Thomas Buberl lässt sich von einer Maschine beraten. Der Chef des Axa-Konzerns arbeitet nach eigenen Angaben an einem digitalen Abbild seiner selbst, das ihn im Arbeitsalltag begleitet und ihm Rückmeldung gibt. Im Gespräch mit der NZZ am Sonntag wird deutlich, welches Verständnis von künstlicher Intelligenz dahintersteht: KI soll Menschen besser machen, nicht überflüssig. Für die Beschäftigung in der Versicherungswirtschaft ist Buberl entsprechend zuversichtlich.
Zwar hält der Manager einen vorübergehenden Rückgang der Arbeitsplätze in der Branche für möglich. Auf lange Sicht erwartet er jedoch mehr Beschäftigte im Versicherungssektor als heute und begründet das mit dem Wachstum des Marktes: „Schließlich sind wir in einer Wachstumsbranche.“ Damit stellt sich einer der einflussreichsten Manager der europäischen Assekuranz gegen die verbreitete Erwartung, KI werde in der als besonders automatisierbar geltenden Versicherungswirtschaft dauerhaft Stellen kosten.
Wo Buberl die künftige Rolle der Menschen sieht, zeigt sich besonders beim Thema Sicherheit. Die mit KI verbundenen Systemrisiken seien ähnlich wie eine Pandemie nicht versicherbar, da sie eine einzelne Gesellschaft überfordern würden. Die Antwort darauf liege in der Prävention, also im Schließen von Sicherheitslücken und in der Schulung der Mitarbeiter. Wie dringend das ist, zeigt der Blick auf das Cybergeschäft. Dort habe die Zahl der Schäden durch Datendiebstahl und Erpressung massiv zugenommen, weil sich Angriffe mithilfe von KI enorm skalieren ließen. Buberl spricht von „einer industriellen Kriminalität“. Gut ausgebildete Menschen werden damit zur ersten Verteidigungslinie, bei den Versicherern ebenso wie bei ihren Kunden.
Im eigenen Führungsalltag nutzt Buberl KI nach eigener Aussage ständig, etwa zur Vorbereitung jedes Meetings. Sein digitaler Zwilling soll ihn darüber hinaus als eine Art dauerhafter Coach unterstützen. Nach einem schwierigen Mitarbeitergespräch etwa analysiert das System, welche Reaktionen gelungen waren und welche nicht. Zudem gibt es auf Basis seiner Termine Hinweise, welche Kontakte er als Nächstes pflegen sollte. Die Verantwortung bleibt dabei beim Menschen. Die Sorge um seine Daten hält Buberl für gering, da das Projekt in einer stark abgesicherten Umgebung laufe. Und auf die zugespitzte Frage, ob ihn sein digitales Ebenbild eines Tages ersetzen könnte, antwortet er gelassen: „Dann soll er mich halt entlassen.“
Versicherer und Vermittler ringen seit Jahren mit dem Fachkräftemangel und einer alternden Belegschaft. KI kann hier entlasten, indem sie Routinearbeit übernimmt und Freiräume für Beratung, Risikoprävention und die persönliche Betreuung von Kunden schafft. Das gilt nicht nur für Großkonzerne, sondern auch für Maklerbüros, in denen Zeit für den Kunden das wichtigste Kapital ist. Entscheidend wird sein, Mitarbeiter frühzeitig im Umgang mit den neuen Werkzeugen zu qualifizieren.



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