausbau des Bürgergelds und das Aussetzen des Nachhaltigkeitsfaktors in der Rente. Wie stark Sozialleistungen wirken, zeige ein Vergleich: Von den ukrainischen Flüchtlingen ist in Deutschland nur ein gutes Drittel beschäftigt, in Estland, Polen und Großbritannien sind es rund zwei Drittel. Sinns Rezept: „Workfare statt Welfare“.
Fünftens die Schulen. Das Land der Dichter und Denker rutscht bei PISA immer weiter ab. Sinn fordert mehr Geld für Lehrer und bessere Vorschulerziehung. Ihn irritiert zudem, dass viele Migranten die duale Ausbildung meiden: „Die wollen ja gleich studieren und CEO werden.“
Sechstens die Brüsseler Regulierung. Taxonomie, Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit, Lieferkettenrichtlinie: Wer Kinderarbeit in den Vorprodukten der Vorprodukte ausschließen solle, stehe vor einer exponentiellen Reihe. „Was haben sich diese Menschen nur ausgedacht dort in Brüssel? Aus welcher Welt kamen sie?“ Deutschland gleiche Gulliver, gefesselt mit Zwirnsfäden. Die ESG Gesetzgebung gehöre abgeschafft.
Klimapolitik im Alleingang
Den siebten Punkt behandelt Sinn am ausführlichsten. Er bestreitet den Klimaeffekt von CO2 ausdrücklich nicht, hält aber den deutschen Weg für unerreichbar. Die Versprechen von billiger Energie, grünen Exportschlagern und Vorbildwirkung kommentiert er knapp: „Alles Humbug. Nichts hat gestimmt.“
Seine Rechnung: Windkraft und Solarenergie decken heute knapp 9 Prozent des Endenergieverbrauchs. Für Klimaneutralität bis 2045 müssten es rund 87 Prozent werden, also eine Verzehnfachung in 20 Jahren. Der verbleibende Reduktionspfad sei doppelt so steil wie der bisherige, obwohl die niedrig hängenden Früchte längst gepflückt seien. Ein Teil der bisherigen Einsparung gehe ohnehin auf das Ende der DDR Industrie und die aktuelle Deindustrialisierung zurück. Weiter so bedeute: „Das ist das sichere Rezept, alles kurz und klein zu schlagen.“
Hinzu komme das Speicherproblem. Seine eigene Batterie zu Hause brauche 350 Ladezyklen im Jahr, um sich zu lohnen, nicht einen einzigen vom Sommer zum Winter. Und der Umweg über Wasserstoff verbrauche drei Viertel der Energie.
Was die Coronakrise über den Ölmarkt verrät
Besonders aufschlussreich ist Sinns Blick auf den Ölmarkt. Die Ölpreise schwanken stark, die weltweite Fördermenge steigt dagegen über Jahrzehnte fast wie eine Gerade. „Die Scheichs tun, was sie wollen.“ Sinkt die Nachfrage in Europa, fließt das Öl einfach anderswo hin.
Nur einmal ging die Förderung spürbar zurück: in der Coronakrise, als die Nachfrage weltweit gleichzeitig einbrach. Dieses natürliche Experiment zeige zweierlei. Ein gemeinsamer Klimaclub nach dem Vorbild von William Nordhaus könnte funktionieren. Europäische Alleingänge dagegen haben nicht nur einen kleinen Effekt, sondern gar keinen: „Deswegen sind Alleingänge vollkommen nutzlos bei der Klimapolitik.“
Die Flottenregeln der EU, die Elektroautos mit null Gramm CO2 verbuchen, hält Sinn für eine Mogelei, denn der Auspuff sei nur ein bisschen weiter weg im Kohlekraftwerk. Solange ein Klimaclub mit Trump nicht zu haben sei, bleibe nur der Selbstschutz: höhere Deiche und Klimaanlagen. Letztere passten immerhin gut zum Solarstrom, denn wenn die Sonne scheint, ist es auch heiß.
Sobald Sie das Video starten werden Ihre Daten durch Youtube verarbeitet und entsprechende Cookies von Youtube gesetzt. Weitere Informationen...



Verfassen Sie den ersten Kommentar