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dvb-Pressespiegel

Pressemitteilung vom 23.06.2010
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RWI: Wirtschaftliche Erholung verläuft unerwartet schwungvoll

Das RWI aktualisiert seine Konjunkturprognose für Deutschland und rechnet nun für das laufende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 1,9%, nachdem es im März noch von 1,4% ausgegangen war. Dabei bleiben im zweiten Halbjahr 2010 wohl die Ausfuhren die Triebfeder der Expansion. Daraus resultiert für 2011 ebenfalls eine etwas höhere Prognose von 1,7%. Allerdings werden sich die Auftriebskräfte voraussichtlich insgesamt abschwächen. Die Lage am Arbeitsmarkt dürfte sich hingegen weiter verbessern. Das Sparprogramm der Bundesregierung gefährdet die wirtschaftliche Erholung nicht und sollte wie geplant ab dem nächsten Jahr umgesetzt werden.

Die Konjunktur in Deutschland hat sich im Frühjahr deutlich belebt. Getragen wurde sie insbesondere von den Ausfuhren, die von dem unerwartet kräftigen Aufschwung des Welthandels sowie von der Abwertung des Euro profitierten. Die Inlandsnachfrage hingegen nahm nur wenig zu: Die privaten Konsumausgaben waren bis zuletzt rückläufig, auch weil die Abwrackprämie im vergangenen Jahr zu vorgezogenen Pkw-Käufen geführt hatte, was die aktuelle Nachfrage dämpft. Wieder ausgeweitet wurde wohl die Investitionstätigkeit. Die Ausrüstungsinvestitionen sind nach dem scharfen Einbruch im vergangenen Jahr zuletzt leicht gestiegen, und die Bautätigkeit, die im Winterhalbjahr durch die Witterung eingeschränkt war, wurde durch das Konjunkturprogramm angeschoben, das erst in diesem Jahr seine volle Wirkung entfalten dürfte. Auch beim Wohnbau gab es Anzeichen einer Erholung.

In der zweiten Hälfte dieses Jahres werden die Ausfuhren voraussichtlich die Triebfeder der Expansion bleiben, zumal die jüngste Abwertung des Euro die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exporteure weiter verbessert hat. Auch dürfte in nahezu allen Ländern die gesamtwirtschaftliche Produktion in den kommenden Monaten steigen. Besonders kräftige Zuwächse sind in den Schwellenländern zu erwarten, die den Einbruch durch die Finanzkrise längst wettgemacht haben. Die Industrieländer erholen sich zwar langsamer, jedoch nimmt auch hier die Kapazitätsauslastung allmählich zu. In Folge dessen erwarten wir eine Zunahme der Exporte um 11,4%. Zwar dürften auch die Einfuhren recht kräftig steigen, insbesondere weil viele Unternehmen ihre Lagerbestände wieder auffüllen. Gleichwohl ist ein kräftiger Wachstumsbeitrag der Außenwirtschaft zum BIP von 1,4%-Punkten zu erwarten.

BIP dürfte 2010 um 1,9% und 2011 um 1,7% wachsen

Von der Binnenwirtschaft dürften auch im weiteren Verlauf dieses Jahres per saldo – sieht man von dem zu erwartenden Lageraufbau ab – nur geringe Impulse ausgehen. Bei verhaltenen Einkommenssteigerungen und einer etwas anziehenden Teuerung werden die privaten Konsumausgaben voraussichtlich weiter leicht rückläufig sein. Der Staatskonsum, von dem aufgrund der Konjunkturprogramme im vergangenen Jahr deutliche Impulse ausgingen, dürfte nun langsamer expandieren. Die Investitionen werden wohl etwas stärker ausgeweitet werden, auch weil am Jahresende die Abschreibungsmöglichkeiten der Unternehmen wieder eingeschränkt werden, was Vorzieheffekte auslösen dürfte. Wir erwarten einen Wachstumsbeitrag der Inlandsnachfrage von 0,6%-Punkten. Insgesamt dürfte das BIP im Jahr 2010 um 1,9% steigen.

