Brüß kommentiert: Die 36. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,

willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Die 36. Kalenderwoche hatte von der akuten Finanznot der Pflegeversicherung bis zur sehr grundsätzlichen Eigentumsfrage im Maklermarkt einiges im Gepäck. Schnallen wir uns an.

Pflege: Alarmstufe Rot, und zwar wörtlich

Beginnen wir mit der Nachricht, die alles andere überlagert. Der GKV-Spitzenverband hat am Montag erklärt, dass der Pflegeversicherung schon im Oktober das Geld ausgeht, um alle Leistungen voll zu erstatten. Bis Jahresende fehlen weitere 500 Millionen Euro, das Defizit für dieses Jahr summiert sich auf 4,4 Milliarden, für 2027 werden zehn Milliarden ungedeckter Finanzbedarf prognostiziert. Haupttreiber ist die Zahl der Pflegebedürftigen, die sich seit 2017 von drei auf fast sechs Millionen verdoppelt hat. Allein in diesem Jahr kamen 370.000 Menschen hinzu.

Ohne politische Bewertung bleibt zweierlei festzuhalten. Erstens wird niemand ohne Leistung dastehen, das Bundesamt für Soziale Sicherung wird einspringen, die Pflege kann nicht pleitegehen. Zweitens, und das ist die eigentliche Botschaft für unsere Kunden: Ein System, das im Oktober Geld nachgeschossen bekommen muss, wird seine Zugangskriterien und seine Beiträge nicht dauerhaft so lassen, wie sie heute sind. Der GKV-Verband selbst fordert bereits, die 2017 großzügig gefassten Kriterien zu überprüfen. Ich schreibe es hier seit Monaten und werde nicht müde: Pflegezusatz gehört aufs Beratungsprotokoll, lange bevor der Ernstfall eintritt. Wer jetzt nicht das Gespräch sucht, wird es später führen müssen, dann aber unter Druck.

Rente im Osten: Wenn das Argument bröckelt

Passend zum Reformherbst eine Auswertung, die eine liebgewonnene These relativiert. Ostdeutsche Ministerpräsidenten begründen ihren Widerstand gegen die Abschaffung der Rente mit 63 damit, dass die Menschen im Osten stärker auf die gesetzliche Rente angewiesen seien. Das stimmt, aber weniger dramatisch als die Rhetorik: 96 Prozent des Ruhestandseinkommens stammen dort aus Renten und Pensionen, im Westen 92 Prozent. Das mittlere verfügbare Haushaltseinkommen liegt bei 2.270 Euro im Osten und 2.350 Euro im Westen, ein Abstand von 80 Euro. Bei der Armutsgefährdung liegt der Osten mit 18,5 Prozent sogar knapp unter dem Westen.

Der entscheidende Unterschied steckt woanders: Ein Prozent des Einkommens stammt im Osten aus Vermögen, im Westen sind es gut vier. Und im eigenen Haus wohnen dort 44, hier 61 Prozent. Das ist keine politische Aussage, das ist unsere Kernbotschaft in Zahlen. Wer nur eine Säule hat, spürt jede Änderung an dieser Säule sofort. Wer drei hat, kann sie abfedern. Ich habe das vor vier Wochen an dieser Stelle schon geschrieben und wiederhole es gern: Wo die zweite und dritte Säule fehlt, ist das Beratungsgespräch am nötigsten.

Umdeckung: Die Kardinalpflicht heißt nicht umsonst so

Und dann ein Beschluss, der mir naturgemäß ins Auge sprang. Das OLG Nürnberg hatte über eine Wohngebäudeversicherung zu befinden, die 2019 umgedeckt wurde. Beim Vorversicherer waren drei Sturm- und Hagelschäden über zusammen gut 3.000 Euro aufgelaufen, der Mitarbeiter der Maklerin ermittelte sie nicht und gab sie beim neuen Versicherer nicht an. Nach zwei Schäden im Jahr 2021 focht der Assekuradeur den Vertrag wegen arglistiger Täuschung an. Der Kunde verlor am Ende, weil ihm kein kausaler Schaden nachzuweisen war. Die Pflichtverletzung der Maklerin stellte das Gericht aber ausdrücklich fest.

