Makler Konkurrenz: ChatGPT wird zum Versicherungsvermittler

Die Freigabe der ersten Versicherungs-Apps durch OpenAI sorgte für Aufregung: Nutzer können innerhalb von ChatGPT personalisierte Versicherungsangebote erhalten und diese direkt abschließen. Die technische Umsetzung erfolgt über die KI-Vertriebsinfrastruktur des Unternehmens WaniWani, das die Schnittstellen für Echtzeit-Angebote der Versicherer bereitstellt.

Der spanische Digitalversicherer Tuio bietet über die neue App Hausratversicherungen an, während die US-Vergleichsplattform Insurify Kfz-Versicherungen vermittelt. OpenAI verweist auf eine Studie, wonach bereits 33 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung ChatGPT für Finanzfragen nutzen. Die Kombination aus Reichweite und unmittelbarer Angebotslogik schafft eine neue Form der Kundenschnittstelle.

Deutliche Reaktionen an den Börsen

Die Nachricht löste an der Wall Street einen massiven Verkaufsdruck bei den Aktien von Versicherungsmaklern aus. Willis Towers Watson verlor 13 Prozent, Arthur J. Gallagher gab 9,4 Prozent nach, Aon büßte 8,5 Prozent ein. Auch europäische Broker gerieten unter Druck: Flatexdegiro notierte zeitweise sechs Prozent im Minus, der polnische Broker XTB verlor rund 13 Prozent.

Die Reaktion dürfte übertrieben sein: Tuio verkauft einfache Produkte für Privatkunden. Das dürfte Maklerunternehmen für Gewerbe- und Spezialrisiken kaum beeinflussen. Aber die Anleger sind vorsichtig, denn niemand weiß genau, wie stark KI die Vertriebskanäle beeinflussen wird. 

Regulatorische Hürden in Deutschland

Stephen Voss
Neodigital

Ob solche Angebote bald auch in Deutschland verfügbar sind, bleibt offen. Stephen Voss, Mitgründer von Neodigital, sieht zwei wesentliche Hürden: die Datenschutz-Grundverordnung und die Versicherungsvertriebsrichtlinie. „Es dürfte kaum datenschutzkonform sein, wenn Angaben wie Postleitzahl und Wohnungsgröße bei einem Anbieter mit Sitz außerhalb der EU landen", erklärt er gegenüber dem Handelsblatt.

Sobald ChatGPT Empfehlungen ausspricht, könne das als Beratung gelten, die in Deutschland nur registrierte Vermittler leisten dürfen. Jörg Asmussen vom GDV sieht hingegen kein regulatorisches Problem: „Angebote stammen ausschließlich von regulierten Anbietern. Wer Versicherungen anbietet oder vermittelt, muss die geltenden Regeln einhalten."

Technisch ist der deutsche Markt hingegen bestens vorbereitet. Über den Branchenstandard BiPRO stehen normierte Schnittstellen für Tarifierung, Angebot und Antrag bereit. Versicherungsprodukte aus dem Privatkundengeschäft lassen sich somit leicht über standardisierte Prozesse anbinden. Praktisch alle Versicherer verfügen über diese TAA-Schnittstellen, sodass die KI als neuer Vertriebskanal praktisch sofort sämtliche Versicherer umfassen würde.

Auswirkungen auf den klassischen Vertrieb

Es wird erwartet, dass KI-Agenten künftig mehrere Apps parallel anfragen, Angebote vergleichen und zum passenden Vertrag führen könnten. Bei einfachen Standardprodukten würde der Kontakt zum menschlichen Makler damit überflüssig.

Nele Wollert, Vertriebschefin beim Start-up Muffintech, bezeichnet die Entwicklung im Handelsblatt als „klare Kampfansage" an Makler: „Die müssen sich nun ernsthaft fragen: Was bringe ich noch an Mehrwert?" Gleichzeitig werde Deutschland wegen der strengen Regeln langsamer sein, im Niedrigrisikobereich seien solche Angebote aber relativ schnell zu erwarten.

Ausblick auf die Branchenentwicklung

Nach Angaben von WaniWani befinden sich rund ein Dutzend weiterer Versicherungs-Apps im Genehmigungsprozess bei OpenAI. Vergleichbare Anwendungen werden bereits bei Anthropics Claude eingesetzt, Google Gemini plant eigene Standards für Drittanbieter-Apps. Die Branche spricht von einem Übergang zur Agent-to-Agent-Distribution.

Für Versicherer stellt sich die Frage, wie schnell sie eigene Integrationen prüfen. WaniWani-Mitgründer Raphael Vullierme äußert sich auf „Fintech Global“: „Alle Versicherer werden davon betroffen sein, unabhängig davon, ob sie eine KI-App entwickelt haben oder nicht."

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