KI-Chatbot war gestern, jetzt kommt der digitale Mitarbeiter

Im Digital Insurance Podcast diskutieren Jonas Piela und Thomas Fröhlich die nächste Evolutionsstufe künstlicher Intelligenz in der Versicherungswirtschaft. Die Zeit einfacher Chatbots ist vorbei. Versicherer müssen jetzt in Workflow-Automatisierung und KI-Agenten-Teams investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Allianz ist dazu eine Partnerschaft mit Anthropic eingegangen, Zurich hat die 47-Sekunden-Schadenbearbeitung umgesetzt.

Allianz integriert Claude in die IT-Infrastruktur

Die Allianz bindet das KI-Modell Claude von Anthropic direkt in ihre IT-Systeme ein. "Die Allianz geht über die bloße Nutzung des Chatbots weit hinaus und geht jetzt tief rein in die Integration, auch in die Workflow Automation", erklärt Thomas Fröhlich. Das ist ein deutlicher Entwicklungssprung: "Einfach Copilot von Microsoft aktivieren war letztes Jahr ganz nett. Dieses Jahr geht es wirklich darum, die nächsten Schritte zu gehen."

Von der Ordnerwand zur KI-Werkbank

Die Experten beschreiben den Übergang von einfachen Chatbot-Interaktionen zu komplexen KI-Systemen. "Überall, wo Ordnerwände in den Büros stehen, da ist KI nicht mehr weit entfernt", bringt Fröhlich die Einsatzgebiete auf den Punkt. Die Lösung liegt in Middleware-Systemen wie Camunda oder n8n, die verschiedene KI-Agenten miteinander verknüpfen.

Das Konzept erinnert an eine Stabshierarchie: Ein Chef koordiniert spezialisierte Agenten wie z.B. für die Newsletter-Erstellung, Dokumentenanalyse oder Makleransprache. "Ich muss wirklich detailliert eine Aufgabe in kleine Schritten überführen, so als würde ich es einem jungen Mitarbeiter erklären", beschreibt Fröhlich die Anforderungen an Prompt-Entwicklung.

Das Ende der manuellen Kopierarbeit

Es kommt ein alltägliches Problem vieler KI-Nutzer zur Sprache: "In meinem Arbeitsalltag bin ich die ganze Zeit der Affe, der irgendwas von einem Chatfenster ins andere Chatfenster kopiert", beschreibt Piela die aktuelle Übergangssituation. Abhilfe schaffen automatisierte Prozessketten, die Input aus verschiedenen Quellen verarbeiten und über spezialisierte KI-Agenten weiterleiten.

Interessant ist dabei das Konzept der Selbstoptimierung: Ein Supervisor-Agent kann Feedback analysieren und automatisch die Prompts anderer Agenten anpassen. "Dann geht dieser Bot hin und analysiert das, was wir gesagt haben. Und wenn das blöd war, dann wird er den Prompt anpassen."

Google Gemini wird zum Verkaufsagenten

Mit dem Universal Commerce Protocol erweitert Google seine KI Gemini um Checkout-Funktionen. Kunden können künftig direkt über die KI Produkte kaufen. Für die Versicherungsbranche hat dies weitreichende Konsequenzen. "Das killt ja deinen Vermittler da draußen", stellt Piela fest.

Die entscheidende Frage sei jedoch das Vertrauen: "Kann Google Gemini hier als Marke das Vertrauen erwecken, dass Leute auf Checkout klicken?" Fröhlich berichtet von einem praktischen Test, bei dem er Maklerempfehlungen durch zwei KI-Systeme prüfen ließ. Das Ergebnis: Beide KI-Systeme bestätigten die Empfehlung des Maklers. Seine Schlussfolgerung: "Das hättest du das nächste Mal auch einfach mit der KI machen können. Für was brauchst du den Makler jetzt noch?"

Schadenbearbeitung in 47 Sekunden

Die Zurich Versicherung demonstriert das Potenzial von KI in der Schadenbearbeitung: "Diese KI ist in der Lage, die Schadenbearbeitung auf 47 Sekunden herunterzudrücken." Dies wirft neue Fragen auf, etwa zur Umsetzbarkeit des Vier-Augen-Prinzips bei derartigen Bearbeitungszeiten.

Investition in Infrastruktur und Mitarbeiter

Die Experten betonen, dass der Aufbau von KI-Systemen kontinuierliche Investitionen erfordert. "Da musst du die ganze Zeit an dem System arbeiten. Weil sich ständig Sachen ändern, Modelle ändern sich, du willst neue Use Cases reinbringen." Ähnlich wie bei Team-Events und Meetings müsse auch in die KI-Infrastruktur investiert werden.

Entscheidend sei zudem das Mitarbeiter-Training: "Das ist etwas komplexer, wie Chats bedienen mit Prompts. Das braucht auch noch mal Schulung, Mitarbeiter muss man mitnehmen." Der Vergleich: Wie früher Office-Programme erlernt werden mussten, müsse heute der Umgang mit KI-Werkzeugen trainiert werden.

Der Hype ist vorbei, die Arbeit beginnt

Fröhlichs zentrale Botschaft lautet: "Der Hype ist vorbei, man muss sich jetzt wirklich mit einer Werkbank, mit Workflow Automation beschäftigen. Das ist unumgänglich." Die Phase der einfachen Chatbot-Experimente sei beendet. Versicherer müssten nun Infrastruktur schaffen und intern die Weichen für produktive KI-Nutzung stellen.

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