BiPRO-Hub als schöpferische Zerstörung?

„Grundsätzlich ist der BiPRO-Hub ein interessanter Gedanke.“

Michael Trosien
BiPRO-Berater

Henning Plagemann: Michael Trosien ist mein erster Gesprächspartner. Als Berater für BiPRO und OMDS (das BiPRO des österreichischen Marktes) mit jahrelanger Praxis, aktives BiPRO-Mitglied und von Beginn an im Verein engagiert, sollte er der richtige Empfänger der Frage sein:
Was ist der BiPRO-Hub?

Michael Trosien: Um ehrlich zu sein: Ich höre heute zum zweiten Mal davon. Es gab im Januar eine Einladung zu einem Mitgliedertermin, der jedoch ersatzlos gestrichen wurde. Ich bin somit ohne offizielle Information und kann nur auf Hörensagen aus dem Markt zurückgreifen.

HP: Das ist jetzt ernüchternd. Dann will ich meinen Informationsstand kurz zusammenfassen: Der BiPRO-Hub wurde vor Jahren beschlossen und soll als Etablierung eines zentralen Dienstleistungsangebots sämtliche BiPRO-Services der Versicherer zusammenführen. Für den Makler und andere Consumer gibt es dann praktisch nur noch einen einzigen Anlaufpunkt, um Dokumente und Geschäftsvorfälle abzurufen. Also vereinfacht gesagt: Vergleichbar mit dem DATEV-System der Steuerberater.

MT: Das ist ein Bild, das mich ehrlich gesagt irritiert. Ich habe den ursprünglichen Grundansatz des BiPRO e.V. anders verstanden: "…gestaltet, fördert und optimiert als neutrale Organisation". Jetzt ist aber die Rede von eigenen technischen Systemen, die der Hub als Services für die Makler bereitstellen soll. Das ist eine komplett neue Situation. Aber ich muss auch klar sagen: Der Gedanke einer zentralen Stelle zur Komplexitätsreduktion ist grundsätzlich interessant, aber aus technischer Sicht fehlt mir die Fantasie der vollumfänglichen Umsetzung.

HP: Einspruch zum Thema "Neutralität"! Das gehört zur Satzung des Vereins, der Betrieb des BiPRO-Hubs soll hingegen über die BiPRO Service GmbH erfolgen, die dann als zentrale Clearingstelle auftritt. Und der Bedarf ist unbestritten, die Makler haben seit Jahren massive Herausforderungen, die Services der Versicherer in die eigenen Systeme zu integrieren. Das geht bei ganz einfachen Fragestellungen los und endet beim berühmt berüchtigten Zuordnungsproblem von BiPRO-Vorgängen zu GDV-Verträgen. Wenn das funktioniert, wenn die Branche sich hier einig werden würde, dann wäre das für mich die Nachricht des Jahres und wirklich frohe Kunde für alle Makler.

MT: Auch ohne konkrete Details zur geplanten Fachlichkeit oder Technik stellt sich mir die Frage, ob diese Sicht von allen Marktteilnehmern geteilt wird. Einige BiPRO-Mitglieder haben massiv in eigene Infrastruktur und BiPRO-Dienstleistungsangebote investiert, das war sozusagen deren Motiviation für die langjährige Mitarbeit in den BiPRO-Gremien, was einiges an Zeit und Geld gekostet hat. Diese Kollegen dürften jetzt kaum beklatschen, dass sich deren früheres Engagement möglicherweise jetzt gegen das eigene Geschäftsmodell richtet.

HP: Ich habe mit einigen Versicherern gesprochen, von deren Seite vier Unternehmen meines Wissens einen siebenstelligen Betrag als Startfinanzierung eingerichtet haben. Deren Motivation für den BiPRO-Hub halte ich für absolut nachvollziehbar: Keine technische Orchestrierung verschiederer BiPRO-Versionen mehr, sondern ausschließliche Fokussierung auf die Erbringung fachlicher Services, sprich die Lieferung guter und vollständiger Daten für die Vertriebspartner. Die Details der Datenlieferung klärt dann der BiPRO-Hub und, ganz wichtig: Die Makler müssen sich um diese technische Zulieferung und Verarbeitung nicht mehr kümmern.

MT: Aus technischer Sicht kann ich diesen fachlich-vertrieblichen Blick auf die Anbindungs-Realität nicht teilen. Seit vielen Jahren binde ich beide Seiten der Service-Strecke an, also sowohl Versicherer als auch Consumer. Mir erschließt sich spontan nicht, wie durch einen zentralen Ansatz die normalen Probleme einer Consumer-Anbindung geheilt werden sollen. Insbesondere nicht unter dem Aspekt, dass selbst die Versionierung abgefangen werden soll. Im direkten 1-zu-1 zwischen Versicherer und Consumer gibt es heute schon unzählige Fragestellungen. Ob man diese im m-zu-n Verhältnis besser kontrolliert bekommt, bleibt abzuwarten. Es ist aber noch vieles im Bereich der Spekulation, man muss die offziellen Verlautbarungen des Vereins abwarten.

HP: Meiner Kenntnis nach gibt es schon sehr konkrete Aktivitäten für die Umsetzung, aber darüber werden wir am BiPRO-Tag sicherlich informiert werden. Und es wäre in der Tat interessant zu erfahren, wie Vergleicher, MVP-Hersteller, Pools und andere Intermediäre zu diesem Ansatz stehen. Und vor allem: Wie weit geht der Ansatz der Zentralisierung? Sind weitere Funktionen wie z.B. ein MVP-System oder Vergleicherfunktionen denkbar? Ich denke dabei an die Together-Lösung im österreichischen Markt, die über 50% der Makler mit ihren Services bedient.

MT: Ja, der Together-Ansatz ist ein Erfolgsmodell in Österreich. Der Markt dort ist aber auch sehr anders, wie ich aus eigenen OMDS-Umsetzungen sagen kann. Zurück zum deutschen Markt: Unser aller Ziel ist nach wie vor die Verbesserung der technischen Maklerprozesse. Diesen Antritt verfolgen wir in der großen BiPRO-Community und vielleicht müssen wir akzeptieren, dass Marktinnovationen mit einer schöpferischen Zerstörung einhergehen.

 

Im zweiten Teil sprechen wir mit weiteren Marktteilnehmern. Als Empfänger unseres Newsletters bleiben Sie stets informiert.

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