Brüß kommentiert: Die 20. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,

willkommen zum Rückblick auf eine Woche, in der ein TV-Star schmerzhaft lernen musste, dass nicht alles, was glitzert, auch versichert ist, während zwei Maklerverbünde zeigen, wie man gemeinsam stärker wird. Pflege, Rente, Roboter und Rückenschmerzen: Die 20. Kalenderwoche hat einiges abgeliefert.

Lebenswerk in Schmuck, Urteil aus Düsseldorf

Verona Pooth hat ihren Versicherungsmakler verklagt und vor dem Landgericht Düsseldorf verloren. Es ging um rund 675.000 Euro Differenzschaden nach einem Einbruch in der Meerbuscher Villa an Heiligabend 2021. Die Versicherung hatte 975.000 Euro gezahlt, der tatsächliche Wert habe aber über 1,3 Millionen Euro gelegen. Schuld sei der Makler gewesen, der eine unvollständige Liste geführt habe.

Die Richter sahen das anders. Der Makler habe „alle von Frau Pooth angegebenen Wertgegenstände ordnungsgemäß in eine Excel-Tabelle eingeführt", zitiert die Bild eine Gerichtssprecherin. Hinzugekommene Stücke seien nie schriftlich gemeldet worden.

Zwei Lehren. Erstens: Dokumentation ist kein bürokratischer Selbstzweck, sondern Lebensversicherung für den Makler. Zweitens: Wer Schmuck als Anlageklasse betrachtet, sollte einmal im Jahr mit dem Makler die Werteliste durchgehen. Saubere Beratung schützt. Auch vor prominenten Klägern.

Riester ade, Altersvorsorgedepot olé

Der Bundesrat hat es am 8. Mai final abgenickt: Ab dem 1. Januar 2027 heißt es Altersvorsorgedepot. Standardprodukt mit Kostendeckel von 1,0 Prozent und maximal zwei Fonds, Nicht-Standardprodukt mit mehr Spielraum, dazu erstmals ein staatliches Angebot. Selbstständige sind drin, Riester-Verträge können umgesiedelt werden, Garantien sind optional.

Die Verbände sind uneins. Der GDV mahnt faire Wettbewerbsbedingungen an, der AfW gibt sich vorsichtig optimistisch. Und Michael H. Heinz vom BVK formuliert wie gewohnt klar: Mit dem Beschluss entstehe eine „Rollenhybris des Staates, indem die öffentliche Hand gleichzeitig Regulierer, Kontrolleur und Produktanbieter" werde. Wer Schiedsrichter, Schiri-Assistent und Mannschaftskapitän in Personalunion sein will, sollte sich nicht wundern, wenn die anderen Teams misstrauisch werden.

Spannender ist, was die Produktgeber liefern. Allianz Leben, Württembergische und Alte Leipziger haben für Januar 2027 Produkte angekündigt. DWS und BlackRock schärfen die Klingen für das Segment ohne Versicherungsmantel. Wer als Makler glaubt, das Thema werde am 1. Januar 2027 vom Himmel fallen: Es wird nicht. Bestand sichten, Riester-Vergleich vorbereiten, und wer noch keine 34f-Zulassung hat, sollte sich fragen, ob er sie nicht doch braucht.

Pflege: Die zweite Großbaustelle

Während die Krankenkassen noch über die GKV-Sparpläne fluchen, legt Nina Warken bei der Pflege nach. 7,5 Milliarden Euro fehlen 2027, bis 2033 könnten es über 15 Milliarden werden. Bis 2034 fehlen laut Pflegerat rund 500.000 Pflegekräfte. Der Eigenanteil im Pflegeheim liegt im ersten Jahr bei rund 3.245 Euro pro Monat.

Die Stiftung Warentest hat parallel die private Pflegezusatzversicherung unter die Lupe genommen, mit gemischtem Befund. Ein Leser zahlte 2013 noch 77 Euro, 2026 sind es 218. Plus 280 Prozent. Wer das nicht durchhält, kündigt und verliert das Eingezahlte.

Für die Beratung heißt das: Pflege gehört aufs Beratungsprotokoll, nicht erst, wenn der Kunde 75 ist. Bei Pflegezusatzprodukten ist die Frage nach der dauerhaften Tragbarkeit der Beiträge genauso wichtig wie das Leistungsversprechen. Und vor Gericht hat man bei Beitragserhöhungen selten gute Karten, der BGH hat die Hürden hochgelegt.

Charta und Germanbroker.net: Zwei werden eins

Eine echte strategische Nachricht: Charta und Germanbroker.net wollen fusionieren. Aus zwei mittelgroßen, maklereigenen Verbünden entsteht eine Organisation mit rund 1.080 Maklern und Platz zwei in der Cash-Hitliste, allerdings mit deutlichem Respektabstand zu Vema mit ihren rund 4.760 Maklern.