Für das kommende Jahr sprechen mehrere Faktoren für nachlassende Auftriebskräfte. In einigen Schwellenländern wird bereits eine Überhitzung der Wirtschaft befürchtet, so dass dort die Geld- und die Finanzpolitik auf einen restriktiven Kurs einschwenken dürfte. In den Industrieländern hat die Verschuldung mancher Staaten inzwischen ein Niveau erreicht, bei dem die Finanzmarktakteure ein erhebliches Ausfallrisiko sehen. Speziell in Europa hat daher die Finanzpolitik für das kommende Jahr einen restriktiven Kurs angekündigt, was die Konjunktur wohl dämpfen wird. Vor diesem Hintergrund dürften der Exportboom 2011 an Schwung verlieren und die Ausfuhren um nur noch 5,9% ausgeweitet werden. Da allerdings ein schwächerer Anstieg der Einfuhren zu erwarten ist, dürfte der Beitrag der Außenwirtschaft zum BIP-Wachstum von 1,0%-Punkt etwas geringer ausfallen als in diesem Jahr. Für die Inlandsnachfrage ist nur eine graduelle Besserung zu erwarten. Mit dem Auslaufen des Konjunkturprogramms und aufgrund der Sparbeschlüsse der Bundesregierung nimmt der Staatsverbrauch wohl nur noch geringfügig zu, die öffentlichen Investitionen dürften sogar recht deutlich sinken. Andererseits dürften die privaten Konsumausgaben wieder etwas ausgeweitet werden und sich die moderate Aufwärtsbewegung bei den Ausrüstungsinvestitionen fortsetzen. Per saldo erwarten wir eine Zunahme des BIP um 1,7%.

Zahl der Arbeitslosen dürfte weiter sinken

Der Preisanstieg dürfte sich dabei insbesondere aufgrund der gestiegenen Einfuhrpreise etwas beschleunigen. Allerdings wird die Inflation mit 1,1% in diesem und 1,3% im kommenden Jahr wohl moderat bleiben, da die nach wie vor gering ausgelasteten Kapazitäten und die schwache Nachfrage die Spielräume für Preiserhöhungen begrenzen.

Die Lage am Arbeitsmarkt dürfte sich weiter verbessern. Vorerst wird die sinkende Arbeitslosigkeit wohl noch wesentlich durch eine steigende Beschäftigung – insbesondere im Bereich der öffentlichen und privaten Dienstleistungen – getragen. Allerdings ist zu erwarten, dass sich dieser Beschäftigungsaufbau aufgrund der angespannten Finanzlage des Staates nicht fortsetzen wird. Zugleich werden die Industrieunternehmen wohl bestrebt sein, den vorhandenen Personalbestand effizienter zu nutzen, und deshalb kaum neue Arbeitsplätze schaffen. Daher dürfte die Zahl der Erwerbstätigen im Verlauf von 2011 kaum noch steigen. Die Arbeitslosenquote dürfte gleichwohl von 7,8% auf 7,4% im Durchschnitt des Jahres 2011 zurückgehen, da das Erwerbspersonenpotenzial aus demographischen Gründen weiter sinken wird.

Sparprogramm der Bundesregierung sollte wie geplant ab 2011 umgesetzt werden

Die Lage der öffentlichen Haushalte wird sich in diesem Jahr voraussichtlich weiter verschlechtern. Die Steuereinnahmen dürften weiter sinken, während die Staatsausgaben auch aufgrund der Konjunkturprogramme wohl nochmals recht deutlich steigen werden. Das Budgetdefizit dürfte sich in Relation zum BIP auf 4,5% erhöhen und damit nicht so stark wie im März erwartet. Im kommenden Jahr ist aufgrund der Sparbemühungen und der konjunkturbedingt zunehmenden Einnahmen ein Rückgang der Defizitquote auf 3,7% zu erwarten.

Die wirtschaftliche Erholung verläuft derzeit schwungvoller als vor drei Monaten prognostiziert. Ausschlag gebend ist allein die kräftige Expansion der Weltwirtschaft, die allerdings – wie ausgeführt – im Prognosezeitraum an Tempo verlieren dürfte. Die Binnenwirtschaft gewinnt hingegen wohl erst allmählich an Fahrt, vor allem weil die Rezession und die Reaktion der Politik darauf nachwirken. Aber selbst unter diesen Rahmenbedingungen erwarten wir nicht, dass die Umsetzung des Sparprogramms der Bundesregierung einen neuerlichen Abschwung auslösen wird. Mit der Konsolidierung im nächsten Jahr zu beginnen, dürfte weniger schädlich für die Konjunktur sein als ein Hinausschieben, das – will man die neue, im Grundgesetz verankerte Schuldenregel einhalten – unweigerlich größere Einschnitte in den kommenden Jahren nach sich ziehen müsste. Zwar ist die konjunkturelle Lage nach wie vor labil, da die Finanzmärkte noch nicht zur Ruhe gekommen sind. Sollten sich die Probleme dort verschärfen und dies die Konjunktur unerwartet stark dämpfen, so wären dadurch entstehende höhere Defizite hinzunehmen.




Herr Prof. Dr. Roland Döhrn

Tel.: (0201) 81 49-262
Fax:
E-Mail:


Frau Sabine Weiler
Pressestelle RWI Essen
Tel.: (0201) 81 49-213
Fax:
E-Mail:

Rheinisch-Westfälisches
Institut für Wirtschaftsforschung e.V.
Hohenzollernstraße 1-3
45128 Essen
http://www.rwi-essen.de/

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