BiPRO-Hub: Die Götter müssen verrückt sein

„Der BiPRO-Hub ist ein Déjà-vu Erlebnis.“

Michael Franke
Freier Berater

Henning Plagemann: In unserem zweiten Teil zum BiPRO-Hub haben wir über technische Möglichkeiten und Beschränkungen sowie den angestrebten fachlichen Nutzen gesprochen. Sehr deutlich wurde dabei, dass einige Vereinsmitglieder sich menschlich enttäuscht von der Entwicklung in unserem Verein zeigten. Denken wir aber an das "große Ganze", denn: Vereinspolitik ist völlig egal, entscheidend ist, was dem Makler hilft - auf diese direkte und prägnante Formel brachte es der Chef eines Maklerverbandes.

Michael Trosien: Und das führte uns zu einem weiteren Experten, der wie kaum ein Anderer sowohl die technische Sicht als auch die Marktsicht auf den BiPRO-Hub einnehmen kann. Er muss den Lesern dieser Serie nicht vorgestellt werden: Michael Franke. Aufgrund der Namensvetter ist nur die Klarstellung erforderlich, dass es sich um den ehemaligen IT-Vorstand eines Maklerverbundes und heute als freier Berater tätigen Kollegen aus Düsseldorf handelt. Michael, was sagst du zum BiPRO-Hub?

Es ist ein Déjà-vu-Erlebnis, denn Ähnliches hatten wir schon 2010 mit Prometheus vor, insofern halte ich das natürlich für ein prinzipiell sinnvolles Vorhaben. Das technologische Umfeld war damals wie heute heterogen und unabgestimmt, die Datenlandschaft zersplittert und die Standards unzureichend - was BiPRO einschließt. Wir hatten damals Versicherer, Makler und IT-Dienstleister um uns geschart, um im Konsortium Prozesse für die Daten- und Dokumentenversorgung des Maklers zu harmonisieren. Kernüberlegung war aber, den Anbindungsaufwand durch Schaffung einer Open-Source-Kernanwendung für die Bestandsführung beim Makler zu reduzieren.

HP: Ich erinnere mich daran, dass man damals hinter vorgehaltener Hand munkelte, du würdest damit die BiPRO-Idee unterlaufen. Das Projekt ist gescheitert, in der heute hippen Zeit der Startups nennt man das eine "Fuck Up Story", aus der man lernen kann. Woran ist der Ansatz gescheitert?

Ja, gemunkelt wurde damals reichlich, dazu komme ich gleich, ich muss noch den Bogen zum BiPRO-Hub schlagen: Der BiPRO e.V. hat die Normen etabliert, die Versicherer haben sie umgesetzt, und trotzdem müssen Pools und MVP-Hersteller großen Aufwand betreiben, die vielen Anbindungen zu handhaben. Gleiches gilt für den Versicherer, er muss praktisch mit jedem Consumer einzeln sprechen und den Anbindungsprozess unterstützen. Nach wie vor viel Aufwand für alle Seiten, trotz normierter Strecken. Lösungsansatz: Es braucht einen "Service in the Middle", um Datenstrukturen zu harmonisieren. Das ist der BiPRO-Hub nach meinem Verständnis. Prometheus damals war radikaler unterwegs, weil das Konzept eine Seite des Prozesses technisch vollständig vereinheitlichte Aus m:n sollte also 1:n werden, um die Komplexität zu reduzieren.

HP: Wird es dieses Mal klappen? Mit Indatex ist ja schon einmal ein Man-in-the-Middle-Konzept gescheitert und hat sehr viel Geld verbrannt - das vom Investor und auch den Versicherungen.

