Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Die 40. Kalenderwoche begann mit einer Blockadedrohung und endete mit einem Kabinettsbeschluss. Dazwischen lag ein Lehrstück darüber, wie in Berlin derzeit reformiert wird.
Pflege: Erst einmal das Loch stopfen
Noch am Freitag drohte die SPD, das Vorhaben scheitern zu lassen. Am Mittwoch hat das Kabinett das Pflegeneuordnungsgesetz dann doch beschlossen. Gesundheitsminister Carsten Linnemann spricht von einem „ersten wichtigen Schritt“. Ehrlicher wäre: Notoperation. Ziel ist, die für 2027 erwartete Finanzlücke von rund acht Milliarden Euro zu schließen. Alles Strukturelle wurde vertagt.
Die Eckpunkte: Der Beitragssatz bleibt bei 3,6 Prozent, der Zuschlag für Kinderlose steigt ab Januar von 0,6 auf 0,9 Prozent. Die Beitragsbemessungsgrenze klettert um 300 Euro im Monat. Für mitversicherte Ehepartner wird ein Zuschlag von 0,52 Prozent fällig, Minijobs werden beitragspflichtig. Auf der Leistungsseite fällt der Entlastungsbetrag von 131 Euro für Pflegegrad 1 in der häuslichen Pflege weg, die Grade 1 bis 3 sollen „zielgenauer“ vergeben werden, für bereits Eingestufte gilt Bestandsschutz. Die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige bleiben, ab 2029 sollen die Leistungen jährlich an die Inflation angepasst werden. Dazu kommt ein Check-up ab 60 unter dem Motto „Reha statt Pflege“.
Was fehlt, ist ebenso aufschlussreich. Kein Pflegedeckel für die Eigenanteile, kein Finanzausgleich zwischen sozialer und privater Pflegeversicherung. Der Minister verweist auf hohe verfassungsrechtliche Hürden, der PKV-Verband applaudiert. Privatversicherte sind also fein raus. Die Betonung liegt auf „vorerst“. Eine Strukturkommission soll bis Ende Januar Vorschläge vorlegen, in Kraft treten soll die eigentliche Reform zum 1. Juli 2027. Nach der Debatte um die Bemerkungen des Kanzlers zum dualen System liegt der Ausgleich dort mit Sicherheit wieder auf dem Tisch.
Die Zahlen dahinter sind gnadenlos. 2005 bezogen 1,95 Millionen Menschen Leistungen, 2025 rund sechs Millionen. Kamen 1998 noch 29 Beitragszahler auf einen Leistungsempfänger, sind es heute zehn. Vor drei Wochen hatten wir hier über 3.400 Euro Monatskosten im ersten Heimjahr gesprochen. An dieser Rechnung ändert die Reform nichts. Wer seinen Kunden heute erzählt, der Staat werde die Eigenanteile schon irgendwann deckeln, berät auf Hoffnung. Das Gespräch über den Pflegezusatz gehört jetzt auf den Tisch, nicht erst nach der Kommission.
D&O: Wenn der Schutz zur Haftungsfalle wird
Bemerkenswert ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln. Ein Mitarbeiter, immerhin Head of Global Treasury, war auf eine raffinierte Masche hereingefallen: Anruf von der vermeintlichen Nummer seines Vorgesetzten, danach Anweisungen per Messenger aufs private Handy. In 25 Tagen veranlasste er knapp 60 Überweisungen über mehr als 50 Millionen Euro, ohne ein einziges Mal persönlich nachzufragen. Die fristlose Kündigung hielt, die Schadensersatzklage auch.
Der eigentliche Punkt: Das Gericht verweigerte ihm die Haftungserleichterung, die Arbeitnehmern sonst zusteht. Eine vom Arbeitgeber bezahlte D&O-Versicherung schütze ihn ähnlich wie eine gesetzliche Haftpflicht. Wer versichert ist, braucht den Schutz des Arbeitsrechts nicht. Die Revision ist zugelassen, das letzte Wort also nicht gesprochen. Für die Firmenkundenberatung gilt trotzdem schon heute: Die D&O-Deckung leitender Angestellter wird zur ernsten Sache, und gegen solche Betrugsmaschen gehört die Vertrauensschadenversicherung in jedes Gespräch.
