Im Podcast „Make Economy Great Again“ der WELT sprechen Ulf Poschardt und Ökonom Daniel Stelter über den Auftritt von Audi CEO Gernot Döllner an der Seite von Donald Trump. Die Kernbotschaften: Die Investition in den USA war absehbar und betriebswirtschaftlich vernünftig. Die Empörung in Deutschland sagt mehr über den Zustand der hiesigen Debatte als über Audi. Und für den Standort Neckarsulm könnte die Entscheidung Folgen haben.
Ein SUV schlägt weltpolitische Wellen
Audi investiert Milliarden in Georgia und will dort einen großen SUV bauen, den Q9. Verkündet hat Döllner das bei einem Wahlkampfauftritt des amerikanischen Präsidenten. Poschardt kann sich nicht erinnern, dass die Produktion eines Autos je so viel Aufregung ausgelöst hat. Er sieht in der Kritik vor allem moralische Selbstgerechtigkeit von Milieus, die sich nie um Standortfaktoren gekümmert hätten. Ein Produktionsvorstand von Mercedes habe ihm zu den Kostenunterschieden innerhalb Europas gesagt: „In Rumänien nicht mal ein Viertel der Kosten.“ Sein Urteil über die deutsche Debatte: „Der Moralweltmeister sind wir.“ Dazu zitiert er Nvidia Chef Jen-Hsun Huang: „Das Problem bei euch ist, ihr macht nichts mehr.“
Fehler sieht Poschardt allerdings auch bei Audi selbst. Das Unternehmen habe eine verfehlte Modellpolitik betrieben und lange nichts Innovatives mehr gebracht.
Stelter: Die Entscheidung war absehbar
Für Stelter kommt der Schritt nicht überraschend. Die USA seien ein Markt, in dem Geld verdient werde, in dem Verbrenner noch gefragt seien und große Autos gekauft würden. Mercedes und BMW seien dort längst präsent und über Mexiko lasse sich der Markt nicht mehr bedienen. Wegen der Zölle verliere Audi nach seinen Worten rund eine Milliarde Dollar im Jahr.
Politische Neutralität hält er grundsätzlich für richtig. Die Wirtschaft habe sich in der Vergangenheit zu oft der Politik angebiedert. Doch in dieser Lage sei ein Nein unrealistisch gewesen: „Wenn ich Anruf bekomme vom Weißen Haus, dann sage ich nicht: Fuck you, Mr. President. Das kommt, glaube ich, nicht so gut an.“ Döllner trage Verantwortung für Arbeitsplätze, die er mit dem Schritt sicherer mache.
Die Kehrseite benennt Stelter offen. Wenn Fahrzeuge für Amerika künftig dort gebaut werden, wird in den europäischen Werken Kapazität frei. Wenn kein Wunder geschehe, bedeute das, „dass Neckarsulm einfach Geschichte ist“. Die Kritik der IG Metall weist er zurück: Die Gewerkschaft habe Atomausstieg und Green Deal mitgetragen und damit selbst zur Lage der Autoindustrie beigetragen.
Der Dieselskandal als Vorgeschichte
Stelter sieht im Dieselskandal einen doppelten Fehler der deutschen Manager. Der kleine Fehler sei gewesen, sich nicht gegen technisch kaum erreichbare Grenzwerte zu wehren, der große, dann zu tricksen. Zugleich vermutet er dahinter amerikanische Industriepolitik. Ohne das Ende des Diesels, so seine These, wären die SUV auf amerikanischen Straßen heute überwiegend deutscher Herkunft. Lange habe zudem das China Geschäft Schwächen bei Audi kaschiert.
Mit dem Rücken zur Wand
Poschardt berichtet aus Gesprächen im VW Konzern: Audi sei die gefährdetste Marke der Gruppe gewesen, in Ingolstadt seien dramatische Szenarien durchgespielt worden. Döllner beschreibt er als bodenständigen, hochrationalen Manager mit wenig Spielraum. Wer Trump kenne, wisse, wie dessen Deals funktionierten. Er vermutet, dass es im Vorfeld eine Absprache gab.
Stelter greift zu Brecht: „Erst das Fressen, dann die Moral.“ Deutschland habe sich lange mit Moral beschäftigen können, nun sei die Wirtschaft „ziemlich abgemagert“. Der Auftritt könnte im Rückblick als Symbol dafür gelten, dass zumindest die Wirtschaft in dieser neuen Zeit angekommen ist. Die Politik sei davon noch weit entfernt.
Guerillamarketing mit Kalkül
Poschardt ergänzt einen Blick als Medienmann. Der Werbewert des Auftritts liege „im zweistelligen Millionenbereich“. Selbst in Friedrichshain wisse nun jeder, dass Audi einen großen SUV baut. Hinzu komme die Zielgruppe: Käufer eines Autos für 150.000 Dollar hätten mit Trump eher keine Probleme und interessierten sich wenig für Moraldebatten.
Überlebt Döllner den Auftritt ?
Nach dem Auftritt folgten Petitionen und Rücktrittsforderungen, unter anderem aus dem Betriebsrat, sowie scharfe Kommentare in Wirtschaftsmedien bis hin zu Vergleichen mit dem Dritten Reich. Stelter hofft, dass Döllner im Amt bleibt. Mit gewissem Unbehagen hätte er an seiner Stelle genauso gehandelt, denn es gehe um die Zukunft der Firma. Muss Döllner gehen, wäre das für Stelter ein Zeichen, „dass die Realitätsleugnung in Deutschland noch weitergeht“.



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