Brüß kommentiert: Die 45. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,
letzte Woche ging es um die Frage, wer die Beratung bezahlt. Diese Woche geht es um alles andere, was bezahlt werden muss. Und das ist eine ganze Menge.

PKV: Zwischen 2,2 und 18 Prozent

Letzte Woche hatten wir den Durchschnitt von 13,4 Prozent und den Notlagentarif. Jetzt gibt es die Zahlen je Gesellschaft. Ein PKV-Sachverständiger hat für 22 Versicherer die durchschnittlichen Anpassungen zum 1. Januar ausgewertet. Vorne liegt die BBKK mit 18 Prozent, dahinter UKV mit 15,6 und Axa mit 11,7 Prozent. Am anderen Ende stehen die R+V mit 2,2 und die Nürnberger mit 2,7 Prozent. Und meine früheren Häuser? Beim Notlagentarif lagen sie letzte Woche noch ganz vorn. Diesmal steht die Gothaer im Mittelfeld, bei der Generali läuft die Prüfung noch. Zur Abwechslung mal keine Spitzenplätze, und das ist auch gut so.
Fairness gehört dazu. Die BBKK hat sich gemeldet: Ausgewertet wurden 120 Bestandskunden, die Stichproben sind je Versicherer unterschiedlich groß, die Methodik ist nicht vollständig nachvollziehbar. Der Einwand ist berechtigt. Ein Durchschnitt sagt wenig über den einzelnen Tarif. Für den Kunden mit 18 Prozent auf der Rechnung ist er aber kein Durchschnitt. Er ist sein Januar.
Für die Beratung heißt das: Der Tarifwechsel nach § 204 VVG ist kein Spezialistenthema mehr. Wer PKV-Kunden betreut, bespricht den Anpassungsbrief, bevor er im Briefkasten liegt. Und wer das nicht selbst kann, holt sich Unterstützung.

Fast die Hälfte vom Brutto

Wer sich über die PKV ärgert, sollte einen Blick auf die andere Seite werfen. Eine Studie im Auftrag der INSM rechnet vor, dass der Gesamtbeitragssatz der Sozialversicherung von 42,8 Prozent in diesem Jahr auf 48,8 Prozent im Jahr 2035 steigen könnte. Schon 2028 wären es 45,4 Prozent, im ungünstigen Fall sogar 51,6 Prozent. Die Rente klettert auf 20,9 Prozent, die Arbeitslosenversicherung von 2,6 auf 4,4, die Pflege von 3,9 auf 4,8. Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst von 5,9 auf 8,3 Millionen.
Man darf erwähnen, dass die INSM von den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird. Man darf aber auch erwähnen, dass die geplanten Reformen den Satz nur um 1,3 Punkte drücken. Mit Kapitalrente steigt er zunächst sogar auf 49,3 Prozent, weil der Kapitalstock erst später trägt. Das ist kein Argument gegen Kapitaldeckung. Das ist die Rechnung dafür, dass man dreißig Jahre zu spät angefangen hat.
Für Vermittler ist jeder Prozentpunkt ein Gesprächsanlass. Netto bleibt weniger, die Lücke im Alter wird größer. Wer jetzt nicht privat oder betrieblich vorsorgt, zahlt später doppelt.

Der Professor als Kanzler

Bernd Raffelhüschen hat Kritik geäußert, das passende Programm aber gleich mitgeliefert. Die Rente mit 70 will er nicht erst 2090 einführen, wie es derzeit diskutiert wird, sondern schon 2030. Den Nachhaltigkeitsfaktor aus der Agenda 2010 würde er sofort wieder einsetzen. Selbstbeteiligung von 1.000 bis 2.000 Euro in der Krankenversicherung, Karenzzeit von ein bis zwei Jahren in der Pflege. Die Steuerreform hält er für „Pillepalle“, die Pflegeversicherung für den größten sozialpolitischen Fehler des Landes. Und die Schuld sieht er bei den Babyboomern: „Meine Generation ist das Problem.“
Ich fühle mich angesprochen. Nicht alles würde ich unterschreiben und Wahlen gewinnen die Politiker mit diesem Programm sicher nicht. Aber der Befund stimmt: Auf zwei Beinen steht man besser als auf einem. Und wer Selbstbeteiligungen und Karenzzeiten fordert, fordert private Absicherung. Für Pflegezusatz, Krankenzusatz und Vorsorge ist das kein Schreckensszenario. Es ist ein Beratungsauftrag.