Kfz und Rechtsschutz: Der Direktvertrieb rückt auf
Die Vertriebswegestatistik des GDV zeigt zwei Gesichter. In Sach, Unfall und Haftpflicht haben die Makler die jahrelang führende Ausschließlichkeit überholt. In der Kraftfahrt dagegen verlieren sie leicht auf 22,9 Prozent, während der Direktvertrieb samt Vergleichsportalen mit 21,9 Prozent einen Rekord aufstellt und uns dicht auf den Fersen ist. Im Rechtsschutz sind die Makler zum vierten Mal in Folge zurückgefallen, inzwischen unter 19 Prozent.
Die Logik ist einfach: Wo Beratung zählt, gewinnen wir. Wo der Preisklick entscheidet, gewinnt das Portal. Kfz und Rechtsschutz laufen in vielen Büros als Beifang mit, mitverkauft und kaum betreut. Genau dort setzt der Direktvertrieb an. Wer solche Bestände hat und sie nicht mehr aktiv pflegen will, sollte sie lieber geordnet und systematisch im Bestand optimieren oder an spezialisierte Mitbewerber übergeben, als sie Vertrag für Vertrag abwandern zu lassen. Dabei hilft PolicenTransfer. So, jetzt ist es wieder raus.
Altersvorsorgedepot: Wer sitzt auf dem Smartphone?
Letzte Woche hatte Frank Kettnaker die Ausgestaltung des Altersvorsorgedepots zerlegt. Diese Woche kam ein nüchternerer Blick aus der Honorarberatung. Das Depot sei keineswegs beratungsarm, die Verdrängung im Bestand treffe vor allem die Versicherer, und gut sei, dass der Kostendeckel nur für das Standardprodukt gilt. Dem stimme ich zu.
Spannender finde ich die zweite Frage: Die Kundenschnittstelle. Gut ein Drittel der Vermittler bietet inzwischen eine Kunden-App an. Nur ist die Makler-App meist ein digitaler Aktenordner, den man selten öffnet. Die Neobroker-App öffnet der Kunde täglich. Wer das Altersvorsorgedepot nicht in Beratung und eigene Technik integriert, riskiert, dass der Kunde eine zweite Beziehung zu einem anderen Anbieter aufbaut. Und ein Kunde, der jeden Morgen in eine fremde App schaut, ist nicht mehr exklusiv unser Kunde.
KI: Jetzt werden Entscheidungen digitalisiert
Passend dazu ein Gespräch zweier Makler mit dem Maklervertriebschef der BarmeniaGothaer. Simon Röwer bringt es auf den Punkt: „Wir haben 20 Jahre lang Papier digitalisiert. Jetzt digitalisieren wir Entscheidungen.“ Agenten qualifizieren Risiken vor, das Mail-Pingpong mit Nachforderungen soll verschwinden. Bei Makler Nico Streker entfällt die Hälfte der Arbeit auf Verwaltung. Maklerin Melanie Hirsch erinnert an eine Photovoltaikanlage, die erst nach langer Diskussion über Brandschutz versicherbar wurde, und sagt trocken: „Das kann keine KI.“ Beides stimmt. Die Maschine nimmt uns die Routine ab, damit wir Zeit für genau solche Fälle haben. Röwers Schlusssatz unterschreibe ich: Das Schlechteste wäre zu warten.
Und zum Schmunzeln: Der Tankrabatt im Versicherungsgesetz
Mit dem VSAAG haben Bundestag und Bundesrat die Regeln für Sanierungspläne und Abwicklung von Versicherern verabschiedet, nach dem Vorbild der Banken. Öffentlich bekannt wurde das Gesetz allerdings wegen eines blinden Passagiers: Die Koalition hat per Änderungsantrag den neuen Tankrabatt hineingeschoben, ohne erste Lesung, ohne Ausschussberatung. Versicherungsaufsicht und Spritpreise haben inhaltlich nichts miteinander zu tun. Aber immerhin wissen wir jetzt, dass unsere Branche auch als Transportmittel taugt.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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