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dvb-Pressespiegel

Pressemitteilung vom 26.09.2007
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Reha-Kliniken vor gewaltigen Herausforderungen

In der Diskussion um eine Erneuerung des deutschen Gesundheitssystems blieb die Rehabilitation angesichts ihrer relativ geringen und zuletzt abnehmenden wirtschaftlichen Bedeutung bisher weitgehend unbeachtet. Bis 2020 dürfte sich die Zahl der Reha-Fälle jedoch deutlich erhöhen. Da eine Finanzierung der zusätzlichen Leistungen durch die Sozialversicherungssysteme wenig wahrscheinlich sein dürfte, gerät der Reha-Bereich unter starken Anpassungsdruck – und dies vor dem Hintergrund, dass bereits jetzt ein Viertel der Reha-Kliniken von Insolvenz bedroht ist und dieser Anteil ohne deutliche Marktbereinigung stark ansteigen dürfte. Dies sind die wesentlichn Ergebnisse einer vom RWI Essen, dem Institute for Health Care Business GmbH und der ADMED GmbH herausgegebenen Studie.

Das Gesundheitssystem steht in Deutschland aus demografischen und wirtschaftlichen Gründen vor enormen Anpassungen. Während der Krankenhaus- und zuletzt auch der Pflegebereich dabei stark in den Blickpunkt geraten sind, blieb die Rehabilitation bisher weitgehend unbeachtet. Dies überrascht insofern wenig, als auf ihn lediglich 7,2 Mrd. ¤ bzw. 3% des gesamten Gesundheitsmarkts entfallen. 1995 betrug der Anteil mit 7,6 Mrd. ¤ noch 4,1%. Im Jahr 1997 brach die Zahl der Reha-Fälle insbesondere als Folge des Beitragsentlastungsgesetzes 1996 um rund 20% ein. Die Auslastung der Kliniken sank innerhalb eines Jahres von 90% auf 60%, wovon besonders private Kliniken betroffen waren. Das Gesetz brachte eine Verkürzung der Regeldauer von Heilverfahren von vier auf drei Wochen, eine Verlängerung des Wiederholungsintervalls von drei auf vier Jahre und eine Erhöhung der privaten Zuzahlung mit sich. In den darauf folgenden Jahren setzte eine leichte Erholung ein, die jedoch schon 2000 endete. Seitdem ist die Zahl der Reha-Fälle wieder rückläufig. Das gesamte Marktvolumen sank bis 2005 wieder auf den Wert aus dem Jahr 1992. Derzeit gibt es noch etwa 1 270 Reha-Kliniken mit 175 000 Betten.

Bis 2020 erwarten wir allerdings eine Zunahme der stationären Reha-Fälle um fast 13%, von derzeit 1,82 auf 2,04 Millionen. Ein wesentlicher Grund liegt im GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz, das die Umwandlung aller medizinischen Reha-Leistungen in Pflichtleistungen, die Umwandlung von Eltern-Kind-Kuren zur Regelleistung der Gesetzlichen Krankenversicherung und einen Rechtsanspruch auf geriatrische Rehabilitation mit sich brachte. Hinzu kommen die schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, die mögliche Umsetzung des Grundsatzes „Reha vor Pflege“, das Fallpauschalensystem im Akutbereich und der zunehmende Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung. Gegen eine Ausweitung der stationären Reha-Leistungen sprechen indessen die knappen Ressourcen der Gesetzlichen Krankenversicherungen, eine stärkere Kosten-Nutzen-Orientierung bei Reha-Leistungen und der Grundsatz „ambulant vor stationär“. Einen übergeordneten und schwer einzuschätzenden Einflussfaktor für die zukünftige Situation im Reha-Bereich bilden mithin die politischen Rahmenbedingungen.

