Meine Damen und Herren,
willkommen zur Wochenschau aus der Welt der Versicherungen. Die 26. Kalenderwoche hatte von der großen Rentenreform bis zur sehr persönlichen Verkaufsentscheidung einiges im Gepäck. Schnallen wir uns an.
Rentenkommission: 33 Empfehlungen und eine alte Wahrheit
Das beherrschende Thema kommt aus Berlin. Renteneintritt an die Lebenserwartung gekoppelt, die Rente mit 63 soll fallen, eine verpflichtende kapitalgedeckte Zusatzrente nach schwedischem Vorbild, höhere Beiträge und langfristig die Erwerbstätigenversicherung, in die auch Selbständige, Abgeordnete und Vorstände einzahlen sollen. Ob das Paket so kommt oder am Ende wie immer ein politischer Kompromiss übrig bleibt, werden die nächsten Monate zeigen.
Sie kennen meine Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, eine solche Reform politisch zu bewerten. Was zählt, ist die nüchterne Botschaft. Wenn der Staat selbst empfiehlt, länger zu arbeiten, mehr einzuzahlen und einen Teil der Vorsorge an den Kapitalmarkt zu verlagern, dann sagt er: Die gesetzliche Rente liefert die Basis, den Rest müsst ihr selbst organisieren. Und genau da sitzen wir. Diese Phase vor dem eigentlichen Gesetz ist die beste Zeit für das Gespräch.
PKV-Rating der Ratings: Wo Tagesgeschäft Pflicht ist
Metzler Ratings hat die zweite Auflage seines Meta-Ratings für die private Krankenversicherung veröffentlicht. Von 25 Anbietern erreicht nur die Allianz mit 1,43 ein sehr gut, dahinter folgen Inter und Barmenia.
Solche Rankings sind für den Makler kein Feuerwerk, sondern Handwerk. Und anders als im Sachgeschäft ist die PKV eine Entscheidung auf Dauer, wer einmal drin ist, kommt jenseits der 55 praktisch nicht mehr heraus. Im Kompositbereich ist ein Wechsel deutlich leichter, oft im Interesse von Kunde und Makler zugleich. Wenn ein Sachvertrag nicht mehr passt, wird umgedeckt, mit Beratung und Haftungsminderung, und spezialisierte Anbieter wie PolicenTransfer machen den Schritt leicht.
Wie ernst die PKV-Entscheidung ist, zeigt die Beratungserfahrung eines Makler, die mich zum Schmunzeln und zum Nachdenken bringt. Er berichtet von Gutverdienern, die vor zwanzig Jahren bewusst in die PKV gegangen sind und heute fragen, wie sie wieder herauskommen, notfalls durch Auswanderung. Hier verlassen Menschen nicht aus Fernweh das Land, sondern weil sie das Vertrauen verloren haben, dass das System sie im Alter trägt. Manchmal besteht Beratung eben nicht aus dem Abschluss, sondern darin, den Kunden an die Hand zu nehmen und den Frust über die Lage ein wenig zu mildern.
Maklerunternehmen verkauft: Glückwunsch und Stirnrunzeln zugleich
In dieser Woche habe ich an anderer Stelle einen prominenten Fall kommentiert. BDVM-Präsident Thomas Billerbeck hat das Familienunternehmen an den Konsolidierer GGW verkauft. Mein erster Gedanke war: Glückwunsch, garantiert ein guter Deal. Mein zweiter: Das wird Rückfragen geben. Beides darf nebeneinanderstehen.
Darf der amtierende Präsident an genau jenen Konsolidierertyp verkaufen, gegen dessen Modell der Verband als Bollwerk galt? Ja, er darf, denn er ist Kaufmann und trägt Verantwortung für das Lebenswerk der Familie. Und doch bleibt die unbequeme Frage: Mit jedem Verkauf eines inhabergeführten Hauses verschiebt sich der Schwerpunkt der Branche ein Stück weiter. Aus Maklerschaft wird Maklerindustrie. Das ist keine Schelte, das ist eine betriebswirtschaftliche Beobachtung. Was diese Branche braucht, ist nicht Häme, sondern eine nüchterne Debatte darüber, was wir bewahren wollen.
Altersvorsorgedepot 2027: Schaffen die das überhaupt?
Ab Januar 2027 soll das Altersvorsorgedepot Wirklichkeit werden, erstmals lassen sich staatliche Zulagen direkt mit einem Wertpapierdepot kombinieren. Und doch kommt hier ein ABER von mir. Es bleibt spannend abzuwarten, ob die staatlichen Stellen es in der knappen Zeit überhaupt schaffen, die nötige technische Infrastruktur bereitzustellen.
Unabhängig davon gilt für uns dasselbe wie immer: den Wettbewerb mit Neobrokern und Direktbanken annehmen und vor allem eines erkennen. Der Beratungsaufwand wird nicht weniger, im Gegenteil. Und Einordnung bleibt menschlich. Dazu passt ein Satz aus einem AssCompact-Artikel von ERGO-Vertriebsvorstand Christian Gründl, der mir diese Woche gut gefallen hat: Vertrieb bleibt ein Zukunftsberuf.
Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Die Politik rechnet optimistisch, die Systeme sind überlastet, der Markt konsolidiert, und über allem schwebt die Frage, wer dem einzelnen Menschen erklärt, was das alles für ihn bedeutet. Was bleibt, ist keine Katastrophe, sondern ein Auftrag. Wer zuhört, rechnet und einordnet, wird gebraucht. Heute mehr denn je.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende, für sommerliches Wetter scheint ja gesorgt zu sein.
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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