Wir befinden uns in einem intensiven Technologiewettbewerb", sagt Germanbroker.net-Vorstand Hartmut Goebel. Das ist die Realität. Wer eigene Plattformlogik halten will, braucht entweder einen großen Investor oder einen starken Partner. Während andere Pools von Private Equity finanziert oder geschluckt werden (Blau direkt, Maxpool, Netfonds), positioniert sich der neue Verbund als Gegenmodell. Ob das Modell trägt, entscheidet der Markt. Aber dass es das Modell gibt, ist gut. Vielfalt im Pool- und Verbundmarkt ist Vielfalt in der Beratung.

Provinzial: Die demografische Wahrheit

Die Provinzial hat in einem bemerkenswert offenen Statement erklärt: „Rund die Hälfte unserer Mitarbeiter wird in den nächsten zehn Jahren altersbedingt aus dem Unternehmen ausscheiden. Eine vollständige Nachbesetzung ist realistisch kaum möglich."

Das ist der Satz der Woche. Während andere Stellenabbau verkünden (Ergo: 1.000 Stellen), beschreibt die Provinzial eine andere Realität: Nicht KI ersetzt Menschen, die Demografie tut es. Das Konzept der Citizen Developer ist dabei vernünftiger Pragmatismus. Fachmitarbeiter, die mit Low-Code-Plattformen kleine Automatisierungen umsetzen, kennen die Prozesse am besten und brauchen keine IT-Abteilung, die monatelang Pflichtenhefte schreibt.

Für Makler gilt derselbe Befund. Auch in unserer Vermittlerschaft scheiden Tausende altersbedingt aus. Wer die Nachfolge nicht aktiv plant, riskiert, dass aus dem Lebenswerk am Ende ein Datensatz im Bestandskaufmarkt wird. Genau dafür gibt es spezialisierte Anbieter wie PolicenTransfer. Aber das wussten Sie ja schon.

Wohngebäude: Wo der Schmerz sitzt

Der Branchenmonitor Wohngebäude zeigt: Im Schnitt der Jahre 2019 bis 2024 haben 30 der 50 größten Anbieter mehr ausgegeben, als sie einnahmen. Bei den ganz Großen sind nur zwei profitabel: Bayerische Landesbrand mit 79 Prozent Combined Ratio und SV mit 87,1 Prozent. R+V führt die Verlusttabelle an, Axa, Ergo, Allianz, LVM und Provinzial liegen deutlich über 100.

Beiträge steigen, Bedingungen werden enger ausgelegt, Sanierungen sind die Norm. Wer als Makler glaubt, Wohngebäude sei ein nebenbei zu verwaltendes Produkt, wird in den nächsten zwei Jahren eines Besseren belehrt. Bedingungsabgleich, Werteanpassung und Elementarschadenfrage gehören in jedes Jahresgespräch. Punkt.

Gesundheitssystem: Vertrauen auf Tiefstand

Zum Abschluss eine Zahl, die ich nicht kommentarlos stehen lassen will. Laut Allensbach halten nur noch 62 Prozent der Deutschen die Gesundheitsversorgung für gut oder sehr gut. Über zehn Jahre lagen die Werte über 80 Prozent. 59 Prozent erwarten, dass es in den nächsten zehn Jahren schlechter wird. DAK-Chef Storm bringt es auf den Punkt: „Das deutsche Gesundheitssystem ist krank."

Die Politik antwortet mit dem Primärarztsystem: erst zum Hausarzt, dann zum Spezialisten. Inhaltlich vernünftig, andere Länder machen es seit Jahrzehnten. Praktisch ist die Hürde gewaltig: Schon heute suchen Patienten händeringend Hausärzte. Nach einem Wohnortwechsel kann ich davon persönlich ein Lied singen. Ein Steuerungssystem funktioniert nur, wenn die Steuernden auch da sind.

Für die PKV-Beratung ist die Lage paradox günstig. Wer in der GKV bleibt, sieht Bemessungsgrenzen, Beiträge steigen und Wartezeiten wachsen. Krankenzusatzversicherungen werden ein Wachstumsmarkt. Aber bitte mit ehrlicher Beratung, nicht mit Versprechen, die der Markt am Ende nicht halten kann.

Schönes Wochenende

Diese Woche zeigt, was unsere Branche gerade ausmacht: Reformen schaffen Chancen und Risiken gleichzeitig, die Demografie ist die stille Großmacht hinter fast jeder Schlagzeile, und am Ende entscheidet die Beratungsqualität, ob Kunden gut versorgt sind oder im Regen stehen.

In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende. Und wenn Sie in den nächsten Tagen ein Beratungsgespräch führen: Fragen Sie einmal nach der Schmuckliste. Man weiß ja nie.

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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