Das Zitat, das ich mir aufgeschrieben habe, formuliert die Kardinalpflicht des Maklers: sich vor der Umdeckung einen umfassenden Kenntnisstand über die bisherige Versicherungshistorie zu verschaffen. Rückfrage beim Kunden reicht nicht immer, eigene Nachforschungen gehören dazu, im konkreten Fall hätte eine Vorversichereranfrage genügt. Vor gut zwei Monaten habe ich hier geschrieben, dass die Pflichten des Maklers weit reichen und bei jedem Wechsel besonders weit. Hier ist der Beleg. Die gute Nachricht: Diese Arbeit ist keine Schikane, sie ist der Unterschied zwischen einem sauberen Wechsel und einem Haftungsfall.

Der Maklermarkt bekommt neue Käufer

Marshberry hat für das zweite Quartal 19 Transaktionen unter Vermittlern im DACH-Raum gezählt, dazu sieben in angrenzenden Bereichen. Bemerkenswerter als die Zahl sind die Neuzugänge. Im Mai ist die MAP Mittelstands-Assekuranz-Partner Holding angetreten, finanziert von einem Londoner Private-Equity-Haus. Im Juni folgte die Moin Group, die sich als KI-Roll-up-Plattform positioniert und mit Warburg Pincus im Rücken gleich zwei Häuser übernommen hat. Die etablierten Konsolidierer sind weiter hochaktiv, gehen aber selektiver vor. Spezialisierte Expertise, starke Kundenbeziehungen, regionale Marktposition zählen mehr als reine Größe.

Das deckt sich exakt mit dem, was ich vergangene Woche zur Diagnose von Steffen Helmsauer geschrieben habe: Wer kauft, hat noch nicht integriert. Für den einzelnen Makler heißt das schlicht, dass er derzeit in einem Verkäufermarkt sitzt. Aber ein Verkäufermarkt nützt nur dem, der verhandlungsfähig ist.

Wem gehört eigentlich der Bestand?

Womit ich beim Gespräch der Woche bin. Carsten Möller, Mitgründer von MaxPool und seit den Achtzigern im Markt, hat im Podcast Klartext geredet. Sein schärfster Satz betrifft die Asymmetrie zwischen Pool und Makler: Die Interessenlagen seien in den Verträgen so verklausuliert, dass der einzelne Makler ohne große Rechtsabteilung nicht verstehe, was er unterschreibe. Daraus folgen zwei Fragen, die jeder für sich beantwortet haben sollte: Gehört der Bestand wirklich noch mir? Und was passiert praktisch, wenn ich gehen will?

Sein Bild vom Bestandsverkauf sitzt ebenfalls, dazu die Steuerfalle bei der Verrentung, bei der die kapitalisierte Gesamtsumme sofort zu versteuern ist, während das Geld über Jahre fließt. Möllers nüchternster Satz ist zugleich der wichtigste: Ein Versicherungsmakler verkauft nur einmal in seinem Leben. Genau deshalb sind Vorbereitung, Datenordnung und geprüfte Verträge keine Nebensache, sondern der eigentliche Preisfaktor. Sie ahnen es bereits: Dabei hilft PolicenTransfer. So, jetzt ist es wieder raus.

Kfz-Ratings: Sechs von 28 sind es wirklich

Zum Abschluss etwas Handwerkliches. Das VersicherungsJournal hat sechs Kundenbefragungen zu Kraftfahrtversicherern zu einem Metarating verdichtet. Ergebnis: 28 Anbieter tauchen irgendwo in einer Siegerliste auf, kein einziger schafft es in allen sechs Untersuchungen in die Spitzengruppe. Sechs Gesellschaften erreichen fünf von sechs. Zwölf Anbieter sind genau einmal dabei.

Das ABER von mir gilt der Aussagekraft. Solche Studien fokussieren auf die großen Namen und lassen die oft leistungsstarken Deckungskonzeptanbieter außen vor, zudem sind sie unternehmens- und nicht tarifbezogen. Ein Leserbrief brachte den Kern auf den Punkt: Wie soll ein Kunde Bearbeitungsgeschwindigkeit oder Beratungsqualität beurteilen, wenn ihm jeder Vergleich fehlt? Ein Zertifikat ist ein Hinweis, kein Beweis. Die Einordnung bleibt unsere Aufgabe.

In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

 

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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