Allianz-Chef Oliver Bäte sieht das Umlagesystem der GKV auf Dauer nicht als finanzierbar an. Im Handelsblatt-Interview begrüßt er den Reformkurs der Bundesregierung, mahnt jedoch weitere Schritte in Gesundheit, Pflege und Arbeitsrecht an. Er fordert mehr Eigenverantwortung der Versicherten.
Reformkurs mit Ausbaubedarf
Bäte bezeichnet die Vorschläge der Bundesregierung als gute Basis. Es sei sinnvoll, dass die Koalition neben Rente und Gesundheit auch das Arbeitsrecht reformieren wolle. Deutschland habe sich in den vergangenen Jahren vieles leisten können: „Wir konnten uns in den vergangenen Jahren viele Dinge leisten, weil unsere Unternehmen das finanzieren konnten und unsere Produktivität höher war als anderswo. Aber die Party ist zu Ende.“
Systemwechsel in der Rentenversicherung
Bäte unterstützt die kapitalgedeckte Säule beim geplanten Systemwechsel in der Rentenversicherung. Das ermöglicht langfristig höhere Renditen und verringert die Abhängigkeit von immer weniger Beitragszahlern. Positiv bewertet er auch die vorgesehene Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Für eine nachhaltige Sanierung reicht dies allerdings nicht aus. Die bAV muss ausgebaut werden, da die gesetzliche Rente nur eine Basis bilden kann.
Kapitaldeckung im Gesundheitssystem
In den vergangenen 25 Jahren haben sich die Gesundheitsausgaben fast verdreifacht, auf rund 600 Milliarden Euro. Das Umlagesystem sei so nicht dauerhaft finanzierbar, ohne die Versicherten und die Unternehmen mit steigenden Lohnnebenkosten zu belasten. Bäte fordert deshalb auch in diesem Bereich mehr Kapitaldeckung nach dem Vorbild der PKV. Ein solcher Kapitalstock müsse verlässlich vor politischem Zugriff geschützt sein. Als warnendes Beispiel nennt er den Pflegevorsorgefonds. Einen Teil der Kosten will Bäte über Einsparungen, eine bessere Steuerung und weniger Missbrauch finanzieren, etwa durch eine Senkung der Krankenhausbetten auf das europäische Durchschnittsniveau.
Mehr Eigenverantwortung und Kostensteuerung
Im EU-Vergleich führt Deutschland die meisten Hüftoperationen durch, von denen Fachleute etwa die Hälfte für nicht erforderlich halten. Bei Knieprothesen liegt das Land rund 70 Prozent über dem Durchschnitt. Er fordert einen Wechsel von der Behandlung hin zur Vorsorge. Es solle einen Unterschied machen, ob jemand regelmäßig zur Vorsorge geht, allerdings nur dort, wo sich Ursache und Wirkung nachweisen lassen: "Ich finde es grundsätzlich falsch, dass die Gesellschaft dafür zahlt, dass einzelne Menschen keine Verantwortung für sich übernehmen". Es gehe um Anreize, nicht um Zwang. In der PKV bietet die Allianz Patienten bei planbaren Operationen bereits eine zweite Meinung an. In rund der Hälfte der Fälle entscheide sich der Patient anschließend gegen den Eingriff.



Kommentare
Hätte Herr Bäte geschwiegen, wäre er Philosoph geblieben!