Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Die 38. Kalenderwoche hatte ihren Schwerpunkt in Hamburg und die Botschaft von dort war unbequem ehrlich.
Die Beiträge steigen, der Markt nicht
Beim siebten Hamburg Insurance Innovation Day zeichneten die Vorstände ein nüchternes Bild. Die Beitragseinnahmen wachsen, aber sie wachsen über den Preis. Neue Kunden und neue Risiken kommen kaum hinzu. Ergo-Chef Dr. Oliver Willmes nannte die Zahlen dazu: Leistungsausgaben in der PKV bei rund 150 Prozent des Niveaus von 2017, Ersatzteile und Werkstattlöhne als Treiber in der Kfz-Regulierung, dazu Alterung, Cyber und Unwetter.
Klaus-Jürgen Heitmann von der HUK-Coburg rechnet bis in die 2030er Jahre mit einem stagnierenden Fahrzeugbestand, sinkender Unfallhäufigkeit und 14,5 Millionen versicherten Fahrzeugen, von denen mehr als die Hälfte online abgeschlossen wird. Die Antwort der HUK heißt Werkstattkette, Fahrradversicherung, Telematik. Auf Deutsch: Wenn der Markt nicht mehr wächst, holt man sich die Beiträge beim Wettbewerber und sucht sich neue Erlösquellen daneben. Das ist Verdrängung und sie trifft auch uns. Wer in einem solchen Markt ohne klares Profil unterwegs ist, verliert Bestand an den, der eines hat.
Der Kunde fragt künftig zuerst die Maschine
Der zweite rote Faden in Hamburg war die KI, und zwar nicht als Zukunftsmusik. Die DEMV zeigte mit der KI-Version von Professional Works ein Verwaltungsprogramm, das sich per Chat steuern lässt: Verträge prüfen, Schäden anlegen, Abweichungen zwischen Antrag und Vertrag erkennen, Angebote vorbereiten. Verarbeitet wird erst nach Freigabe durch den Makler. Rund 110.000 Chats seit dem Start zeigen, dass die Kollegen das annehmen. Die ARAG wiederum lässt neue Vertriebspartner mit simulierten Kunden üben. Das ersetzt keinen Trainer, aber es verkürzt die Lernkurve erheblich.
Die interessanteste Erkenntnis kam aus der Podiumsdiskussion: Kunden beginnen ihre Recherche zunehmend in KI-Anwendungen. Damit wird die Frage, ob man dort überhaupt auffindbar ist, zur Vertriebsfrage. Wer keine strukturierten Inhalte, keine Bewertungen und keine Präsenz in Fachmedien hat, existiert im Antwortfenster der Maschine nicht. Und jetzt stellen Sie sich vor, ein großes Vergleichsportal integriert sein Angebot direkt in einen der gängigen Chatbots. Dann ist die alte Frage nach der Sichtbarkeit beantwortet, nur nicht zu unseren Gunsten.
Daraus folgen zwei Hausaufgaben: Datenqualität und Auffindbarkeit. Digitale Assistenten sind nur so gut wie der Bestand, auf den sie zugreifen. Ein gepflegter, sauber strukturierter Bestand ist deshalb heute Betriebsmittel und morgen Kaufpreis. Käufer zahlen für Ordnung, nie für Altlasten. Sie ahnen, wohin das führt: Dabei hilft PolicenTransfer. So, jetzt ist es wieder raus.
Kettnaker rechnet ab
Deutliche Worte kamen diese Woche von Frank Kettnaker, dem früheren Vertriebsvorstand der ALH Gruppe. Die Idee des Altersvorsorgedepots hält er für richtig, die Ausgestaltung für einen groben Fehler. Der Staat werde gleichzeitig Produktgeber, Wettbewerber und Kontrolleur, eine Rollenkombination, die sonst niemandem erlaubt wäre.
Sein schärfster Vorwurf trifft den GDV: Dass der Verband einem Beratungs- und Dokumentationsverzicht zugestimmt hat, enttäusche ihn zutiefst. Da hat er meine volle Zustimmung. Wir dokumentieren bei standardisierten Verträgen bis zu hundert Seiten, und daneben entsteht ein staatlich gefördertes Produkt nach dem Prinzip „one size fits all“. Kettnaker nennt das ein Einfallstor, und genau das ist es. Was einmal zugelassen wurde, taugt später immer als Argument für den nächsten Schritt.
Für uns bleibt der praktische Teil: Der Beratungsbedarf verschwindet nicht, nur weil die Pflicht entfällt. Die Kunden werden fragen, was mit dem alten Riester-Vertrag passiert und wie das Depot in ihre Vorsorge passt. Beraten werden wir also weiterhin, vergütet wird ein Teil davon nicht. Dauerhaft trägt das kein Betrieb.
PKV: Debeka, Allianz und DKV holen die Hälfte
Passend dazu die Zahlen aus dem Bilanzrating der privaten Krankenversicherer. Die Branche legte 2025 um 8,2 Prozent auf rund 54,9 Milliarden Euro zu, deutlich stärker als in den Vorjahren. Von den 4,5 Milliarden Euro Zuwachs entfielen allein auf Debeka, Allianz und DKV fast die Hälfte. Prozentual führt Ottonova mit über 41 Prozent, am unteren Ende stehen LKH mit nicht einmal einem halben Prozent und Signal Iduna mit unter zwei Prozent. Auch das ist Verdrängung, nur in Tabellenform.
Zwei Urteile für die Praxis
Erfreulich klar das OLG Köln zur Berufshaftpflicht eines Architekten. Ein gerichtlich festgestellter Planungsfehler beweist noch nicht, dass der Planer wusste, dass er pflichtwidrig handelt. Der Versicherer muss Pflichtbewusstsein und Pflichtverletzungsbewusstsein vollständig darlegen und beweisen. Haftung und Deckung sind zwei verschiedene Fragen. Andernfalls verlöre die Berufshaftpflicht ihren Wert genau dann, wenn sie gebraucht wird. Das Urteil gehört in jedes Gespräch über gewerbliche Haftpflichtdeckungen.
Weniger erfreulich, aber lehrreich die Beschwerdestatistik der Bafin zur Wohngebäudeversicherung. Im Fünfjahresschnitt 1,9 Beschwerden je 100.000 Risiken, Spitzenreiter ist Rhion mit 11,3. Von den zehn Großen liegen nur Axa und Provinzial über dem Markt. Die Aufsicht selbst weist darauf hin, dass daraus keine Aussage über die Berechtigung der Beschwerden folgt. Trotzdem: Wer Sparte für Sparte weiß, wie sich ein Haus im Schadenfall verhält, berät besser.
Und nebenbei fährt die Zukunft vor
Allianz Partners versichert künftig Waymos Robotaxi-Flotten in Europa, München ist bestätigt, Berlin im Gespräch. Interessant ist weniger der Vertrag als die Verschiebung dahinter: Vom Fahrer zum Hersteller, von der Fahrpraxis zur Softwarequalität, von der Schadenhäufigkeit zur Schadenhöhe. Denn ein Sensor, der nach der Reparatur neu kalibriert werden muss, macht auch kleine Blechschäden teuer. Diese Entwicklung wird man im Blick behalten müssen.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



Verfassen Sie den ersten Kommentar