Manchmal liest man eine Schlagzeile und denkt zwei Sätze gleichzeitig. Mein erster Satz, als ich die Meldung über den Verkauf der Billerbeck GmbH an GGW gelesen habe, lautete: „Glückwunsch, garantiert ein guter Deal." Mein zweiter Satz: „Das wird Rückfragen geben." Wenn man ehrlich ist, darf beides nebeneinanderstehen, denn beides ist richtig,
In seinem Grußwort auf dem BDVM-Symposium vor einer Woche in Köln hat sich Thomas Billerbeck als BDVM-Präsident zur Causa Unternehmensverkauf geäußert und jeden Kommentar dazu abgelehnt. Das sei eine individuelle und persönliche Entscheidung. Er selbst sei und bleibe nach wie vor ein Verfechter der Familienunternehmer.
Der Markt war noch nie so freundlich zu Verkäufern
Oliver Brüß
PolicenTransfer
Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele Maklerbüros von innen gesehen, erst aus der Konzernperspektive, heute durch die Brille eines Dienstleisters, der täglich mit Bestandsbewegungen zu tun hat. Ein Marktumfeld wie das aktuelle hat es für inhabergeführte Maklerhäuser in Deutschland noch nie gegeben. Kaufpreise vom Acht- bis Siebzehnfachen (!) des Ebitda, Konsolidierer, die sich gegenseitig die Türklinke in die Hand geben, Private-Equity-Häuser mit prall gefüllten Fonds. Man muss sich wirklich fragen: Kann die Rechnung für die Investoren überhaupt aufgehen? Aber verlassen wir diese Perspektive und bleiben in der Perspektive des Verkäufers:
Viel Geld für ein Lebenswerk, das in vier Generation aufgebaut wurde: Das ist kein Spielgeld, das ist Generationenvermögen. Und jetzt mal Hand aufs Herz: Wer würde ein solches Angebot ohne triftigen Grund ablehnen?
Über die Tochter, die ihr Leben vor sich hat
Mich rührt an dieser Geschichte ein Aspekt mehr als alles andere. Da ist Eileen Billerbeck, eine junge Unternehmerin, die 2022 voller Begeisterung in die Geschäftsführung eingestiegen ist. Master in Wirtschaftspsychologie, frischer Blick auf die alten Strukturen.
Überlegen wir mal in Ruhe, was vor ihr gelegen hätte: Drei, vier Jahrzehnte Verantwortung für ein Unternehmen mit Mitarbeitern, Mandanten, Banken, mit Pickelhauben aus Berlin und Brüssel, mit Schadenbearbeitungszeiten der Versicherer, die sie selbst nicht beeinflussen kann. Stattdessen kann sie heute persönliche Entscheidungen treffen, die uns eigentlich gar nichts angehen: Vielleicht eine Familie gründen. Vielleicht etwas Neues aufbauen. Vielleicht einfach mal durchatmen. Was an dieser Wahl wäre falsch?
Ich selbst habe nach drei Jahrzehnten in Konzernen bewusst eine andere Wegabbiegung gewählt, nicht aus Karrierekalkül, sondern weil das Leben manchmal Prioritäten neu sortiert. Lebenszeit ist die einzige Währung, die niemand nachdrucken kann.
Der Präsident bleibt Kaufmann
Nun zur eigentlich brisanten Frage: Darf der amtierende BDVM-Präsident sein eigenes Maklerhaus an genau jenen Konsolidierer verkaufen, gegen dessen Geschäftsmodell der Verband bislang als Bollwerk verstanden wurde?
Meine Antwort wird einigen nicht gefallen: Ja, er darf. Mehr noch: Er muss diese Freiheit haben, denn er ist Kaufmann und trägt die Verantwortung der Generationen vor ihm.
Thomas Billerbeck
BDVM
Thomas Billerbeck ist BDVM-Präsident, Kaufmann und Vater. Das Amt ist ein Ehrenamt, übernommen aus Branchenverantwortung, nicht aus Lebensplanung. Wer einen Verbandspräsidenten faktisch in eine wirtschaftliche Geiselhaft nimmt, indem man ihm bestimmte unternehmerische Entscheidungen versagt, hat die Rolle eines Verbandes grundsätzlich missverstanden.
Die unbequeme Frage bleibt
So weit, so menschlich. Ich wäre aber kein ehrlicher Beobachter, wenn ich hier zumachen und einfach nur gratulieren würde.
Mit jedem Verkauf eines profitablen, qualitätsorientierten, inhabergeführten Maklerhauses an einen großen Konsolidierer verschiebt sich der Schwerpunkt unserer Branche ein Stück weiter. Aus Maklerschaft wird Maklerindustrie. Aus persönlicher Mandantenbindung wird Kundenportfoliomanagement. Aus „Ich kümmere mich" wird „Wir optimieren die Ertragsstruktur". Das ist keine moralische Schelte, das ist eine betriebswirtschaftliche Beobachtung. Finanzinvestoren haben ein Geschäftsmodell, und in diesem Geschäftsmodell ist der einzelne Mandant eine Kennzahl.
Was diese Branche jetzt braucht
Ich rede in meinem Alltag mit vielen Maklern über genau diese Themen. Die meisten Fragen klingen nicht nach „Wem soll ich verkaufen?", sondern nach „Was ist mein Bestand eigentlich wert, wenn ich gut sortiert hingehe?" Das ist die richtige Frage, unabhängig davon, ob am Ende ein Konsolidierer, ein Kollege aus der Nachbarschaft oder die eigene Tochter den Bestand übernimmt.
Die Verkaufsentscheidung der Familie Billerbeck ist eine sehr persönliche. Sie verdient Respekt, nicht Häme. Was diese Branche aber dringender braucht als Skandalisierung, ist eine nüchterne Debatte darüber, was wir bewahren wollen, wenn wir bewahren wollen.
Glückwunsch nach Hannover. Und alles Gute an Eileen Billerbeck, egal, was als Nächstes kommt.
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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