Hinter Indatex stecke ein gewinnorientiertes Unternehmen in privater Hand, dem wollte man sich nicht ausliefern. Der Ansatz von Prometheus war gut und sinnvoll, genau wie es der BiPRO-Hub aus meiner Sicht ist. Unser Fehler war damals, dass wir die Finanzierung wie üblich über die Versicherer gestalten wollten. Das ist mir auf einer OpenSource-Veranstaltung, auf der ich das Projekt vorstellte, klar geworden. Teilnehmer aus der Automobil- und der Luftfahrtbranche haben völliges Unverständnis über dieses Vorgehen geäußert, denn die Autohersteller hätten niemals ein Projekt eines Zulieferers finanziert. Man muss sich Partner von außen suchen, die damit in der Branche Fuß fassen wollen und den Mut haben, Neues zu versuchen. Größere und kleine Tech-Unternehmen mit entsprechendem Ehrgeiz und Skills gäbe es ja genug.
Das war ja auch ein Webfehler des BiPRO e.V., man hat auf Versicherer gesetzt, um überhaupt loslegen zu können. Die Folge davon war, dass man mit den vermeintlich wertschöpfenden TAA-Normen begonnen hat. Die haben die Makler aber überhaupt nicht interessiert. Und jahrelang haben alle TAA-Normen umgesetzt und sich gewundert, warum am Ende eines teuren IT-Projektes das gleiche Neugeschäft ins Haus kam. Außerdem haben Partikularinteressen und Eitelkeiten zu überflüssigen "Produkt-Ausstülpungen" zu Lasten normalisierter Strukturen in den Satzbeschreibungen geführt. Meine These ist: Hier muss einer konsequent vorlegen und ganz stabile technische Leitplanken einziehen, die für alle Teilnehmer gelten.

Michael Franke, ehemaliger IT-Vorstand und freier Berater

MT: Das ist es ja, was ich mit Re-Design der Normen meinte. Die Normen sind in der Welt und wir sehen sehr viele Individualitäten. Damit muss man umgehen, damit gehen wir seit Jahren um. Und wenn das so beibehalten wird, erkenne ich den Nutzen des Hubs nicht. Ich habe dazu einen ausgewiesenen Kenner befragt, nämlich einen Normierer der Normen selbst, Thomas Beckmann von der b+m Informatik AG.

Wer wachen Auges in den Markt schaut, sieht, dass der Hub-Gedanke schon lange da ist: Viele Versicherer und Vermittler verlassen sich schon jetzt darauf, dass technische Dienstleister ihnen die Transformation ihrer individuellen Anforderungen in das umfassende, allgemeine und lebendige Modell des BiPRO abnehmen. Dieses Modell gestalten die marktteilnehmenden Unternehmen im Verein gemeinsam.

Die jeweiligen Anpassungen sind aber sehr individuell oder im Ergebnis eher flach: Spätestens bei den TAA-Prozessen ist eine Diversifikation notwendig. Es ist schwer vorstellbar, dass eine vom Verein geschützte und unterstützte Organisation diese im Einzelfall sehr unterschiedlich aufwändige Anpassung leisten kann, ohne auf eine Harmonisierung der Geschäftsmodelle hin zu wirken. Wir sehen hier eine Gefahr für die Pluralität des Angebots - oder ein vorprogrammiertes Scheitern des Vorhabens.

Thomas Beckmann, b+m Informatik AG.

„Pluralität des Angebots oder ein vorprogrammiertes Scheitern“

Thomas Beckmann
b+m Informatik AG

HP: Diversifikation bei TAA-Prozessen ist das Stichwort, da kommt mir das Zeus-Projekt in den Sinn. Einige Lebensversicherer haben sich zusammengetan, um den Vergleichern etwas entgegen zu setzen, ich würde das als Antwort auf den Versuch der Einführung eines transaktionsbasierten Gebührenmodells durch die Vergleicher betrachten. Der Unmut ist nachvollziehbar: Der Versicherer baut BiPRO-TAA, bezahlt die Anbindung an den Vergleicher, schult die Makler und wenn dann am Ende die Ernte in Form durchgehender Prozesse eingefahren werden soll, hält wieder ein Man-in-the-Middle die Hand auf.

MT: Das Zeus-Projekt soll mit dem BiPRO-Hub Hand in Hand gehen, die Gespräche dafür sollen auch der Grund gewesen sein, warum die Informationsveranstaltung zu Beginn des Jahres ersatzlos abgesagt wurde. Ich bin wirklich auf den BiPRO-Tag gespannt, das wird ja ein Feuerwerk an Neuigkeiten geben, wenn der Lenkungsausschuss des Projektes BiPRO-Hub die neue Welt vorstellt.

HP: Jetzt aber genug der Spekulation, am Mittwoch werden auch wir von unserem gemeinsamen Verein in Kenntnis gesetzt, anschließend soll es sogar eine offizielle Information für alle geben. Das waren sehr interessante Gespräche, die wir hier geführt haben, an dem Thema sollten wir dran bleiben...

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