13.10.2015 - dvb-aktuell

Glosse Friedel Rohde: Schlipse verhindern Digitalisierung

Gedanken zu einem unterschätzten Zusammenhang

Zugegeben, ich mag keine Schlipse. In meinen zwanziger Jahren arbeitete ich bei einem Industrieversicherer und stellte schnell fest, dass viele Menschen hinter den Schlipsen, sowohl auf Kunden- als auch auf Kollegenseite, den Schlips nicht verdient haben. Oft trat ich Menschen gegenüber, die sich mit ihrem Schlips, so sagt es der Berliner, wichtig und seriös machten. Hinter dem Schlips aber versteckten sie ihre wahre Gesinnung. Eine Lieblingsbeschäftigung war, am Stuhl der Kollegen zu sägen, auf den sie sich gern setzen wollten. Brauche ich nicht.

Andererseits, dies soll hier nicht unerwähnt bleiben, kenne ich eine Reihe von Leuten, die ich mir ohne Schlips nicht vorstellen kann – Menschen, die ich achte und denen ich viel Respekt entgegenbringe.

Also beschloss ich seinerzeit, der Branche für einige Zeit den Rücken zu kehren und mir morgens nicht mehr die Finger zu verknoten. Das Ergebnis war ein unglaublicher Schub an freien Gedanken, Kreativität und das Kennenlernen von Offenheit. Heute trage ich nur noch einen Schlips, wenn das Tageshonorar stimmt - frei nach dem Motto: „Sage nie, du bist nicht korrupt, so lange du deinen Preis nicht kennst“ - oder wenn ich dann doch einmal in ein Meeting mit Würdenträgern muss, bei denen ein fehlender Schlipps völlig daneben wäre. Auch bei Messen möchte ich ungern ganz allein herum stehen. Im Regelfall stört es mich aber nicht, wenn Michael Heinz, Präsident vom Berufsverband BVK, mir wieder einmal launisch in voller Runde zuruft: „Friedel, hast du schon wieder deinen Schlips vergessen?“.

Heutzutage sind bei den Startup-Unternehmen Schlipse ein No-Go. Auch hat es sicherlich einen Grund, wenn ein Unternehmen wie Bosch die Schlipspflicht aufhob. Sie wollen vermutlich eine Start-Up-Atmosphäre schaffen, um alte verkrustete Strukturen aufzuweichen. Coolness ist angesagt, locker bleiben. So entstehen Kreativität und ein Querdenken, das heute benötigt wird, um die Wende zur Digitalisierung zu schaffen.

„Digitalisierung findet wesentlich im Kopf statt“, sagt Prof. Dr. Eckard Minx, Zukunftsforscher und Organisationsberater aus Berlin. Dazu benötigt man Menschen, die kreativ und bereit sind, neu zu denken und andere Wege als bislang zu gehen. Grundlegende Änderungen in der Organisation kann man laut Minx nicht delegieren, man muss sie vorleben. Dieses geht in der Organisation nur von innen heraus, also mit Menschen, die das Unternehmen wie kein anderer kennen und die frei von üblichen Formalien denken wollen und dürfen. Fachliche Unterstützung kann man sich dazu holen, auch von außen, aber realisieren muss man die Veränderung in der Organisation und mit den Menschen dieser Organisation. Viele Mitarbeiter in den Unternehmen würden sich mit Sicherheit gern die Krawatten vom Hals reißen und sich am Aufbruch beteiligen. In meinen Zwanzigern durfte ich beim Industrieversicherer nicht frei denken, ich störte.

Bei unseren Meetings im Arbeitskreis Beratungsprozesse kommen neue Kollegen im Regelfall nur beim ersten Mal mit einem Schlips - na ja, fast alle. Erstaunt schauen die neuen Kollegen zu, wie die schlipslosen Kollegen in unglaublich guter Stimmung kreativ, hochmotiviert und mit viel Spaß an neuen innovativen versicherer- und verbraucherfreundlichen Wegen zum Beratungsprozess arbeiten. Ich behaupte: Mit Schlips hätten wir nie geschafft, was wir auf die Beine gestellt haben.

Mitarbeiter aller Versicherungsunternehmen, befreit Euch daher von Euren Schlipsen - es ist gut für Eure Unternehmen! Auf die Branche kommen in den nächsten Jahren Herausforderungen zu, von denen Viele heute noch nicht einmal träumen. Dazu brauchen wir nicht nur offene denkende Menschen, sondern auch offene Hemden. Traut Euch!

Friedel Rohde

Kommentare

Bernd Damerau - am 13.10.2015

Tatsächlich haben äußere Erscheinungen Einfluss auf innere Denkprozesse. Umgekehrt gilt das ja auch. Gut, dass die alten Strukturen anscheinend gerade jetzt aufbrechen und sich nicht mehr behaupten können. Die neue Generation kann uns schon heute zeigen, wie es anders und ganz sicher besser geht. Der Schlips gehört in Zukunft nicht mehr dazu. Hierarchien funktionieren auch ohne die alten äußeren Attribute. Kommunikation wird ohne diese Barrieren verbessert. Danke Friedel Rohde für die Mut machenden Worte.

Christian Sokoll - am 13.10.2015

Endlich wird hier mal etwas thematisiert was mich die vergangenen 20 Jahre begleitet und geärgert hat. Nämlich, dass diejenigen, die das Alte bewahren und dem Neuen nur schwer zugänglich sind, sich dann auch noch selbst wortwörtlich die Schlinge um den Hals legen. Wozu das führt, kann sich jeder selbst ausmalen.

