Im Insurance Monday Podcast spricht Gastgeber Herbert Jansky gemeinsam mit Julius Kretz aus dem Insurance Monday Team mit Tilo Dresig, dem Vorstandsvorsitzenden der Viridium Gruppe. Dresig erklärt, warum 80 Lebensversicherer in Deutschland auf Dauer kaum tragfähig sind und benennt das Thema, das ihm im Sektor am meisten Sorgen bereitet: Veraltete IT-Systeme, für die kaum jemand Rückstellungen gebildet hat.
Der Abwickler, der keiner ist
Viridium hat in der Branche lange ein Image gehabt, das Dresig sichtlich stört. Auf die Bezeichnung "Abwickler" reagiert er klar: "Das ist genau, was wir nicht tun. Wir wickeln natürlich nicht Verträge ab, sondern wir machen genau das Gegenteil." Das Unternehmen ist eine deutsche Lebensversicherung, spezialisiert ausschließlich auf das Management bestehender Bestände, ohne Neugeschäft. Ein Vertrag im Portfolio ist 80 Jahre alt, und manche Verträge laufen noch 80 Jahre weiter.
Als treffendere Bezeichnung schlägt Dresig "Bestandsmanager" vor. Die Aufgabe beschreibt er mit hörbarem Stolz: Für inzwischen drei Millionen Kunden die Altersvorsorge zu verantworten.
Start-up-Tempo in einer behäbigen Branche
Vor zwölf Jahren begann Viridium mit der ersten Akquisition, inzwischen sind es vier größere Transaktionen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: rund 70 Milliarden Kapitalanlagen und ein Platz unter den fünf größten Lebensversicherern Deutschlands. Für einen Sektor, der in Jahrzehnten denkt, ist das bemerkenswert. Dass viele Viridium trotzdem nicht auf dem Radar haben, liegt an der Marktstruktur: Die fünf größten bedeuten hier nur rund fünf Prozent Marktanteil.
80 Anbieter für ein standardisierbares Produkt
Beim Blick auf den deutschen Markt wird Dresig deutlich. Die Lebensversicherung schrumpfe, während der Bedarf an privater Altersvorsorge steige, ein Alarmzeichen. Zugleich sei die Marktstruktur nicht effizient: "Ich weiß gar nicht, welche Industrien es gibt, wo es 80 verschiedene Anbieter gibt für ein relativ einfaches Produkt." Seine Schlussfolgerung: Es muss eine Konsolidierung geben, von der am Ende alle profitieren, Kunden durch niedrigere Kosten und bessere Renditen, Versicherer durch freigesetzte Ressourcen.
Bei der Altersvorsorgereform sieht er eine grundlegende Verschiebung. Politisch habe lange gegolten: Sicherheit vor Rendite. Das habe sich gedreht: "Rendite vor Sicherheit. Und das ist natürlich was, das kann gut gehen, aber das muss nicht gut gehen." Er erinnert an den Neuen Markt an der Börse und den Börsengang der Telekom: Wenn der Staat besonders für Aktien werbe, sei das mitunter ein gefährlicher Zeitpunkt.
Das Sorgenthema: IT aus den 60er Jahren
Am eindringlichsten wird Dresig beim Thema IT. Manche Versicherer betrieben bis zu zehn verschiedene Alt-Systeme, die teils bis in die 50er und 60er Jahre zurückreichten, mit tausend verschiedenen Tarifen. Aus Sicht der Cyber Security seien diese Systeme der Horror, und die Fachleute, die sie gebaut haben, gingen zunehmend in Rente. Übrig blieben, so Dresig, "sehr dunkle Systeme, wo keiner mehr genau weiß, was eigentlich in denen passiert."
Der Druck entstehe schlicht durch Aufschieben: Das Problem gehe nicht weg, sondern werde teurer und komplizierter. Warum Viridium Migrationen besser bewältigt? Weil das Unternehmen sie zum Geschäftsmodell gemacht hat. Während eine normale Lebensversicherung einmal in 30 oder 40 Jahren migriere, migriere Viridium immer wieder und habe dadurch eine Lernkurve, die sonst niemand im Markt aufweise. Besonders kritisch sieht Dresig, dass viele Versicherer keine finanziellen Rückstellungen für die anstehende IT-Modernisierung gebildet haben.
KI ja, Wunderwaffe nein
Beim Reizthema KI bleibt Dresig nüchtern. Natürlich lasse sich Migration mit KI-Werkzeugen verbessern. Je weiter jemand aber von der Praxis entfernt sei, desto mystischer werde das Thema. Manche erwarteten, die KI erledige die Migration bald kostenlos und hole nebenbei noch eine Kiste Wasser aus dem Keller. Das sehe man nicht. Zudem fresse die Inflation die Fortschritte teils auf: Seit dem Start der letzten Migration vor sieben Jahren seien die Kosten für IT-Provider und Berater um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Eine Migration bleibe "eher ein Archäologie-Projekt, wo man verschiedenste Schichten, die über Jahrzehnte irgendwo gebaut und verbuddelt worden sind, versucht auszugraben."



Verfassen Sie den ersten Kommentar