Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick der Branche. Die 35. Kalenderwoche hatte von der großen Ordnungspolitik bis zur ganz kleinen Zustellfrage einiges im Gepäck. Schnallen wir uns an.
Linnemann räumt auf: Von 93 auf 20 Krankenkassen
Der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann hat sein Ziel bekräftigt: Die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen soll von 93 auf maximal 20 sinken. Eine Kommission legt Ende des Jahres ihren Bericht vor. Dazu will er die Patientensteuerung ändern, mit einer Ersteinschätzung durch Hausarzt oder Telefonkontakt und mit integrierten Notfallzentren. Und er will die geplanten Kürzungen bei den Rentenansprüchen pflegender Angehöriger stoppen.
Sie kennen meine Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, eine solche Reform politisch zu bewerten. Nüchtern festzuhalten bleibt zweierlei. Erstens ist die Zahl der Kassen für sich genommen kein Kostenproblem, die großen Ausgabenblöcke liegen anderswo. Zweitens, und das finde ich bemerkenswerter, formuliert hier ein Ökonom das, was in der Branche seit Jahren gesagt wird: Wir haben eines der teuersten Systeme der Welt und es arbeitet nicht effizient. Wer das aus dem Ministerium hört, muss es dem Kunden nicht mehr mühsam erklären.
Die Kassenrangliste: Wo die Konsolidierung längst läuft
Wie weit dieser Prozess ohne jede Reform vorangeschritten ist, zeigt eine aktuelle Auswertung. Zum 1. Juli hatten 18 Kassen mindestens eine Million Versicherte. Die Techniker führt mit knapp 12,45 Millionen und hat ihren Vorsprung auf die Barmer auf rund 4,27 Millionen ausgebaut, Anfang 2021 waren es noch weniger als zwei Millionen. Prozentual wuchs die BKK Firmus am kräftigsten, die Knappschaft verlor am deutlichsten.
Von rund 1.800 Kassen im Jahr 1970 auf heute unter 100: Die Konsolidierung braucht keinen Minister, sie läuft von alleine. Und sie läuft nach demselben Muster wie in unserem Maklermarkt. Die Großen werden größer, die Kleinen suchen Anschluss, und irgendwann fragt niemand mehr, was dabei an Vielfalt verloren geht.
Helmsauer: Familienname statt Finanzinvestor
Womit wir beim Thema wären, das mich diese Woche am meisten beschäftigt hat. Steffen Helmsauer hat im Insurance Monday Podcast erklärt, warum er mit seinem Bruder ein neues, familiengeführtes Maklerunternehmen aufbaut. Seine Diagnose zur Konsolidierung ist unbequem und richtig: Wer 178 GmbHs kauft und sich dann groß nennt, hat noch nichts integriert. Mehrwert entsteht erst durch gemeinsame Prozesse, eine einheitliche Marke und eine gemeinsame technische Verwaltung. Die Ursache der Konsolidierung sieht er bei den Versicherern selbst, deren Betreuungskapazitäten so weit zurückgefahren wurden, dass wenige Ansprechpartner einem Markt von 150.000 Vermittlern gegenüberstehen.
Der beste Satz des Gesprächs betrifft aber die Praxis: Die größte Herausforderung bei der Integration sind Emotionen. Nicht die Schnittstelle, nicht das Bestandsdatenformat, sondern das Logo, an dem ein Unternehmer dreißig Jahre gehangen hat. Das deckt sich mit allem, was ich in meiner eigenen Vorstandszeit und heute erlebe. Und es gilt genauso für den Bestandsverkauf: Wer sein Lebenswerk übergibt, übergibt keine Datei. Damit dieser Übergang sauber gelingt, braucht es Ordnung in den Daten und einen Partner, der den Prozess kennt. Sie ahnen es bereits: Dabei hilft PolicenTransfer.
Sein zweiter Punkt sitzt ebenfalls: Der Vollsortimenter hat es schwer, die Zukunft gehört der klar definierten Zielgruppe. Heilwesen, Gewerbe, Industrie, dazu ein eigener Assekuradeur. Wer eine Zielgruppe wirklich kennt, verhandelt mit dem Versicherer auf Augenhöhe. Größe allein reicht dafür nicht.
Einwurf-Einschreiben: Ein Beweismittel weniger
Und dann eine kleine Meldung mit großer Wirkung. Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass das Einwurf-Einschreiben der Deutschen Post keinen Beweis für den Zugang eines Schreibens mehr liefert. Grund ist das digitalisierte Verfahren: Der Zusteller scannt und bestätigt die Zustellung auf seinem Gerät, bevor der Brief im Briefkasten liegt. Gegenüber einem normalen Brief besteht damit kein Sicherheitsgewinn mehr. Im entschiedenen Fall scheiterte eine Kündigung genau daran.
