Im Digital Insurance Podcast spricht Gastgeber Jonas Piela mit Josef Adersberger. Beide arbeiten sich durch die neuesten Entwicklungen rund um KI und Automatisierung in der Versicherungsbranche. Es geht um wachsendes Vertrauen in die Schadenschätzung per Foto und einen sprechenden Vertriebsagenten fürs Handgelenk.
Die Zahl des Monats: Das Kundenvertrauen wächst
Eine repräsentative Bitkom-Studie vom Juli liefert den Aufhänger. 38 Prozent der Deutschen würden inzwischen einen Schaden per Foto von einer KI schätzen lassen. Im Vorjahr waren es erst 24 Prozent, also ein Sprung von rund 50 Prozent nach oben. Adersberger findet das bemerkenswert, weil der Schadenfall der eigentliche "Moment der Wahrheit" einer Versicherung ist.
Interessant ist die Kehrseite: Bei der echten Beratung vertrauen nur 15 Prozent einer KI, während immerhin 44 Prozent für eine KI-gestützte Vertragsprüfung offen sind. Komplexe Produkte wie Kranken- oder Lebensversicherung bleiben also vorerst menschliche Domäne, der Rest wandert Richtung Automatisierung.
Piela überrascht die Entwicklung wenig, er habe sich längst daran gewöhnt, beim Carsharing das Auto abzufotografieren und die Bilder abzuschicken. Adersberger geht weiter und erzählt von seiner Fahrt in einem Waymo-Robotaxi in San Francisco: "Würdest du der KI dein Leben anvertrauen?" Viele sagten intuitiv Nein, dabei sei es längst Realität. Sein Fazit zur Akzeptanz: "Es ist einfach ein Werkzeug."
Warum die Schadenstrecke der große Gewinner ist
Beide sind sich einig, dass KI vor allem den Zeitschaden beheben kann, den eine Versicherung bisher unberührt lässt. Adersberger schildert einen Bagatellschaden am eigenen Auto, bei dem der finanzielle Schaden gedeckt war, aber vier Stunden Koordination mit Werkstatt, Versicherung und Leasinggesellschaft übrig blieben. Genau hier setzt die Automatisierung an. Sein Punkt zur emotionalen Seite: In einer Stresssituation will niemand herumtelefonieren und erfahren, dass wieder ein Dokument fehlt. KI führe hier "wirklich zu mehr Ruhe und Gelassenheit", spare Kosten und nehme dem Personal am Telefon den aufgestauten Ärger der Kundschaft ab.
Als Nebenschauplatz diskutieren die beiden, dass Versicherer zunehmend Werkstätten und Handwerksbetriebe übernehmen, um die Wertschöpfung selbst zu kontrollieren, während sich vertriebsseitig Vergleichsportale und KI-Assistenten zwischen Anbieter und Kundschaft schieben.
Der Agent des Monats: "VAIA" fürs Handgelenk
Als Agent des Monats stellt Adersberger "VAIA" von der Maklergenossenschaft VEMA vor. Der Agent unterstützt den Vertrieb per Apple Watch, CarPlay und Spracheingabe. Auf der Hinfahrt lässt sich der Vertriebler zum nächsten Termin informieren inklusive Cross- und Upselling-Potenzialen. Auf der Rückfahrt spricht er das Beratungsprotokoll ein. Selbst Leistungsvergleiche laufen per Sprache statt über umständliche Masken. Noch steckt das Ganze in der Testphase, aber es gibt weitreichende Ziele.
Piela schwärmt von der Spracheingabe, die in seinem Alltag nicht mehr wegzudenken sei und für keine komischen Blicke mehr sorge. Verglichen mit der Realität komplizierter Maklerarbeitsplätze mit ihren verschachtelten Masken sei eine klare, sprachgesteuerte Schnittstelle ein enormer Fortschritt. Für die meisten Anwendungsfälle erspare man sich so den Großteil der Klickarbeit.
Als Beispiel für den konkreten Nutzen nennt Adersberger einen Agenturisten, der täglich anderthalb Stunden mit dem Provisionsabgleich verbringt, weil er seinen Versicherern nicht traut. Ein spezialisierter Agent könne genau diese Zeit einsparen.
Die Bodenplatte und das Protokoll dahinter
Hinter solchen Agenten steckt mehr als ein aufgebohrtes ChatGPT. Adersberger spricht von einer "Bodenplatte", die zwei Dinge leisten muss: Bestehende Systeme wie CRM und Bestandsführung integrieren und Kanäle wie Smartwatch, Handy oder CarPlay anbinden.
Das technische Schlüsselwort ist MCP, ein standardisiertes Protokoll, mit dem KI-Modelle nicht nur Text ausgeben, sondern echte Aktionen ausführen, also Daten auslesen, ins CRM schreiben oder einen Vertrag auslösen. Genau das unterscheide einen Agenten vom bloßen Assistenten. MCP löse zwar nicht alle Fragen rund um Sicherheit, Rollen und Rechte, werde sich aber durchsetzen. Für die Zusammenarbeit über Firmengrenzen hinweg, etwa zwischen Makler und Versicherer, kommt zusätzlich das Protokoll A2A (Agent2Agent) ins Spiel, mit dem Agenten direkt miteinander sprechen.
Spannend ist Adersbergers Einschätzung zur Marktdynamik: Aktuell sieht er eher eine "Entfernungsbewegung" zwischen Vertriebseinheiten und Versicherern, weil viele Versicherer zu langsam seien und unabhängige Vertriebe sich ihre Werkzeuge lieber selbst bauen, teils mit fragwürdiger Compliance. Weil der Datenhunger aber wachse, werde daraus mittelfristig wieder eine Annäherung.
Neue Werkzeuge, neue Tugend: das Tüfteln
Zwischendurch berichtet Piela von einem Gerät namens Plaud, checkkartengroß, das Gespräche mitschneidet und automatisiert ein Protokoll liefert. Sein Notar nutze es bereits, freigegeben durch die Notarkammer. Für den Vertrieb bedeute das, Totzeiten und administrative Aufwände zu reduzieren und maximal nah an der Kundschaft zu bleiben.
Einig sind sich beide, dass niemand in diesem Tempo Experte sein kann. Adersberger bringt es auf den Punkt: "Wir sind alle zusammen auf Lernreise." Piela greift einen Gedanken von Sascha Lobo auf, der das Tüfteln als deutsche Tugend beschreibt, ziel gerichtet und experimentell statt bloßem Herumbasteln. Statt Weltschmerz sei nun "Angstlust" angesagt.
Deutschlands Chance heißt Applied AI
Zur Standortfrage geben sich beide erstaunlich optimistisch. Deutschland rede sich schlechter, als es sei, die Ambition beim Thema KI sei hoch, jetzt gehe es um die Execution. Statistisch gehöre Deutschland bei privater Nutzung, Bezahlaccounts und API-Einsatz zu den Spitzenländern.
Adersbergers Appell zum Abschluss: Die Riesenchance liege nicht darin, ein eigenes Frontier-Modell zu bauen, sondern in "Applied AI", also der Anwendung von KI in starken Branchen wie der Versicherungswirtschaft.



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