Man kann der Branche nur wünschen, dass sie sich von dem Schlips und sonstigem Mief befreit und endlich zukunftsorientiert aufspielt. Versicherungen können Spass machen und "sexy" sein, kommt nur drauf an was man daraus macht, liebe Schlipsträger...

Dr. Andre Kempf - am 13.10.2015

... doch Schleife...? auch Fliege genannt...

Gilt da das selbe?

Unterschätzt wird, lieber Friedel, auch die gesundheitliche Gefahr von Schlipsen:

1. durch die möglicherweise verengte Luftzufuhr schlechte Sauerstoffversorgung des Gehirns... gerade auch und insbesondere beim Denken wichtig.

2. Der "Trick" mit dem Aktenschredderer klappt auch nur mit Schlips.. und wurde in (wohl) jedem Büro schon gemacht...


Ich gehe heute ohne Schlips und mit Bart (...) zu einer Veranstaltung zur Digitalisierung...

Henning Plagemann - am 13.10.2015

Lieber Friedel,

wenn ich dich auf dem Versicherungsmarkt mit Schlips und Kragen sehe, dann wirkst du weniger als der Friedel und mehr als Herr Rohde auf mich. Nach Lektüre deiner Glosse weiß ich jetzt auch, dass du an diesen Tagen mehr Geld verdienst und lasse mich zukünftig ins Lorenz Adlon statt in die Markthalle einladen. Aber dein Hinweis auf den Schlipsverzicht darf aus meiner Sicht nicht unwidersprochen bleiben, auch und gerade weil die Digitalisierung im Kopf geschieht.

Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt gelten Uniformen als Autoritätskleidung. Eine andere Bekleidung, die nicht weniger wirkungsvoll wirkt, ist in unserer Kultur ein klassischer Hinweis darauf, dass ihr Träger eine Autoritätsperson ist: der gut geschnittene "feine" Anzug. Auch er kann bei völlig Fremden eine bezeichnende Form von "Folgsamkeit" hervorrufen, ganz ähnlich zu einer Uniform. In einer Studie ließen Forscher einen 31-jährigen Mann mehrfach gegen das Gesetz verstoßen, indem er bei Rot die Straße überquerte. In der Hälfte der Fälle trug er einen frisch gebügelten Anzug und Krawatte, in der anderen Hälfte ein Arbeitshemd und eine einfache Hose. Die Wissenschaftler hatten sich in einigem Abstand postiert und zählten, wie viele der an der Ampel wartenden Fußgänger es dem Mann gleichtaten und ihm bei Rot über die Fahrbahn folgten. Wie die Kinder von Hameln, die zuhauf dem Rattenfänger folgten, stürzten sich dreieinhalbmal so viele Leute in den Verkehr, wenn der Verkehrssünder Schlips und Kragen trug (Lefkowitz, Blake & Mouton, 1955).

Jetzt kannst du natürlich das Alter der zitierten Studie bemängeln, obwohl du zu jener Zeit gerade dein Freidenkertum beim Industrieversicherer ausgelebt hast, mal ganz grob geschätzt. Ich bin aber davon überzeugt, dass gerade die Generation Y allen Webservices und Responsive Webdesign zum Trotz auch im Jahre 2015 dem Autoritätseffekt unterliegen. Und bei aller Technikverliebtheit glaube ich nicht, dass Versicherungen dadurch zum begehrten Konsumprodukt werden - sie müssen nach wie vor aktiv verkauft werden. Von Menschen, die auf diesem Fachgebiet eben eine Autorität darstellen und in dieser Rolle auch mal Richtungen vorgeben und Anstöße geben.

Die aktuellen FinTecs als Digitalisierungs-Vorläufer bieten tolle Oberflächen, zeitgemäße PR-Konzepte und teilweise sehr trickreiche (und asoziale) Geschäftsmodelle. Aber eine vertrauenswürdige Qualität in der Beratung und eine wohlmeinende lenkende Empfehlung einer Versicherungsautorität habe ich bisher bei keinem Anbieter gefunden. Also sollten sich die (jungen) Leute ruhig darüber wundern, warum wir uns so einen Kulturstrick umbinden - die Hauptsache ist, der Signaleffekt kommt an und wirkt. Und bei Michael Heinz sowieso.

Ich freue mich drauf, demnächst wieder viele Schlipsträger in Dortmund zu begrüßen!

Argubi, Norman - am 14.10.2015

Ist doch schon komisch, dass man immer noch über Äußerlichkeiten diskutiert. Die einen meine, dass sie das ja gar nicht brauchen und auch so tätig sein könnten. Die anderen legen besonderen WErt darauf, weil sie meinen, dass sie zumindest bei Neukunden oder bei Geschäftskunden oder ähnlichem entsprechend auftreten ohne negativ aufzufallen.

Wo ist die menschliche und persönliche Särke all dieser Personen. Wer Anzug und Krawatte nicht mag, der wird sich auch in einem solchen nicht gut präsentieren. Mich stören eher all diejenigen, die sich zwanghaft in einen Anzug stecken lassen, ohne diesen wirklich tragen zu können. Das Hemd und der Anzug sitzen zumeist schlecht - da hilft die beste Krawatte auch nicht mehr.

Sagen wir es einfach so. Es wird niemand ein Experte, wenn er sich gut anzieht. Aber es gibt in der Tat nur weniger echte Experten, die sich schlecht anziehen. Von Warren Buffet mal abgesehen.

Meine Meinung heipt da, wenn schon denn schon. Also Casual oder Anzug, mal mit und mal ohne Krawatte. Aber bitte perfekter Sitz. Wer das nicht tut oder meint nicht tun zu können, der soll bitte gleich in Jeans kommen.

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