Ein Viertel aller Reha-Kliniken ist von Insolvenz bedroht

Die wirtschaftliche Lage der Reha-Kliniken haben wir auf Basis einer Stichprobe von 165 Einrichtungen bzw. 84 Jahresabschlüssen einzuschätzen versucht. Danach sind 26% der Reha-Kliniken von Insolvenz bedroht, 51% existieren ohne größere wirtschaftliche Probleme, der Rest liegt dazwischen. Besonders betroffen sind private Häuser. Die Lage ist damit deutlich schlechter als im Pflege- und Krankenhausbereich – und insbesondere schlechter als bei mittelständischen Unternehmen generell. Unter der durchaus plausiblen Annahme steigender Kosten und bei anhaltend hohem Preiswettbewerb würde sich die Situation der Reha-Kliniken in den nächsten Jahren erheblich verschlechtern. Der Anteil der von Insolvenz betroffenen Kliniken würde bis 2020 auf bedrohliche 57% zunehmen.

Aus unserer Sicht wird es daher zu einer Marktbereinigung kommen, die einerseits durch das Ausscheiden einer großen Zahl von Reha-Kliniken und andererseits durch verstärkte Kettenbildung, auch sektorübergreifend, gekennzeichnet sein dürfte. Im Gegensatz zum Krankenhausbereich kann sich die Marktbereinigung ohne starke politische Einflussnahme vollziehen, weil die wohnortnahe Versorgung mit Reha-Leistungen keinen besonderen politischen Stellenwert genießt. Sollte bis 2013 eine spürbare Marktbereinigung stattfinden und knapp ein Viertel der unwirtschaftlichsten Einrichtungen verschwinden, wären davon ein Umsatzvolumen von 1,7 Mrd. ¤ und rund 44 500 Betten (26%) betroffen. Die am Markt verbleibenden Einrichtungen würden deren Patienten übernehmen und damit ihre Auslastung beträchtlich steigern können. Das eingesparte Umsatzvolumen würde zur Finanzierung dieser Patienten und eines zusätzlichen Anstiegs der Zahl der Reha-Fälle benötigt. Ohne Marktbereinigung prognostizierte Überkapazitäten bis 2020 in Höhe von 34% sänken auf erträgliche 10%. Die wirtschaftliche Lage der verbleibenden Kliniken würde sich damit spürbar verbessern, der Anteil der bedrohten Häuser auf nur noch 7% sinken.

Mangelnde Transparenz über Kosten und Nutzen im Reha-Bereich

Die insbesondere demografiebedingt überproportionale Zunahme der Zahl der Reha-Fälle bis 2020 kann allerdings schnell auf Grenzen stoßen, da ein Großteil der Reha solidarisch über die Sozialversicherungssysteme finanziert wird. Diese solidarische Finanzierung kann kaum noch ohne negative Folgen auf die Leistungsanreize der erwerbstätigen Bevölkerung ausgeweitet werden. Ein überproportionales Wachstum des Reha-Marktes muss daher entweder zu Lasten anderer Gesundheitssektoren gehen oder verstärkt über private Nachfrage erfolgen. In diesem Zusammenhang sollten die Reha-Leistungen grundsätzlich hinsichtlich ihrer Kosten-Nutzen-Relationen hinterfragt werden. Außerdem sollte eine Entscheidung erfolgen, ob der erhaltene Nutzen, den der Einzelne erhält, solidarisch oder privat zu finanzieren ist. Grundvoraussetzung zur Evaluation von Kosten-Nutzen-Relationen bildet aber die Erhöhung der Transparenz über die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Angebote. Bislang hinkt der Reha-Bereich diesbezüglich mit großem Abstand hinter dem Krankenhausbereich her, weshalb besonderer Handlungsbedarf besteht. Die Einführung von Fallpauschalen für Reha-Leistungen, wie sie bereits im Krankenhausbereich bestehen, könnte dies unterstützen.

Um Effizienzreserven heben zu können, erscheint außerdem eine stärkere Verzahnung der Bereiche Akut und Reha sowie Pflege und Reha wichtig. Sektorübergreifende Komplexpauschalen sowie eine Verbesserung der Anreize für Krankenkassen, Reha vor Pflege tatsächlich anzubieten, dürften dies unterstützen.



Herr Joachim Schmidt
Tel.: 0201 / 81 49-292

Rheinisch-Westfälisches
Institut für Wirtschaftsforschung e.V.
Hohenzollernstraße 1-3
45128 Essen
http://www.rwi-essen.de/

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