Hier kommt ein ABER von mir, und zwar ein sehr praktisches. Wir alle verschicken fristgebundene Post: Kündigungen, Widerrufe, Mahnungen, Beratungsdokumentationen, Anzeigen im Schadenfall. Wer bisher glaubte, mit dem Einschreiben auf der sicheren Seite zu sein, sollte seine Bürokosten neu sortieren. Persönliche Übergabe mit Zeugen, Bote mit Protokoll, sichere elektronische Wege, all das gewinnt an Bedeutung. Und ein Hinweis an den Kunden, der selbst kündigen will, kostet nichts und kann viel wert sein.
PKV: Die Kunden sind zufrieden, mit den Beiträgen jedoch nicht
Focus Money und Servicevalue haben rund 3.200 Kundenurteile zu 30 privaten Krankenversicherern ausgewertet. Drei von vier Befragten bewerten die Gesamtleistung ihres Anbieters mit ausgezeichnet oder sehr gut, vorn liegen HUK-Coburg, ARAG und LVM. Die Zahl der Vollversicherten stieg 2025 zum dritten Mal in Folge auf 8,79 Millionen. Gleichzeitig mussten Versicherte zum Jahresbeginn im Schnitt rund 13 Prozent Beitragserhöhung verkraften.
Diese beiden Befunde muss man zusammen lesen. Die Zufriedenheit mit Leistung und Service ist hoch, das Preisthema bleibt der wunde Punkt. Genau deshalb ist die Anbieterauswahl in der Vollversicherung eine Entscheidung auf Jahrzehnte und genau deshalb ist die jährliche Einordnung der Beitragsanpassung eine Beratungsleistung und keine Lästigkeit. Wer den Kunden mit dem Brief allein lässt, verliert ihn irgendwann an denjenigen, der ihn erklärt.
BU für Akademiker: Neun Mal exzellent
Franke und Bornberg hat für das Handelsblatt 28 BU-Tarife für einen 30-jährigen Maschinenbauingenieur untersucht. Neun erreichten die Höchstnote, die volle Punktzahl gab es für Ergo und Nürnberger, dahinter folgen unter anderem Axa, Volkswohl Bund und Allianz. Die Tarifqualität ging mit 50 Prozent ein, Finanzstabilität mit 20, der Preis mit 30 Prozent.
Ein solides Ergebnis, das den Blick auf das Wesentliche lenkt: Neun exzellente Tarife bedeuten, dass die Auswahl nicht am Rating hängt, sondern am Beruf, an der Biografie und an den Bausteinen.
China-Autos: Wenn die Werkstatt fehlt, fehlt die Kalkulation
Zum Schluss ein Blick über die Grenze. Der niederländische Versicherer Univé nimmt für mehrere chinesische Marken kein Neugeschäft mehr an oder beschränkt den Schutz auf die Haftpflicht, darunter Hongqi, Leapmotor und Omoda. Der Grund sind fehlende Ersatzteile, dünner technischer Support und ein zu lockeres Reparaturnetz. BYD und MG sind nicht betroffen, sie haben ihr Servicenetz ausgebaut. Die HUK-Coburg plant hierzulande keine Ausschlüsse, beobachtet die Entwicklung aber ausdrücklich genau.
Das ist Versicherungstechnik in Reinform: Was sich nicht kalkulieren lässt, lässt sich nicht zeichnen. Für die Beratung ergibt sich daraus eine Frage, die im Autohaus niemand stellt. Wer heute ein Fahrzeug einer jungen Marke kauft, sollte vor der Unterschrift wissen, wie es um Kaskoschutz, Ersatzteilversorgung und Standzeiten bestellt ist. Ein Rabatt beim Kauf nützt wenig, wenn das Auto nach einem Parkrempler vier Monate auf ein Blechteil wartet.
Mein Fazit der Woche
Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Die Kassenlandschaft konsolidiert mit und ohne Minister, der Maklermarkt tut dasselbe und entdeckt dabei gerade wieder den Wert des Familiennamens, ein Beweismittel ist über Nacht wertlos geworden und ein Versicherer zieht die Grenze dort, wo die Kalkulation aufhört. Was bleibt, ist keine Katastrophe, sondern ein Auftrag. Wer zuhört, rechnet und einordnet, wird gebraucht. Heute mehr denn je.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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