Selbstständige: Pflicht mit Ausgang

Ein Baustein der Antwort ist die Rentenversicherungspflicht für Selbstständige. Die Alterssicherungskommission empfiehlt: Neugründer kommen verpflichtend in die gesetzliche Rente, ohne Ausstieg. Wer schon selbstständig ist, bekommt ein voraussetzungsloses Opt-out. Der Regelbeitrag läge 2026 bei 735,63 Euro im Monat, Gründer zahlen in den ersten drei Jahren die Hälfte. Der Koalitionsausschuss hat alle 33 Empfehlungen gebilligt. Einen Referentenentwurf gibt es trotzdem nicht. Einen Stichtag auch nicht.
Dass etwas passieren muss, ist unstrittig. 72 Prozent der 3,6 Millionen Selbstständigen im Haupterwerb haben keine Pflichtabsicherung. Für Makler ist das Opt-out der spannende Teil. Wer sich herausoptiert, braucht eine Alternative, die er auch durchhält. Und ab 2027 sind Selbstständige erstmals direkt beim Altersvorsorgedepot förderberechtigt. Das passt zusammen. Man muss es nur zusammen erklären.

Altersvorsorgedepot: Beamte, Erben und Kleingedrucktes

Apropos Depot. Ein Finanzprofessor kritisiert, dass auch Beamte gefördert werden, obwohl sie keine Unterversorgung erleiden. Neu ist das nicht, Besoldungsempfänger waren schon bei Riester zulageberechtigt. Ich halte das für eine Nebenbühne. Wichtiger ist, dass mehr Menschen vorsorgen, nicht weniger.
In jedes Beratungsgespräch gehört dagegen das Thema Vererben. Stirbt der Sparer vor Rentenbeginn, behalten nur Ehepartner und eingetragene Lebenspartner die Förderung, wenn sie das Vermögen auf einen eigenen Vertrag übertragen. Kinder und unverheiratete Partner zahlen Zulagen und Steuervorteile zurück. Bei bis zu 540 Euro Grundzulage im Jahr läppert sich das. Wer das verschweigt, hat die nächste Haftungsfrage schon im Bestand. Und die 17 Euro aus der letzten Woche reichen für diese Aufklärung erst recht nicht.

Cyber: Wenn die Kühltruhe heizt

Zum Schluss ein Fall, den man sich nicht ausdenken kann. Unbekannte haben die Kühlsteuerungen von Supermärkten manipuliert, von Kühlen auf Heizen. In Frankreich traf es rund 700 Märkte, Anfang November auch Märkte in Nordrhein-Westfalen und Niederbayern. Die Steuerungen hingen oft ungesichert im Netz, mit veralteter Firmware und schwachen Passwörtern.
Spannend ist die Versicherungsseite. Die Cyberpolice zahlt Forensik und Betriebsunterbrechung, verdorbene Ware ist aber Sachschaden. Die Sachversicherung wiederum schließt Cyberangriffe häufig aus. Von 21 untersuchten Cybertarifen decken nur sechs das Kühlgut überhaupt, ein einziger bis zur vollen Summe. Und wer im Antrag Mehrfaktor-Authentifizierung angegeben hat, während die Steuerung offen im Netz steht, riskiert den Schutz komplett.
Das betrifft auch Bäcker, Metzger, Gastronomen und Apotheken, also typische Kunden kleiner Maklerbüros. Hier lohnt der Blick in den Bestand: Wo passen Sach- und Cyberdeckung nicht zusammen? Wer seine gewerblichen Sachverträge neu ordnen will, kann sie bei PolicenTransfer gesammelt ausschreiben. So, jetzt ist es wieder raus. Diesmal sogar gut gekühlt.

Irgendwer zahlt immer

Höhere PKV-Beiträge, höhere Sozialabgaben, Pflichtbeiträge für Selbstständige, Rückforderungen beim Erbe, verdorbene Ware ohne Deckung. Diese Woche hat gezeigt: Irgendwer zahlt immer. Die Frage ist nur, ob er es vorher weiß. Genau dafür gibt es uns. Und bevor Sie ins Wochenende starten, werfen Sie zur Sicherheit noch einen Blick auf Ihre Kühltruhe.

In diesem Sinne: Allen ein schönes Wochenende!

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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