Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Die 39. Kalenderwoche gehörte der Krankenversicherung, und zwar beiden Hälften davon. Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle noch über das Wachstum der PKV geschrieben. Diese Woche wurde über ihre Daseinsberechtigung diskutiert.
Merz und das Gerechtigkeitsproblem
Nach den Sitzungen der CDU-Gremien sagte der Bundeskanzler am Montag einen Satz, den man von einem CDU-Vorsitzenden so nicht erwartet hätte. Das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung empfänden viele Menschen als Gerechtigkeitsproblem. Er teile diese Einschätzung, man werde daran etwas ändern. Was genau, sagte er nicht. Kurz darauf stellte sein Sprecher klar, das System werde nicht infrage gestellt.
Man muss kein Politikwissenschaftler sein, um den Zusammenhang mit den Wahlergebnissen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zu erkennen. Die Reaktionen folgten dem bekannten Muster. Der VdK fordert die Bürgerversicherung, die SPD begrüßt den Vorstoß, die CSU winkt ab. PKV-Verband und Bundesärztekammer erinnerten den Kanzler an das eigene Grundsatzprogramm, das sich ausdrücklich zum dualen System bekennt. Ärztepräsident Klaus Reinhardt fand dafür eine Formel, die ich mir merken werde: Ein Gesundheitssystem ohne PKV ist eine Versorgung mit weniger Geld für alle.
Mein Punkt ist ein anderer. Die Wartezeit beim Facharzt entsteht nicht in der PKV. Sie entsteht durch Budgetierung, Fachkräftemangel und fehlende Patientensteuerung. Wer das duale System zum Sündenbock macht, löst keines dieser Probleme. Er verunsichert nur Millionen Versicherte. Und die rufen dann bei uns an.
Die SPD will an die Rückstellungen
Wie ernst die Lage ist, zeigt der zweite Vorstoß der Woche. Die SPD fordert einen Finanzausgleich in der Pflegeversicherung und die Übertragung von Alterungsrückstellungen aus der privaten in die soziale Pflegeversicherung. PKV-Verbandschef Thomas Brahm spricht von einem Dammbruch und einem Anschlag auf die private Vorsorge. Er hält beides für verfassungswidrig und kündigt Widerstand mit allen rechtlichen Mitteln an.
Die Rechnung dazu ist entlarvend. Selbst bei bis zu zwei Milliarden Euro Ausgleich kämen bei den gesetzlich Pflegeversicherten rund 1,40 Euro im Monat an. Nach Abzug des Arbeitgeberanteils bleiben 70 Cent. Zehn Prozent Privatversicherte können die Strukturprobleme von neunzig Prozent nicht lösen. Der eigentliche Schaden wäre ein anderer: Wer einmal erlebt, dass angespartes Vorsorgekapital umgewidmet wird, spart kein zweites Mal. Das trifft genau die junge Generation, die wir zur privaten und betrieblichen Vorsorge bewegen wollen.
Gutverdiener zahlen die Zeche
Ganz konkret wird es derweil für Gutverdiener. Die Beitragsbemessungsgrenze in der GKV steigt 2027 von 5.812,50 auf 6.375 Euro im Monat. Darin steckt eine Sonderanhebung von 300 Euro aus dem Sparpaket vom Juli. In der Renten- und Arbeitslosenversicherung geht es auf 8.850 Euro. Unterm Strich zahlt ein gesetzlich versicherter Arbeitnehmer oberhalb der Grenzen fast 102 Euro mehr im Monat, gut 1.220 Euro im Jahr. Der Arbeitgeber zahlt in gleicher Höhe drauf. Mit dem geplanten Pflegeneuordnungsgesetz könnte es noch mehr werden.
Für die Beratung heißt das: Genau die Kunden, die für die PKV infrage kommen, bekommen gerade doppelte Post aus Berlin. Mehr Beitrag in der GKV, mehr Unsicherheit in der PKV. Wer sie in dieser Gemengelage allein lässt, überlässt die Entscheidung dem Bauchgefühl. Das ist die Stunde der ehrlichen Beratung, nicht der schnellen Umdeckung.
Zusatzversicherung: Wachstum mit Lücken
Ein Blick in den Markt der Ergänzungstarife rundet das Bild ab. Der Bestand stieg 2025 auf rund 32,17 Millionen Menschen, allerdings nur noch um 2,8 Prozent nach fast fünf Prozent im Vorjahr. Acht Anbieter schrumpften sogar, allen voran die Barmenia mit einem Minus von über 75.000 Versicherten, gefolgt von Signal Iduna und Debeka mit je rund 8.500. Letzte Woche Verdrängung in der Vollversicherung, diese Woche bei den Zusatztarifen. Das Muster setzt sich fort.
Mancher Kollege mit großem KV-Bestand dürfte sich in dieser Woche gefragt haben, was der eigentlich noch wert ist. Die Antwort: mehr, als die Schlagzeilen vermuten lassen, wenn er sauber geführt ist. Wer jetzt auf den obligatorischen PolicenTransfer-Hinweis wartet, wartet vergeblich. Wir optimieren Sach, Unfall, Haftpflicht, Kraft und Rechtsschutz. Selten war eine Kolumne so werbefrei. Genießen Sie es, nächste Woche ist es wieder vorbei.
Wer kann eigentlich mit Geld umgehen?
Und nun zu dem Teil der Woche, bei dem mir der Kaffee kalt wurde. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen haben Beitragsgelder in riskante Finanzprodukte gesteckt, die bundesweit tätigen Kassen allein mehr als 1,1 Milliarden Euro. Im Verius-Fonds verloren Bahn BKK und Viactiv jeweils 40 Millionen Euro, die Siemens BKK 20 Millionen. Die KV Westfalen-Lippe hat 200 Millionen Euro abgeschrieben und verklagt ihren früheren Finanzvorstand. Das Sozialgesetzbuch verlangt eine Anlage, bei der ein Verlust nahezu ausgeschlossen ist. Offenbar hat das nicht jeder gelesen. Und viele Kassen schweigen bis heute zu den Details.
Noch drastischer das Versorgungswerk der Berliner Zahnärzte. Von 2,2 Milliarden Euro Vermögen sind rund 1,3 Milliarden weg. Versenkt in Luxushotels auf Sylt und Ibiza, in eine Gourmet-Garnelenzucht und, man glaubt es kaum, in ein Versicherungs-Startup. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen 18 Personen. Die rund 11.000 Mitglieder müssen weiter einzahlen und sich auf Kürzungen einstellen. Mit Wiedergutmachung rechnet man frühestens in acht bis zehn Jahren.
Die Parallele drängt sich auf. Während die Alterungsrückstellungen der Privatversicherten behandelt werden, als seien sie Verfügungsmasse, zeigen ausgerechnet Kassen und Selbstverwaltung, wie Vorsorgegeld verloren geht, wenn Kontrolle fehlt. Wir Vermittler dokumentieren jede Empfehlung seitenlang und haften für jede Unterlassung. Anderswo wurden mit Beitragsgeldern Garnelen gezüchtet.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.





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